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Ein stolzer Ostfriese: Johann Sandersfeld präsentiert auf dem AlpenCaravanpark Tennsee in Krün das Wappen seiner Heimat, das seinen John-Deere-Bulldog ziert.

Deutschlandreise mit Traktor

Trecker-Tour: Warum ein Ostfriese entschleunigt

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Auf seinem Traktor fühlt sich Johann Sandersfeld pudelwohl - und Gott ganz nah. Seine Deutschlandreise ist mehr als nur Urlaub.

Oberes Isartal – Die schnelllebige Zeit einmal im Zeitlupen-Tempo erleben – völlig entschleunigt. Johann Sandersfeld hat immer davon geträumt. Jetzt hat er sich seinen Herzenswunsch erfüllt. Mit seinem „Trecker“ samt selbst gezimmerten Bauwagen tourt der Ostfriese durch die Republik und darüber hinaus. Denn am kommenden Wochenende möchte der 63-jährige Rentner an der Traktor-Weltmeisterschaft auf den Großglockner, Österreichs höchstem Berg, teilnehmen.

Bereut hat Sandersfeld seinen Entschluss keinesfalls. „Es ist der Wahnsinn, was ich in Gottes schöner Welt alles erlebe“, betont der bekennende Christ, der auf seiner außergewöhnlichen Reise nun Zwischenstation im Oberen Isartal gemacht hat. Auf dem Krüner AlpenCaravanpark Tennsee der Familie Zick parkte er seinen John Deere 1640. Vor zwei Jahren hat er das Prachtstück für den Liebhaberpreis von 14 000 Euro erworben. „Er ist erst 3000 Stunden gelaufen“, sagt der Mann von der Nordsee. Dabei ist sein „Trägga“, wie er in bestem Norddeutsch betont, Baujahr 1986. Sein grün-gelbes Vehikel mit 63 Pferdestärken bringt es auf 30 Stundenkilometer. Da braucht man also ganz viel Zeit, um von Remels im Landkreis Leer bis zu den Alpen zu tuckern.

„Opa, ich will mit“

Am 29. August startete der Ostfriese sein Abenteuer. „Opa, ich will mit“, flehte ihn sein fünfjähriger Enkel an. Doch diese dreiwöchige Reise möchte Sandersfeld alleine bestreiten. Denn für ihn sind die Stunden auf dem Bulldog-Sitz auch etwas Spirituelles. Getreu dem Motto: Der Weg ist das Ziel. „Ich denke viel über mein Leben nach, über das Sterben und über den Himmel.“ Und wenn der bald dreifache Opa durch „Gottes schöne Welt“ tourt, dann betet und singt er „und danke meinem Schöpfer“. Ja, dann wird das zurückhaltende Nordlicht geradezu pathetisch. „Ich freue mich auf den Himmel und die Herrlichkeit bei Jesus.“ Für den „überzeugten wiedergeborenen Christen“ ist dieser Urlaub ein Gottesdienst. Irgendwie scheint der fromme Sandersfeld, der lange Zeit als Ausbildungsmeister in der Metallbranche tätig war, Kind geblieben zu sein. „Seit meinem zehnten Lebensjahr fahre ich Trecker.“ Kein Wunder, schließlich ist er auf einem Bauernhof aufgewachsen.

Radeln am Großglockner

Mittlerweile hat sich Sandersfeld vom Oberen Isartal über Berge, Wälder und Wiesen zum Großglockner vorgearbeitet. Mit dem Mountainbike bezwang er diesen Giganten der Alpen bereits. In vier Stunden schaffte es der Flachländer nach oben, wo ihn am frühen Abend viel Schnee und Kälte erwarteten.

Als er zurück radelte, musste Sandersfeld stoppen – ein Reifen hatte einen Platten. 18 Kilometer trennten ihn noch von seinem Bulldog und Bauwagen. Bei den arktischen Temperaturen wäre er im Tal als Eisklumpen angekommen. Zum Glück hielt ein tschechischer Urlauber und packte ihn und sein Fahrrad in seinen Pkw. Für den dankbaren „Trecker-Freund“ eines dieser faszinierenden Erlebnisse, die ihn so unendlich glücklich machen.

Nun bereitet sich der Ostfriese auf die Traktor-WM vor. Rund 500 Maschinen sind auf der Zwölf-Kilometer-Tour im Einsatz. Sind alle oben, werden die einzelnen Zeiten addiert und durch die Teilnehmerzahl geteilt. Wer dem Ergebnis am nächsten kommt, ist der Sieger. Doch das ist Johann Sandersfeld völlig egal – denn der fahrende Pilger hat schon längst gewonnen. 

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