Experte: Jugendliche benötigen Grenzen

Murnau - Die Diskussion um gewaltbereite Jugendliche wird nach Ansicht von Johannes Templer vom Murnauer "Erlhaus" für Wahlkampfzwecke missbraucht. Doch er sagt: "Die Jugend braucht Grenzen".

­Die Meldungen über eine steigende Gewaltbereitschaft bei jungen Leuten quittiert Diplom-Sozialpädagoge Johannes Templer mit Kopfschütteln. Der Leiter des Murnauer Jugendzentrums "Erlhaus" kennt die Probleme, Sorgen und Nöte der Elf- bis Achtzehnjährigen. Er betont: "Die Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen insgesamt war noch nie so gering wie gegenwärtig." Dies bestätigten die Zahlen der Jugendkriminalitätsstatistik. Nur eine sehr kleine Gruppe von Jugendlichen falle durch mehrfache Gewalttaten auf. "Das Thema ist nicht die Gewaltproblematik an sich, sondern: Wir haben Wahlkampf. Aufnahmen von Überwachungskameras bieten eine willkommene Möglichkeit, das entspechend zu inszenieren", sagt der 51-Jährige.

Das Hauptproblem beim Umgang mit gewaltbereiten Jugendlichen sieht Templer bei der schwindenden Bereitschaft, sich mit den jungen Leuten auseinanderzusetzen und der mangelnden Konsequenz von Eltern, Erziehern und Justiz: "Wenn es unter Jugendlichen Regelverletzungen gibt, müsste sofort mit den zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln reagiert werden", meint der Sozialpädagoge. "Wenn jemand sechs, sieben Mal durch Gewaltdelikte aufgefallen ist, ist das für mich ein Unding."

Die vorhandenen Gesetze reichten völlig aus, betont er in diesem Zusammenhang ­ jedoch müssten sie konsequent umgesetzt werden. Den Fokus auf einige wenige spektakuläre Fälle zu richten, sei schlichtweg falsch.

Jugendliche seien ein Spiegel der Gesellschaft. Sie orientierten sich an der Erwachsenenwelt und deren Verhaltensweise, erklärt der "Erlhaus"-Leiter. "Sie brauchen nicht unbedingt Gewaltvideos anzuschauen, da genügen die Fernsehnachrichten. Die jungen Menschen lernen, dass es in der Erwachsenenwelt um Macht geht und Interessen oft mit Krieg, Gewalt und Betrug durchgesetzt werden ­ ohne Rücksicht auf nachfolgende Generationen. Und dass es sich lohnt zu lügen."

Sein persönliches Fazit: "Jugendliche in der Pubertät brauchen Grenzen." Doch diese würden immer weiter gesteckt. "Wenn sie sie überschreiten, brauchen sie Menschen mit Zivilcourage, die ihnen diese Grenzen stecken, und realistische Perspektiven, die eigene Zukunft zu gestalten."

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