Wie ein Feigenbaum im Weinberg: Kloster Ettal und die Zukunft

Ettal - Nach den Vorfällen von sexuellem Missbrauch und Misshandlungen im Internat der Benediktinerabtei besuchten am Sonntag über 600 Gläubige den Gottesdienst.

Sicherheitsdienst für einen Gottesdienst: „Es tut mit leid, aber es herrscht absolutes Fotografier- und Filmverbot“, sagt der Mitarbeiter einer Security-Firma freundlich, aber bestimmt. Blitzlicht und TV-Kameras sollen die kirchliche Feier nicht stören. Zeit für Gebet und Andacht. Restlos überfüllt mit rund 600 Gläubigen ist die Ettaler Basilika, im hinteren Bereich haben viele nur einen Stehplatz. Glockengeläut, in Gedanken versunkene Mienen, ein Kind quengelt. Es ist Sonntag – der Sonntag nach dem Freitag, der Ettal veränderte.

Alt-Ettaler, Schüler von heute, Eltern, Lehrer, Erzieher, Freunde und Gläubige aus dem Dorf und dem Umland drängen sich in den Bänken, alle dick eingepackt, es ist kalt. Einzug der Geistlichkeit, mit Abt Barnabas, Prior Pater Maurus. Auch Pfarrer Peter Lederer aus Oberammergau und Bad Kohlgrubs früherer Ortsgeistlicher Axel Meulemann sind darunter.

Pater Johannes und Pater Paulus, inzwischen in Salzburg Leiter des Kollegs St. Benedikt, zelebrieren den Gottesdienst. Worte zur Einleitung: „Wir stehen als Sünder vor dir und unser Gewissen klagt an.“ Lesung aus dem Buch Exodus – das Gleichnis vom brennenden Dornbusch. Das Evangelium erzählt vom Feigenbaum im Weinberg, der trotz bester Bedingungen auch nach drei Jahren noch keine Früchte trägt. Der Weinbauer befiehlt dem Gärtner: „Hau ihn um“. Doch der entgegnet: „Warten wir noch ein Jahr, vielleicht trägt er doch noch Früchte, wenn wir ihn düngen“.

Pfarrer Florian Wörner tritt zur Predigt an den Ambo. Der Eschenloher machte 1990 Abitur in Ettal, heute ist er Diözesanjugendpfarrer im Bistum Augsburg und dort Leiter des bischöflichen Jugendamtes. Er dankt dafür, „viel Wertvolles für das Leben mitbekommen zu haben“, und spricht trotz des Schmerzes über das Geschehene davon, „dass hier in Ettal auch viel Gutes auf den Weg gebracht worden ist“. Applaus, langanhaltender Applaus unterbricht ihn. Noch ein zweites Mal, bei der Bemerkung „Die Mönche sind völlig zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt worden“. Das zerbrochene Vertrauen dürfe nicht soweit führen, dass es für Ettal keine Zukunft mehr geben könne.

Wörner erinnert noch einmal an das Evangelium: Nicht die Axt sei das richtige Werkzeug für den Feigenbaum, sondern der Spaten: „Nicht vernichten, sondern aufrichten – nicht Tod, sondern Umkehr.“ Und dann lenkt der 40-Jährige den Blick direkt auf Gemeinschaft: „Nach einer Phase der Ruhe, der inneren Besinnung, der Läuterung und der Umkehr muss das Leben in Ettal weitergehen, mit neuem Mut und neuer Zuversicht, und mit Gottes Hilfe.“

Friedensgruß, Kommunion, Segen. Pater Emmeram tritt ans Pult, und bittet die Alt-Ettaler um Verständnis dafür, dass der Konvent beim anschließenden Treffen in der Rosner-Aula nicht teilnehmen könne, „weil wir jetzt Zeit der Ruhe brauchen“. Zeit, um die Zukunft zu meistern. Sie hat in Ettal gestern begonnen.

Ludwig Hutter

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