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Naturschönheit: Immer im April blühen die Krokusse im Isartal, im Hintergrund sieht man das Karwendel.

Naturschauspiel im Karwendel

Krün: Das Krokus-Wunder vom Isartal

April – das ist die Zeit der Krokus-Blüte im Isartal. Seit jeher verfallen viele Menschen dieser wilden, ungezügelten Pflanze. Auch Fotograf Hans Buchwieser aus Krün. Seine Kamera liegt längst griffbereit für das einzigartige Naturphänomen. In ein paar Tagen werden wieder viele Millionen Krokusse sprießen.

Krün – Hans Buchwieser, 79, liegt im Gras und wartet. Seine Kamera hat er auf ein Stativ geschraubt, das vor ihm steht. Durch den kleinen Sucher fokussiert der Krüner seine „Models“. Diese haben allerdings keine langen Beine und wallendes Haar. Sie sind eher klein und kunterbunt: Krokusse.

„Ich muss noch auf die Sonne warten“, sagt Buchwieser. So als könnte das kleine Schwertliliengewächs ihn hören. Es neigt sich im Takt des Isartaler Föhns sanft vor und zurück. Dann, endlich, kommt ein Sonnenstrahl. Die Blüten funkeln leicht. Buchwieser drückt ab. Klack, klack, klack. Buchwieser muss lächeln, als er das Ergebnis auf dem kleinen Bildschirm seiner Canon 5D betrachtet. Langsam steht er auf, wischt sich mit seinen Händen den Dreck von der Hose. Geschafft.

Kaum ist der Schnee weg, sprießen Millionen Krokusse

Allerdings war das für ihn lediglich ein kleiner Test in seinem Garten daheim in Krün im Kreis Garmisch-Partenkirchen. So was wie die Generalprobe. Denn nächste Woche geschieht im und um das Isartal wieder ein kleines Wunder, ein Blumen-Wunder. Kaum ist der Schnee weg, sprießen Millionen Krokusse auf den Wiesen und Feldern. Hunderte Fotografen werden dann ins Isartal reisen. Die Leidenschaft der Hobby- und Berufsfotografen aus ganz Europa ist ein Glücksfall für den Tourismus in der Region. Die Bilder gehen um die Welt – ob in internationalen Magazinen, in Urlaubsalben oder auf sozialen Plattformen wie Facebook und Instagram: Die kleine Blume aus dem Isartal wird jährlich zum großen Star.

Ein besonders eindrucksvolles Blütenmeer wächst am Geroldsee, in dem gleichnamigen Krüner Ortsteil. Zu Fuß sind es nur wenige Meter, bis der Wanderer mitten in einem Meer aus weißen und violetten Blüten steht. Wann genau es nächste Woche so weit ist, weiß keiner. Zu eigensinnig ist das Blümlein, zu unberechenbar die Witterung in den Alpen. „Frost stört sie zwar wenig“, sagt Buchwieser. Doch ein plötzlicher Wintereinbruch, dem eine dicke Schneedecke folgt, könnte dem Gewächs durchaus gefährlich werden. Deshalb gibt es nicht jedes Jahr die gleiche Blütezeit.

Besonders liebt Buchwieser die wilden Krokusse, die im Soiernkessel wachsen

Wenn die Witterung in den Alpen passt, erleuchten Mitte April die Buckelwiesen, die Wiesmahd und die Felder im Isartal farbenfroh. Dann holt auch Buchwieser wie die vielen anderen Fotografen seine Kamera und legt sich im Gras auf die Lauer für den perfekten Krokus-Moment. Direkte Konkurrenz kennt er allerdings nicht. „Es hat jeder seinen eigenen Stil und seine eigene Vorliebe“, sagt er. Für ihn ist das Fotografieren wie Meditation. „Ein Ausgleich zum Alltag.“

In jeder freien Minute zieht es den begeisterten Bergsteiger hinaus in die Natur. Dann ist Buchwieser meist mit seiner Kameratasche zu sehen. Er fotografiert abseits der Touristenpfade. Wie oft er seine Ausrüstung schon Wanderwege und Klettersteige hoch und runter schleppte, kann er unmöglich beziffern.

