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Voller Stolz führen Mathias Gschwendtners (hinten) Enkelin Anna und Maxi (Enkel von Gemeindehirten Max Kriner) das Kalb „Locke“ an den Zuschauern vorbei.

Das ganze Dorf packt an

Trotz Regen: Rinder-Abtrieb und Bauernmarkt in Krün lockt viele Besucher an

Es ist ein Festtag in Krün: Am Samstag wurden wieder aufgekranzte Rinder durch den Ort getrieben. Die zahlreich erschienenen Zuschauer konnten 139 Tiere bestaunen – und danach über den Bauernmarkt schlendern.

Die Kuh zickt: Alois Kramer („Ferl“) setzt dem Tier den Kopfschmuck auf – mit Mühe.

Krün – Unten an der Isar steht Alois Kramer bei starkem Regen in der quietschnassen Wiese. Es ist neun Uhr. Mit einigen Helfern verpasst der Chef der Krüner Almbauern den Hauptdarstellern des Tages das festliche Outfit, kranzt auf. Doch nicht jedes Rind weiß die Bemühungen zu schätzen. Manche Kuh tobt mit wilden Sprüngen übers Gras und versucht mit aller Kraft, den ungewohnten Aufputz am Kopf loszuwerden. Die Artgenossen lassen sich anstecken und rennen mit. „An diesem besonderen Tag sind halt alle etwas nervös, die Tiere wie die Menschen“, sagt Gemeindehirte Max Kriner. Aus langjähriger Erfahrung weiß er, dass sich die Kühe bald wieder beruhigen, sie sich zwei Stunden später artig durch den Ort, vorbei an den Zuschauermassen, zum Festzelt führen lassen.

Die Hirten bekommen Besuch. Bürgermeister Thomas Schwarzenberger (CSU) erscheint kurz an der Heimweide. Er schaut, ob alles passt. Mit Ausnahme des unwirtlichen Wetters, das allen etwas auf die Stimmung drückt, läuft alles nach Plan. So wie der komplette Almsommer. Abgesehen von der Trockenheit sei er hervorragend gewesen, bilanziert Kriner. Ohne Unfälle. Überhaupt hatte der Gemeindehirte in 18 Jahren nur fünf Todesfälle zu beklagen. Bei vieren davon „war’s der Blitz“, sagt er.

Der Rathauschef verabschiedet sich wieder. Er muss pünktlich an der überdachten Rednertribüne am Maibaum eintreffen. „Für das Wetter ist hier bei uns der Zweite Bürgermeister zuständig“, scherzt Schwarzenberger. Für diesen Tag nimmt er sich stets Zeit. Zum zwölften Mal verbinden die Krüner den Abtrieb mit einem großen Fest. Bei der Premiere habe es noch Überzeugungsarbeit gebraucht, gesteht er. „Des hamma no nia so g’macht“, hieß es. Der Bürgermeister konnte das Argument entkräften, als er versprach, selbst eine Kuh durch den Ort zu führen. Mittlerweile moderiert er die Traditionsveranstaltung.

Festtag in Krün: die Bilder vom Almabtrieb und Bauernmarkt

Überall im Dorfzentrum sind Lautsprecher installiert. Alle Zuschauer können Schwarzenberger hören. In der Karwendelstraße tut sich noch nicht viel, beim Festzelt ist auch noch nichts los. Bei dem Wetter zieht’s kaum einen zu früh in den Regen. Doch keine halbe Stunde später füllen sich die Straßen – und der Bürgermeister kann um kurz vor 11 Uhr mit seinem Unterhaltungsprogramm loslegen. Er informiert das Publikum über die Bedeutung der Almwirtschaft für die Kulturlandschaft („Wo nicht mehr beweidet wird, holt sich der Wald das Gebiet ganz schnell zurück“) oder über die Rückbesinnung auf seltene Arten. Zum Beispiel auf das Murnau-Werdenfelser Rind, von dem 1896 noch 62 000 existierten, um 1950 noch 23 000 – und das fast ausgestorben wäre. „Derzeit können wir wieder circa 1000 Tiere verzeichnen.“

Die Glocken bimmeln. Sie kündigen um kurz nach halb Zwölf die ersten Rinder an. Von der morgendlichen Unruhe auf der Heimweide ist nichts mehr zu spüren. Diszipliniert laufen die Kühe mit ihren Hirten durch das enge Spalier. Besonders schön aufgekranzte Kühe bekommen Sonderapplaus, ebenso die Kinder Anna und Max, die voller Stolz das Kalb „Locke“ in dem Zug mitführen. 139 Rinder ziehen am Publikum vorbei. Etwa 100 kommen von der Krüner Alm, knapp 40 von der Brandle Alm auf Mittenwalder Gebiet, auf die die Krüner ein Zuschlagsrecht haben.

Wie es brutzelt: (v.l.) Pauline Kramer, Rosi Pfeffer und Beate Schober bereiten die deftigen Auszog’nen zu.

Nach dem tierischen Spektakel strömen viele ins 1500-Mann-Zelt, das schnell voll ist. Draußen auf dem Bauernmarkt herrscht ebenfalls Gedränge. Vor allem an dem Stand, an dem es die Auszog’nen gibt. Rosi Pfeffer, Chefin des Touristikvereins, und ihre Mitstreiterinnen verarbeiten dort 35 Kilo Teig zu dem Gebäck. Dieser Tag habe eine immense Bedeutung für die Almbauern und das ganze Dorf: „Da helfen alle zam.“ Es ist aber auch ein Touristenmagnet. „Viele kommen von weit außerhalb, um den Almabtrieb mit uns zu feiern“, erzählt Pfeffer.

Ihr Bruder, Alois Kramer, trifft im Festzelt ein, gönnt sich eine Maß und gibt Hintergrundwissen preis. „Bei unserer knappen Talfläche brauchen wir den Weidegrund oben für das Jungvieh dringend“, sagt er. „So bekommen wir einen robust aufgezogenen Nachwuchs.“ Als Anreiz für die Almbauern prämiert Kramer später die schönste Kuh, eine trächtige Kalbin, 34 Monate alt. Ihr stolzer Besitzer heißt Mathias Gschwendtner. Er darf seinen Erfolg feiern – und mit ihm seine Kollegen und die zahlreichen Besucher. Sogar die Sonne ist nun doch noch mit von der Partie.

Sabine Näher

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