Dieser Platz hat Magie: Hüttenwirt Simon Neumann, 35, auf einer selbstgebauten Brücke über die Partnach.

Zum 100. Geburtstag

Ein Besuch auf der Sehnsuchtshütte

Garmisch-Partenkirchen - Hier oben gibt es Bayerns schönsten Biergarten, jeden Morgen, 6 Uhr, eine Überraschung und einen Hüttenwirt, der aufregende Expeditionen unternimmt – bloß um Brot zu beschaffen. Die Reintalangerhütte ist ein Sehnsuchtsort.

Um 6.50 Uhr findet Simon Neumann, 35, einen Laib Brot. Wahrscheinlich Roggen. Er steigt von seinem Quad, schnallt das Brot mit einem Gummiband an sein vierrädriges Gefährt und sagt: „Muss ich wohl gestern verloren haben.“ Dann braust Simon, der Hüttenwirt, weiter – diesen verdammt engen, spitzsteinigen, mal steilen, mal absurd holprigen Wanderweg entlang. „Bin mal gespannt, was noch alles kommt“, sagt Simon und umkurvt die Wurzel eines mächtigen Baums, so dass es das Quad und ihn kraftvoll durchschüttelt.

Um 6.58 Uhr sagt er: „Oh, noch eins.“

Simon, gelernter Reiseverkehrskaufmann aus München, hat gerade ein zweites Brot gefunden. Es ist schon angefressen. Womöglich von den Rehen. Er schnallt auch diesen Laib ans Quad. Nicht dass ein Wanderer drüberstolpert. Oder ein Reh. Oder gar ein Mountainbiker. Dann fährt er weiter, als wäre es das Normalste auf der Welt, in aller Herrgottsfrüh mit einem Quad das Reintal zwischen Zugspitzplatt und Partnachklamm runterzufegen – und dabei Brote aufzusammeln.

Aber Simons Welt ist nicht normal. Na, echt nicht. Simon ist Hüttenwirt und die Reintalangerhütte mitten im Wettersteingebirge sein Zuhause. Seine Herzenssache. Seit 20 Jahren arbeitet er hier, seit 2010 ist er alleiniger Chef der Hütte. Bettenzahl: 20 plus 90 Plätze im Matratzenlager. Höhenmeter: 1366. Öffnungszeiten: von Pfingsten bis Kirchweih. Entfernung zur Zugspitze: sechs Stunden Fußmarsch. Aufstehzeit von Simon: 4 Uhr in der Früh, sieben Tage die Woche. Arbeitszeiten: 16 Stunden, sieben Tage die Woche. Manchmal auch länger; wenn mal wieder was dazwischenkommt; wenn ein Wanderer vermisst wird; wenn der Enzianschnaps ausgeht. Oder eben das Brot, so wie gestern. Dann muss Simon mit dem Quad nach Garmisch-Partenkirchen fahren – zum Bäcker. Eine elendige Gurkerei, aber was muss, das muss. Denn hungrige Wanderer sind grantige Wanderer. Geht gar nicht. Und manchmal passiert es bei seinen Brotbeschaffungsexpeditionen eben, dass der eine oder andere Laib aus dem Quad plumpst. Berufsrisiko. Aber heute findet Simon keine verschollenen Brote mehr, stattdessen fährt er mit dem Quad weiter zum Verladepunkt. Dort, wo gleich der Helikopter hinkommt – um ihm 60 Fässer Bier, dutzende Kilo Fleisch, Gemüse, Eier, Mehl, Schnaps, insgesamt zehn Tonnen Lebensmittel auf die Reintalangerhütte zu fliegen. Ein teurer Spaß. 26 Euro kostet der Heli pro Minute. Aber auch ein notwendiger Spaß, denn anders bringt er die Waren schlicht nicht auf den Berg.

Ja, das Leben auf der Hütte ist ein arg spezielles. Man muss dafür gemacht sein. Man muss es wollen. „Wenn ich mal kurz in München bin und die Baustellen am Mittleren Ring seh, dann langt’s mir scho.“ Man muss ihn auch brauchen, den Berg. Das ist das Geheimnis. Seine Abgeschiedenheit, seine Einsamkeit, seine Schönheit.

Seit 100 Jahren gibt es Simons Hütte jetzt schon. Happy Birthday, Reintalangerhütte! Sie wollen das Jubiläum heuer noch groß feiern. Die Hütte gehört dem Deutschen Alpenverein, Eigentümer ist die Sektion München. Gleich vor dem Haus fließt kristallklar die Partnach entlang, am Wasser stehen Sonnenschirme, Tische, Stühle. Manche halten diesen Flecken Erde für den schönsten Biergarten Bayerns. Zwar ein wenig weg vom Schuss, aber wer hier jemals ein Weißbier in der Sonne getrunken hat, wird schwerlich widersprechen können. Die Reintalangerhütte ist ein Sehnsuchtsort – schon seit Generationen. Die großen Bergsteigerlegenden, Welzenbach, Merkl, Heckmair, Ertl, haben hier schon Halt gemacht. Aber auch ganz normale Wanderer kommen. Schon seit Jahrzehnten ist die Hütte eine Institution unter Bergfans. Simon sitzt inzwischen in der Stube. Es ist Mittag. Vor ihm liegen ein paar Dutzend uralte, gelbstichige Postkarten der Reintalangerhütte. Der Hüttenwirt hat sie alle im Internet ersteigert, für ein paar Euro das Stück. Manche wurden direkt hier geschrieben. „Lieber Volker, habe auf umseitiger Hütte übernachtet. Herzlichen Glückwunsch zu deiner Mont-Blanc-Besteigung“ steht dann da.

Oder: „Das Wetter ist schön und die Luft so würzig! Oma werde ich auch gleich schreiben, damit Du beruhigt bist.“ Auf einer dritten: „Lieber Horst, ich kann dir sagen, es ist herrlich hier, da würdest du glatt das Fußballspielen für aufgeben.“ Simon sagt: „Dieser Platz hier oben hat Magie.“ So sieht er das, so sehen es die Leute. So ist es.

Draußen in der Sonne stärkt sich gerade ein Wanderer mit einem Schmalzbrot. Er will heute noch weiter – Richtung Zugspitze. Ein paar andere sind schon beim Weißbier. Hektik? Keine Spur. Die Partnach plätschert. Das Leben ist gut. Das Leben ist so weit weg vom Leben. Zumindest von dem, das man aus dem Tal kennt.

Simon packt seine Postkarten zusammen, geht in die Küche und sagt: „Bisher hat sich hier oben noch keiner beschwert. Die Gäste lieben es.“ Man glaubt es ihm aufs Wort. Dann deutet er auf die schnörkelige Wandbemalung hinten in der Küche, eine junge Hüttenhilfe hat das kleine Kunstwerk im Jahr 1951 geschaffen. Es ist gleichzeitig das Glaubensbekenntnis der Reintalangerhütte. „Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König.“ So steht es da. Wer will da schon widersprechen?

Und morgen? Da geht es weiter, das Leben auf der Hütte. Simon wird alle Gäste wecken, um 6 Uhr in der Früh und mit seiner Quetschn. Er wird die „Sommerrose“ spielen, wie jeden Morgen, einen Walzer im Dreivierteltakt. Dann werden die Wanderer langsam zu den Waschräumen trotten, sich für ihre Touren rüsten, frühstücken, aufbrechen. Ein neuer Tag in den Bergen wird beginnen. Brot, heißt es, soll diesmal genügend im Haus sein. Fantastische Aussichten.

Stefan Sessler

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