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Bei der PK lässt Angela Merkel die Bombe platzen.

Der Tag, an dem sich im Landkreis viel veränderte

Vor 5 Jahren verkündete Kanzlerin Merkel die G7-Sensations-Nachricht: Das dachten sich die direkt Betroffenen

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Ers war ein Kraftakt für die gesamte Region – der G7-Gipfel. Vor genau fünf Jahren hat Bundeskanzlerin Angela Merkel Schloss Elmau offiziell als Tagungsstätte verkündet. Eine Nachricht, von der nicht jeder direkt Beteiligte gewusst haben will.

Elmau – Sie war schon am Aufstehen. Da ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Pressekonferenz (PK) zur Kabinettsklausur in Meseberg die Bombe platzen. Die Regierungschefin verkündete, dass der G8-Gipfel – am Anfang ging man noch von der Teilnahme Russlands aus – 2015 in Schloss Elmau stattfinden wird. Was sie eher beiläufig erwähnte, war heute vor fünf Jahren für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen die Sensations-Nachricht schlechthin.

Exakt acht Minuten später, um 12.54 Uhr an diesem 23. Januar, klingelte bei Thomas Schwarzenberger (CSU) das Telefon. Während er am Küchentisch saß, erkundigte sich ein Journalist nach der ersten Reaktion von Krüns Bürgermeister. Dabei musste auch er die Botschaft kurz sacken lassen. Erst durch Merkels Worte will er erfahren haben, dass das Politspektakel auf Krüner Gemeindeflur über die Bühne gehen soll. „Ich habe einen Hinweis bekommen“, sagt Schwarzenberger, „dass es klug wäre, die Pressekonferenz anzuschauen.“ Sofort googelte er, schaute auf der Seite des Bundespresseamts nach, welche Inhalte thematisiert werden. Fand aber nichts, was für ihn unmittelbar von Bedeutung sein könnte.

Schreckensbilder aus Heiligendamm im Kopf

Was auf ihn zukommt, realisierte der Bürgermeister nicht ad hoc. Sein erster Gedanke: Da wird ein bisschen was abgesperrt werden. Sein zweiter: Wie bringt man die Kälber auf die Wettersteinalm? „Ich habe schnell erkannt“, sagt Schwarzenberger und lacht, „dass das nicht das größte Problem sein wird.“

Hier logierten die Staatschefs: das Schloss Elmau.

Wie Krüns Gemeindechef waren alle unmittelbar Beteiligten im Vorfeld auf die PK hingewiesen worden. Die Staatskanzlei informierte Landrat Anton Speer (Freie Wähler), dass etwas Großes im Landkreis ansteht, aber ihm zufolge nicht, dass es sich um das Treffen der mächtigsten Staatsoberhäupter handelt. Die Nachricht – erfreulich. Gleichzeitig liefen die Bilder von den massiven Protesten 2007 in Heiligendamm vor ihm ab. Sofort war dem Landrat klar: Das wird eine enorme Herausforderung für den Landkreis und seine Behörde. Er nahm Kontakt zum dortigen Amtskollegen auf, holte sich Tipps.

Selbst Schlossherr Dietmar Müller-Elmau beteuert noch heute, fünf Jahre später, vorher noch keine offizielle Zusage für Elmau als Tagungsstätte bekommen zu haben. „Ich wusste, dass wir Kandidat sind“, betont der Eigentümer des Fünf-Sterne-Superior-Hotels. Die offizielle Zusage habe auch er erst im Fernsehen durch Merkel erhalten. „Ich hatte noch keinen Vertrag.“ Damals, etwa eine Stunde vor Merkels Offenbarung, dementierte Müller-Elmau auf Tagblatt-Nachfrage vehement, dass sein Hotel für den Gipfel im Rennen ist. „Mit mir hat niemand gesprochen. Und so etwas wird sicher nicht über meinen Kopf hinweg entschieden. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet und mich nicht darum bemüht“ – so lauteten seine Worte.

Strikte Geheimhaltung

Der Gipfel verpflichtet(e) zu absoluter Verschwiegenheit, zu strengster Geheimhaltung für alle Involvierten. Ein leichtes Spiel für Dr. Jakob Edinger. Diskretion gehört mit und ohne das Weltereignis zu den Maximen seines Hotels „Das Kranzbach“. Etwa zwei bis drei Monate vor der PK begann für ihn das G7-Abenteuer, als das Elmau-Kranzbach-Paket geschnürt worden ist. Bei dem Tiroler Tourismus-Experten betteten sich im Juni 2015 die Präsidenten der so genannten Outreach-Länder. Beschützt von rund 300 Sicherheitskräften. Sie bewachten rund um die Uhr den Entspannungstempel mit seinen 40 Ausgängen. „Es gab massivste Sicherheitsvorkehrungen, weit größer als erwartet.“

Nicht ohne Grund machte sich Edinger, der selbst nur mit Polizeischutz das Kranzbach verlassen konnte, im Vorfeld Gedanken. Ein „gewisser Respekt und Vorsicht“ spielten mit. „Wir waren informiert über das Bedrohungsszenario“, erzählt er. Wie ein Nobel-Haus, das für Ruhe und Rückzug statt für Trubel steht, agiert? Es kontaktierte die Stammgäste, verschickte zweimal je 25 000 Briefe an sie und versicherte ihnen, dass sie vom Gipfel davor und danach nichts spüren. Gleichwohl garantierte ihnen Edinger, dass das Weltereignis keine Preiserhöhungen nach sich zieht. Das Konzept ging auf. Es sei zwar eine „kleine Delle“ bei den Buchungen kurz zuvor und nach dem Ende zu spüren gewesen. Seither spricht ihn aber kein Gast mehr auf G7 an.

Trotz des Wirbels, des Gefahrenpotenzials durch den Schwarzen Block beispielsweise, oder trotz der enormen Belastungen -- Schwarzenberger spricht von der arbeitsintensivsten Zeit seiner Karriere – blieb der Gipfel bei den vier Männern in bester Erinnerung: Sei es der Empfang am Krüner Rathaus mit Merkel und US-Präsident Barack Obama, die Gamsbart-Turban-Begegnung von Speer mit Ellen Johnson Sirleaf, der Staatspräsidentin von Liberia, oder die 30 Millionen Euro, die unter anderem in die Infrastruktur des Landkreises geflossen sind. Noch heute profitiert die Region von der Werbung damals und von den Kontakten zu den Schaltzentralen der Politik. „Wenn man ein Anliegen hat“, betont der Landrat, „wird man sofort wahrgenommen.“

Das Staatstreffen schrieb Geschichte – als friedlichster Gipfel. Für Müller-Elmau war es ein Traum, der in Erfüllung ging. Ein einmaliger. Nochmal, meint er, „wird es G7 in Elmau nicht geben.“

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