IHK schlägt Alarm

Fachkräfte verzweifelt gesucht

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Garmisch-Partenkirchen - Die Wirtschaft des Landkreises leidet unter dem Fachkräfte- und Azubimangel. Dieser betrifft längst nicht nur die beiden dominierenden Branchen Tourismus und Gesundheit.

Das Büro des Bad Kohlgruber Architekten Otto Fussenegger läuft gut: Die Auftragsbücher sind voll, der Betrieb kann Referenzen wie die neue Großgaststätte „Zum Murnauer“ vorweisen. Der 66-jährige Chef bräuchte aber dringend Verstärkung für sein Team: einen Architekten, Bauingenieur oder Bautechniker. Doch geeignete Kandidaten sind dünn gesät. „Es ist schwer, jemand Gescheites zu finden“, resümiert Fussenegger. Der Architekt schlägt einen ungewöhnlichen Weg ein: Er schrieb per E-Mail seine rund 700 Kontakte – „Firmen, Verwandte, Bekannte und liebe Freunde“ – an und bat um Hilfe. Für einen „guten Tipp“ zahlt er sogar eine Belohnung von 500 Euro.

Fussenegger ist kein Einzelfall. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen fehlen Fachkräfte quer durch alle Bereiche. Die Weilheimer Arbeitsagentur zählte im Januar über 600 offene Stellen – fast 30 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Großer Bedarf herrscht laut Sprecherin Sandra Perzul vor allem im Hotel- und Gastgewerbe sowie im Pflege- und Gesundheitswesen, aber auch im Einzelhandel und in einzelnen Handwerksbranchen.

Die Gründe dürften vielfältig sein: Offenbar machen sich die geburtenschwachen Jahrgänge und die Sogwirkung der Wirtschaftsmetropole München bemerkbar. Hinzu kommt: Der stark auf den Tourismus und die Gesundheitsbranche fixierte Landkreis hat handfeste Strukturprobleme. Wohnraum und Gewerbegrund sind rar und teuer. Es wandern mehr Firmen ab als neue herziehen. Mit ihnen gehen die jungen Menschen, weil sie woanders ihre beruflichen Wünsche besser verwirklichen können. Und das wiederum macht den hiesigen Wirtschaftsstandort unattraktiver – eine Abwärtsspirale.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) verfolgt die Entwicklung mit großer Sorge. Der Landkreis habe in den vergangenen 20 Jahren rund 2000 Arbeitsplätze verloren, sagt Gerhard Lutz, Vizepräsident der IHK München und Oberbayern und Vorsitzender des IHK-Gremiums Garmisch-Partenkirchen. Man müsse dringend Gewerbeflächen schaffen, um neue Betriebe und Branchen anzulocken – und auf dem Ausbildungsmarkt „Gas geben“.

Auch bei der Nachwuchsrekrutierung hapert es: Die Ausbildungszahlen sind laut IHK weiter rückläufig. Demnach stellten die Betriebe aus Industrie, Handel und Dienstleistung bis Ende 2015 exakt 288 Azubis ein – acht Prozent weniger als im Vorjahr. „Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ist ungebrochen. Doch es gehen ihnen schlichtweg die Azubis aus, und das stellt die Betriebe bei der Fachkräftesicherung vor riesige Probleme“, sagt Lutz. Vergangenes Jahr blieben in allen Branchen über 100 gemeldete Lehrstellen unbesetzt. „Es ist höchste Zeit zu handeln.“ Die Flüchtlinge könnten seiner Ansicht nach der „Schlüssel zur Lösung“ sein.

Für Murnaus Wirtschaftsförderer Jan-Ulrich Bittlinger steht mit Blick auf den Fachkräftemangel fest: Dieses Problem sei „hausgemacht“. Man habe es versäumt, sich breiter aufzustellen, um auch Jugendlichen eine Perspektive anbieten zu können, die weder im Tourismus noch in einer Klinik arbeiten wollen. Der Rathaus-Mitarbeiter nennt als Beispiel die Software-Branche, die hierzulande nicht vertreten ist – und verweist auf ein ehrgeiziges Pilotprojekt in der Staffelsee-Gemeinde: Dort sollen im alten Gemeinde-Krankenhaus Vertreter der Kreativbranche angesiedelt werden – und das Wirtschaftsleben bereichern.

Rubriklistenbild: © dpa

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