Sehnsucht: Die Esel dürfen vor dem Passionstheater auf ihre Eselmutter und -freundin warten. Foto: Annelies buchwieser

Esel mit Sehnsucht, Kamele mit Starallüren

Oberammergau - Der feuchte, eisig kalte Mai hat viele Mitwirkende der Passions eines Besseren belehrt: Auch jene, welche das mobile Theaterdach verteufelt haben, rufen heute Hosianna - ein Blick hinter die Kulissen.

Im Wirtshaus, am Stammtisch, malen sich Darsteller vom Hohen Rat und Chorsänger aus, wie es gewesen wäre . . . Wenn man gleich in der ersten Nummer bei nahe Null Grad im Regen steht, nach einer Viertelstunde patschnass ist und noch zwölf Auftritte vor sich hat. Das war ja früher schon brutal, trotz der zwei G‘wanda, die man noch zum Wechseln hatte, sagt ein Tenor. Selbst in drei Stunden Pause war das G‘wand nicht trocken zu kriegen. Trotz neuer Unterwäsche ist keiner gern in das nasse Kleid geschlüpft. „Das Dach ist Gold wert“, darüber sind sich die Spieler einig. Es ist zwar immer noch saukalt, aber wenigstens bleibt man trocken. Ihre Zehen haben die Sandalenträger allerdings manchmal nicht mehr gespürt. „Da mussten wir hinter der Bühne schon mal eine vorgezogene Fußwaschung mit warmem Wasser vornehmen“, verrät ein Apostel.

Das Wetter fällt von einem Extrem ins andere. An Pfingsten klettert das Thermometer auf 27 Grad. Die Spieler erhalten einen Vorgeschmack davon, was ihnen unter den schweren Kostümstoffen im Sommer blüht. Bei der Kälte haben sie sich mit zwei Schichten dicker Unterwäsche helfen können. Aber ausziehen ist nicht drin. Die vom Hohen Rat tragen ja dazu noch ein abgestepptes Unterkleid, damit das Obergewand schöner fällt. Wie eine Steppdecke, sagt einer. Und erst der Hut. Wenn die Sonne hinbrennt, fühlt der sich wie eine Grillplatte an.

Abstimmung ist bei so vielen Mitwirkenden das A und O. Die 40 Kulissenschieber müssen bei Szenenwechsel innerhalb von zwei Minuten das komplette Bühnenbild umbauen. Wenn der Chor da nicht zum exakt richtigen Zeitpunkt vor- und zurückgeht, schaffen sie es nicht. Einmal ist den Akteuren schier das Herz stillgestanden, als bei einem Lebenden Bild das Gestell mit den Flügeln und dem Heiligenschein leer dastand: Ein Engel hatte den Anschluss verpasst . . . In 20 Meter Entfernung fällt das nicht groß auf, gottseidank.

Drei verwandte und befreundete Esel haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass sie auseinandergerissen werden, weil einer aus dem Trio Jesu nach Jerusalem trägt. Anfangs haben die zwei Verlassenen im Stall so jämmerlich geschrien, dass sie zum Theater mitdurften. Auch die Kameltreiber müssen ihre Schützlinge nicht mehr austricksen, die immer mehr Starallüren entwickeln und nach dem Bad in der Menge partout nicht in den langweiligen Stall zurückwollen. Sobald die Treiber den vertrauten Heimweg einschlugen, haben die eigensinnigen Viecher gestreikt. Also haben sie ihre Führer eine Zeitlang auf verschlungenen Pfaden heimwärts geführt.

Sogar ein kleines Wunder ist schon passiert: Der Johannes Flemisch, ein Schächer, hat sich am Fuß verletzt (nicht beim Spiel). Angeblich, so ist durchgesickert, hat er in seiner Not einen Wunderheiler konsultiert. Und innerhalb kürzester Zeit genas er und hing wieder am Kreuz.

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