Besonders liebt Buchwieser jene wilden Krokusse, die im Soiernkessel rund um den Soiernsee wachsen. Hier, wo bereits der Märchenkönig Ludwig II. im Jahr 1868 die Abgeschiedenheit und wahrscheinlich auch die Krokus-Blütenzeit genoss, sind seine schönsten Motive entstanden. „Hier oben sind sie viel kleiner und kompakter“, sagt Buchwieser über die alpine Gattung der Krokusse. Hier müssen sich die Wanderer allerdings noch gedulden: In den Bergen werden die Krokusse erst ab Juni wachsen. Auf 1600 Höhenmetern hat sich das Gewächs perfekt der rauen Bergnatur angepasst. „Sie blühen hier allerdings nur in Weiß oder in Violett.“ Nur in Züchtungen können die Krokusse auch in Gelb oder Dunkelblau vorkommen.

Generalprobe im eigenen Garten: Hans Buchwieser, 79, aus Krün fotografiert leidenschaftlich gerne Krokusse. 

Auch davon hat Buchwieser schon etliche Fotos gemacht. In seinem Garten hat er fleißig nachgeholfen. Hier wachsen die Garten-Krokusse rund um sein Ferienhaus Steinrösl in Krün. „Es werden jedes Jahr mehr“, sagt er stolz. „Doch das hier sind lediglich Garten-Krokusse.“ Diese werden im Gegensatz zu ihren wilden Kollegen auf den Almwiesen mit Knollen gepflanzt. Ausgesät werden sie im Herbst, vorzugsweise zwischen Oktober und November. Wenn die Pflanze dann im Frühjahr sprießt, ist es das Wichtigste, „nicht vor Mitte Juni zu mähen“. Denn bis dahin würde sich die Zwiebel, also die Wurzel, von dem verwelkten Kraut ernähren. Zum Leidwesen seiner Frau, sagt Buchwieser und schmunzelt. „Sie schimpft immer, wenn das Gras so hoch wächst. Aber da muss sie durch.“ Denn mäht er das Gras zu früh, schwächt er die Krokusse. „Dann werden sie im nächsten Jahr schwächer.“

Die Enttäuschung wäre zu groß für ihn, wäre der Wuchs nicht noch besser als im Vorjahr. Schließlich ist es für ihn der schönste Anblick überhaupt, wenn er nach einem langen, strengen Winter aus dem Fenster blickt und die ersten Spitzen in seinem Garten entdeckt. „Da“, sagt er, „geht mir das Herz auf.“

Der ehemalige Bauhof-Leiter des Wasserkraftwerks in Einsiedl am Walchensee entdeckte schon früh seine Liebe für die Fotografie. Mit 16 Jahren kaufte er sich seine erste eigene Kamera. „Ganz ein billiges Trum“, gesteht er. „Eine Agfa war das, glaub ich.“ So fertigte er seine ersten Naturbilder in einem 6:9-Format in Schwarz-Weiß und ganz geringer Lichtstärke an. „Aber für mich hat es damals leicht gelangt.“ Seither war sie bei jeder Bergtour mit dabei. Sah unzählige Gipfel und blühende Wiesen.

Mit seinem Hang zur Fotografie wuchs auch seine Leidenschaft für Krokusse. Er lernte das Gewächs mit all seinen Eigenheiten kennen und verstehen. Als Krokus-Fachmann will er sich aber gewiss nicht bezeichnen. „Dafür gibt es ja Botaniker“, sagt Buchwieser. Das mag stimmen. Aber wahrscheinlich gibt es keinen Botaniker auf dieser Welt, der schon so viele Krokusse gesehen hat wie Hans Buchwieser.

Josef Hornsteiner

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