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Ein letztes Mal golden: die Oracle Arena bei Spiel 4 der NBA-Finals.

Die Tagblatt-Kolumne von den NBA-Finals

Ball(er)Männer III: Abschiedsbrief an die goldene Hölle

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Oracle-Arena - für Oakland und seine Bürger war das über Jahrzehnte ein Zufluchtsort im grausamen Alltag. Bald aber zieht das Basketball-Team, der Stolz der Stadt, aus. Der passende Augenblick, um Lebewohl zu sagen.

Zwei Bayern alleine in Nordamerika: Die beiden Merkur-Mitarbeiter Stephan Adelberger und Andreas Mayr berichten drei Wochen von den Endspielen der besten Basketballliga - und ihren Abenteuern. Hier der dritte Teil ihrer Kolumne aus Oakland/Kalifornien:

Eigentlich sollten wir an dieser Stelle dem Tempel huldigen. Eigentlich sollten wir eine Ode an die goldene Hölle der Bay-Area schreiben. Eigentlich sollten wir dankbar sein, die letzten Stunden der Kathedrale zu erleben. Aber wir haben nur einen letzten Wunsch: Reißt diesen Schuppen endlich ab! Richtig gehört: Macht die Hütte platt! Lasst nichts von diesem Relikt übrig!

Die letzte Irrfahrt durch das Labyrinth

Es tut uns leid, Oracle Arena, aber du hast deinen Charme verloren. Damals, vor drei Jahren, hielten wir dich für die angesagteste Bühne im Basketball mit den coolsten Entertainern deiner Generation. Du warst Wembley, und die Warriors waren unsere Stones. Wir haben gerne übersehen, dass deine Sitze den Staub von 52 Jahren inhaliert haben. Versteckt und verdeckt von T-Shirts, die noch immer gold-gelb leuchten, aber mittlerweile verzweifelt die Treue ihrer Anhänger einfordern: Stay golden - „Bleiben Sie golden“ - verlangt man. Offensichtlich ist auch in den Tiefen der Arena angekommen, wie müde der Erfolg die Kundschaft gemacht hat. In San Francisco erfahren wir von einem Rapper, der im August mit Samy Deluxe auf Alpen-Tour geht, dass das Herz der Stadt nicht mehr im Takt von Currys Dribblings schlägt. Vielleicht hat diese Mannschaft zu oft zu viel in zu kurzer Zeit gewonnen, was nicht nur die Marketing-Genies des Meisters vor baumhohe Herausforderungen stellt. Sie haben in den vergangenen vier Jahren Mottos für über 50 Playoff-Spiele aus ihren Köpfen kramen müssen. Ihr Cheat Code fürs Finale: Jetzt wird kopiert. „Stay golden“ - diese Aufforderung hat man gleich bei beiden Finalspielen aufs Souvenir gedruckt. Sie soll Bitteschön bei allen ankommen, die den Abschiedsvorstellungen in Oracle beiwohnen. Verbunden mit der Einladung ins neue Luxus-Apartment auf der anderen Seite der Brücke. Im Sommer ziehen die Warriors nach San Francisco. Wir ringen mit uns, was wir davon halten sollen. Endlich keine Irrfahrten durchs endlose Oracle-Labyrinth mehr. Endlich keine Arbeitsplätze mehr, die an ein Feldlazarett im Krieg erinnern. Endlich keine Aufzüge mehr, die lieber fahrbares Essen als Menschen transportieren. Endlich Platz. Endlich freie Sicht. Endlich, endlich, endlich.

Abschiedsfoto: die Merkur-Mitarbeiter (v.l.) Andreas Mayr und Stephan Adelberger mit dem deutschen Kollegen Len Werle.

Aber wir leiden mit Oakland, einem der hässlichsten Fleckchen dieser Erde. Dort verabreden sich die Plastikbecher neben einem Plakat des örtlichen Müll-Entsorgers. Im Bach baden nicht einmal die Enten gerne. Wer hierher kommt, besucht den Burger-Laden In-and-Out, weil ihm die Schlange in San Francisco zu lange ist und er den Namen wörtlich nimmt: Rein nach Oakland und wieder raus. So schnell wie möglich. Oder er sichert sich am National Donut Day (7. Juni, also am Freitag) die kostenlosen Kaloriengranaten. Und doch leben in Oakland über 400 000 Menschen, von denen es vielen nicht gut geht und für die das Coliseum immer ein Zufluchtsort war. Hier bekamen sie für eine Handvoll Dollar den Zutritt zur Glitzerwelt der NBA. In den letzten Jahren natürlich für ein paar Dollar mehr. An Spieltagen trafen sie Al Attles, den legendären Meistercoach von 1975, erst in Nachbars Garten, dann im Stadion. Oakland atmete durch sein Coliseum, das dieser Stadt so ähnlich war: heruntergekommen, aber stolz.

Die Alten werden erzählen, wie ihre Warriors den Basketball neu erfanden

Was jetzt aus Oakland wird, weiß keiner. Aber man hat ja noch nie an Oakland gedacht. Mit jedem Dollar, den die Kartenpreise stiegen, gab ein weiterer Einheimischer auf. Auf Plätzen, auf denen sich früher die halbe Stadt traf, logieren nun die Fans aus San Jose oder die Reichen aus San Francisco. Den Umzug ins Chase Center werden nicht viele mitmachen. Oakland wird im Oktober wehmütig über die Bucht blicken. In ein paar Jahren werden die Alten, die heute noch ziemlich jung sind, von den Schlachten in der Oracle Arena erzählen. Sie werden berichten, wie Stephen Curry den Basketball neu erfand und wie alles endete.

Rot statt Gold: die Fans der Toronto Raptors nach dem Schlusssignal.

In der Nacht auf Samstag hat sich Oracle noch einmal aufgerichtet. Wie der Tapfere vor dem Tod. Die Lebenszeichen waren selbst unter dem Hallendach noch klar und deutlich zu vernehmen. Aber irgendwann im vierten Viertel verstummten die Schreie, und alle in den gelben Leibchen liefen davon. An anderen Orten hätte sich Totenstille über das offene Grab gelegt. Doch Oracle hat sich eben noch nie wie diese anderen, modernen Unterhaltungs-Paläste verhalten. Die Halle, 52 Jahre alt, erobert von ihren Gästen, die sie entfremdeten und als Ersatzheimat mehr als 4000 Kilometer von Zuhause entfernt benutzten. Die Raptors feierten ihren dritten Sieg mit tausend Anhängern. Sollten das wirklich die letzten Bilder aus diesem Monument gewesen sein, dann sollten sie die Anhänger der Warriors aus ihrem Speicher löschen. Montagnacht entscheidet sich, ob es noch ein letztes Schauspiel in Oracle zu sehen gibt. Die Golden State Warriors müssen gewinnen. Nur ein Sieg verlängert das Leben der alten Dame um eine weitere Woche. Ansonsten hört das Herz irgendwann zwischen 19 und 20 Uhr Ortszeit zu schlagen auf.

Wir werden dich vermissen, liebes Coliseum! 

Andi & Stephan

Lesen Sie auch:

Teil 1: Die Rückkehr der Amerika-Abenteurer

Teil 2: Wie ein NBA-Star uns lieben lernte

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