Kinderfreie Zone auch in mehreren Hotels in Oberbayern.
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Kinderfreie Zone auch in mehreren Hotels in Oberbayern (Symbolbild).

Umstrittenes Konzept im Kreis GAP

Kinder sind hier unerwünscht: Hotels nur für Erwachsene - „Wir werden oft angefeindet“

  • Silke Reinbold-Jandretzki
    vonSilke Reinbold-Jandretzki
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Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen verzichten mehrere Hoteliers bewusst auf die Klientel Familie mit kleinen Kindern – und bereuen ihr Geschäftsmodell nicht.

Landkreis Garmisch-Partenkirchen – Viele tausend Familien machen jedes Jahr Urlaub auf Rügen. In „Oma’s Küche“ in Binz bleiben sie ab 17 Uhr draußen vor der Tür, wenn der Nachwuchs nicht mindestens 14 Jahre alt ist. Wirt Rudolf Markl zog, um Gästen ruhige Abende bieten zu können, Konsequenzen aus dem Verhalten von unerzogenen Kindern und Eltern, die sich nicht um deren Gebaren kümmern. Markl erhielt Zustimmung wie Kritik, tauchte bundesweit in den Schlagzeilen auf. Jutta Griess, Kreisvorsitzende des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands (BHG), weiß: „Dem guten Kollegen aus Rügen konnte nichts Besseres passieren.“ Eine Anspielung auf die immense Gratis-PR.

Um die Gastgeber, die im Landkreis bewusst auf Klientel ohne Kleinkinder setzen, gibt es kein Bohei. Das Luxushotel „Das Kranzbach“ bei Klais zum Beispiel, das auch als „Wellnessrefugium“ firmiert, hat sich zwar in gewissem Umfang auf Hunde eingestellt, akzeptiert Kinder aber frühestens ab einem Alter von zehn Jahren als Gäste – eine Entscheidung, die das 2007 eröffnete Haus „konsequent verfolgt“. Der Grund: „Viele Hotels sind gleichzeitig Familienhotel und Wellnesshotel. In der Praxis geht das nicht gut“, sagt Kranzbach-Chef Dr. Jakob Edinger. Unterkünfte mit Fokus auf Familien gibt es in seinen Augen bereits sehr viele. Deshalb „haben wir uns dazu entschieden, ein Spezialist für ruhige Wellness-Urlaube zu sein. 

Von seiner Idee des Hotels ohne Kinder überzeugt: Kranzbach-Chef Dr. Jakob Edinger.

Das Kranzbach will bewusst ein Refugium der Ruhe und Erholung für Wellness und Entspannung sein“. Zu seiner Klientel zählen Paare und Einzelreisende, aber auch Freundinnen-Gruppen oder Mutter-Tochter-Gespanne – Erwachsene eben, die sich Relaxion erhoffen. Versuchen Familien mit Kleinkindern ein Zimmer zu buchen, „werden unserer Philosophie folgend solche Reservierungen nicht angenommen“, sagt Edinger. Man probiere, „den Familien unsere Philosophie zu erklären und empfehlen die Kinderhotels rundum“. Anfangs gab es für diese Praxis einige kritische Kommentare. Dies komme mittlerweile immer seltener vor, heißt es.

“Bei uns buchen Leute, weil wir keine Kinder hier haben“

Ingolf Degner räumt unumwunden ein: „Wir werden oft angefeindet.“ Zuletzt habe ihm ein Kinderarzt die Frage gestellt, „wer denn unsere Rente bezahlt“. Doch der Betreiber der Mittenwalder Bäckeralm steht felsenfest hinter der Entscheidung, die er vor sechs Jahren getroffen hat: Wer in einem der sechs Zimmer übernachten möchte, muss mindestens 16 Jahre alt sein. „Vorher hatte ich wie der Gastronom auf Rügen mehr Ärger mit Eltern als mit Kindern.“ Mit Müttern und Vätern, die sich nicht darum kümmerten, was ihre Kleinen machten, „und wir waren ewig hinterher“. Zugleich beschwerten sich andere Erwachsene. 

Degner, der das kleine Gästehaus seit 13 Jahren gepachtet hat, spezialisierte sich, schloss Kinder aus. „Ich habe es keinen Tag bereut.“ Jetzt hat er nach eigenen Angaben auch Eltern zu Gast, die ihren Nachwuchs „bei Oma und Opa lassen und sich drei, vier, fünf Tage auf sich selbst konzentrieren“. Sein Konzept verfolgt er mit Konsequenz: Kommen die eigenen Enkel zu Besuch, „sperren wir das Haus. Wir machen keine Ausnahme – bei uns buchen Leute, weil wir keine Kinder hier haben“.

Auch Christine Bartlechner weicht nicht von ihrer Linie ab. Seit Weihnachten 2017 können in ihrem Vier-Sterne-Erwachsenen-Hotel „Bayern-Resort“ in Grainau wie in vielen anderen Häusern in Deutschland nur Gäste ab 16 Jahre übernachten. Damit will sie Wellness-Urlaubern in ihrem „relativ kleinen Haus“ die Ruhe bieten, die diese suchen. Mit Kinderfeindlichkeit habe ihre Spezialisierung nichts zu tun, betont Bartlechner. Fragen Familien nach Zimmern, verweist sie auf ihre Landhäuser: „In den Ferienwohnungen sind Kinder willkommen.“

Diskriminierung? Juristisch auf dünnem Eis

Das gilt nach Wissen von Tourist-Info-Chef Philip Schürlein in Murnau für alle Beherbergungsbetriebe. Den Ausschluss von Kindern findet er „für die Vermarktung einer Destination generell schwierig, weil man ja auch mit Familienurlaub wirbt“. Griess erachtet diese gezielte Ausrichtung einzelner Betriebe als nicht schlimm – weil es in der Region alles gebe, für jeden das passende Angebot, auch für Familien: „Wir haben die absolute Bandbreite, was ich an Gastronomie und Hotellerie brauche“, sagt die BHG-Kreisvorsitzende. Jeder Unternehmer könne von seinem Hausrecht Gebrauch machen, er müsse für sich entscheiden, wie er sich positioniere – und am Ende auch das Risiko tragen.

Für Häuser, die Kinder generell und ohne gute Sach-Argumente als Gäste ablehnen, gilt das finanziell offenbar in doppelter Hinsicht. Sie bewegen sich nach Ansicht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Berlin in bestimmten Fällen juristisch auf dünnem Eis: eben dann, wenn „kein eindeutig nachvollziehbarer Grund vorliegt“, sagt Pressesprecher Sebastian Bickerich. 

Das Vorgehen des Gastronomen auf Rügen stuft er rechtlich ebenso als „bedenklich“ ein wie jenes von Hotelbetreibern, die Familien ablehnen – wegen des Verbots der Altersdiskriminierung. „Pauschale Ausschlüsse sind immer schwierig“, betont Bickerich. „Die Betreiber müssen wissen, dass sie gegebenenfalls nicht rechtssicher handeln.“ Eventuell mit Folgen: „Es könnte sein, dass ein Gericht feststellt, dass ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz vorliegt.“ Und dann droht eine Schadenersatzzahlung.

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