Retter mehrfach zu Abstürzen an der Notkarspitze gerufen

Eisklettern boomt: Risiken und Reiz einer Trendsportart

Oberammergau - Ein "In-Berg" in den Ammergauer Alpen ist die Notkarspitze. Nachdem es immer häufiger auch zu Unglücksfällen kommt, übt die Bergwacht jetzt gezielt Einsätze an gefrorenen Wasserfällen.

„Wir sind am Eisklettern interessiert, würden es aber erst gern mal testen. Meine Freundin sagt, im Raum München müsste es das irgendwo geben“, „Ich bin ein richtiger Kletter- und Berg-Freak, wer hat Erfahrung im Eisklettern?“ Solche oder ähnliche Einträge findet man in Internet-Foren derzeit zuhauf. Keine Frage: Mit Steigeisen und Pickel gefrorene Wasserfälle oder Eiswände zu bezwingen, wenn möglich sogar nachts mit Stirnlampe (!), darin sehen immer mehr Freizeitsportler eine enorme Herausforderung. Eisklettern boomt wie nie zuvor, wie auch das Skitouren-, Schneeschuh- oder Klettersteiggehen.

Bei allem Verständnis für ein verändertes Freizeitverhalten und sportliche Betätigung – diese Trendsportarten haben auch ihre Schattenseiten. Wenn sich nämlich Menschen an Touren heranwagen, denen sie von der Schwierigkeit, Kondition und Erfahrung her nicht gewachsen sind. In den Ammergauer Bergen zählen die gefrorenen Wasserfälle der Notkarspitze zu den beliebtesten Objekten von Eiskletterern in der Region.

Dort freilich gab es im Januar 2009 zwei Rettungseinsätze: Einmal stürzte ein 38-jähriger Herrschinger 20 Meter in die Tiefe und zog sich dabei schwerste Verletzungen an der Wirbelsäule zu; das andere Mal mussten zwei Hubschrauber vier Münchner in der Nacht bergen. Erst am vergangenen Samstag war wieder ein Kletterer aus München an der „Not“ abgestürzt, diesmal gottlob nur vier Meter tief.

Bei aller Aufklärungsarbeit beschreiten nunmehr auch die Retter von der Bergwacht neue Wege, um sich auf diese Situationen einzustellen. In den Ammergauern (wo genau, soll nicht erwähnt werden) organisierte jetzt die Bergwachtregion Hochland einen „Eiskurs“: Unter der Leitung der beiden Ausbilder Robert Heiland (Oberammergau) und Helmut Schmidt (Lenggries) übten 26 Bergwachtkräfte aus 15 Bereitschaften der Region, die von Brannenburg bis Peiting/Schongau reicht, den richtigen Umfang mit Eisgeräten, Steigeisen, Eisschrauben und verschiedenen Sicherungsmethoden. Die Teilnehmer sind übrigens alle selbst Ausbilder in ihren jeweiligen Heimatbereitschaften.

Dazu Heiland: „Hintergrund dieser Schulung war die Tatsache, dass das Eisklettern in den letzten Jahren bei uns einen wahren Boom erlebt. Das ist eine ganz neue Situation für uns, auf die wir uns eigens einstellen und eine Einsatztaktik dazu erarbeiten müssen.“ Die gewaltige Entwicklung des sogenannten „Outdoor-Marktes“, die Lust auf Unternehmungen und Abenteuer in der Freizeit sowie eine immer bessere Ausrüstung seien, so der Ausbilder der Bergwachtregion Hochland, ursächlich für die stetig steigende Popularität des Eiskletterns.

Dass es dabei häufig an Ortskenntnis oder Erfahrung mangele, weiß auch Robert Heiland: „In solch schwieriges alpines Gelände sollte wirklich nur der gehen, der den Herausforderungen auch gewachsen ist.“ Die Gefahr eines Absturzes könne letztlich nie ganz ausgeschlossen werden.

Teilweise dauern solche Eisklettertouren einen ganzen Tag, wenn 500 und mehr Höhenmeter an gefrorenen Wasserfällen überwunden werden, unterbrochen von Gehphasen zwischendrin. Andere nehmen sich nur eine Eiswand vor, die allerdings auch 30 Meter hoch sein kann. Die Gefahr, dass ein Eisstück abbricht, Eisbrocken von oben herabfallen oder sich gar Lawinen oberhalb lösen, müsse immer mit einkalkuliert werden, so der Bergwacht-Experte. Wer das Kletter im Sommer nicht beherrsche, für den sei es lebensgefährlich, solche Unternehmungen zu wagen.

Manche holen sich beim Eisklettern noch einen „Zusatz-Kick“, sie kraxeln Wasserfälle nachts mit einer Stirnlampe empor. Es gab deswegen schon desöfteren Anrufe von Einheimischen bei Polizei und Bergwacht, die an der „Not“ Blinklichter gemeldet hatten. Letztendlich handelte es sich dabei meist um solche Nachtkletterer.

Ludwig Hutter

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