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Hotelier wird 60

Er ist der Schlossherr von Elmau

Elmau – Dietmar Müller-Elmau hat ein Schloss geerbt, das für ihn wie ein Gefängnis war. Dann hat er es verwandelt, in eines der besten Hotels der Welt. Seitdem hat er in Elmau die Welt zu Gast – und lebt dort endlich selbst in Frieden. Morgen wird er 60 Jahre alt.

Update 7. Juni 2015: Alle Infos zum G7-Gipfel auf Schloss Elmau gibt es in einem Live-Ticker.

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Nach den schlimmsten Minuten seines Lebens steht die Welt einen Moment lang still. Hotelchef Dietmar Müller-Elmau ist gelähmt vor Angst, bis ein Feuerwehrmann den erlösenden Satz sagt: Die letzten vier vermissten Hotelgäste sind in Sicherheit. Niemandem ist etwas passiert. Die Flammen lodern noch meterhoch aus den Zimmern des Schlosses Elmau in den Nachthimmel, rund 500 Feuerwehrmänner kämpfen gegen sie an, um das 100 Jahre alte Gebäude zu retten.

Müller-Elmau braucht keinen Sachverständigen, um zu wissen, dass es Millionen kosten wird, alles wieder aufzubauen. Doch all das rückt jetzt für einen Augenblick ganz weit weg. Der Schlossherr sieht in diesen Sekunden nicht sein Luxushotel niederbrennen – er sieht gerade in die Zukunft. Vor seinen Augen verwandelt sich das Schloss seines Großvaters in sein Schloss. Aus einem erdrückenden Erbe wird gerade das Projekt seines Lebens. Es ist der 7. August 2005.

Gut neun Jahre später sagt Dietmar Müller-Elmau: „Ich wusste innerhalb von Sekunden: Das ist ein Geschenk des Himmels.“ Er sitzt entspannt im Korbstuhl auf der Panorama-Terrasse seines Schlosses, lässt den Blick über das imposante Massiv des Wettersteingebirges schweifen. Die langen blonden Haare hat er nach hinten gekämmt, er bietet der Welt die Stirn. Für einen der weltweit erfolgreichsten Hoteliers, der mit Auszeichnungen überschüttet wird, wirkt er viel zu entspannt – als würde er gerade in seinem eigenen Hotel Urlaub machen. Müller-Elmau, sechsfacher Vater, hat ein lautes, hemmungsloses Lachen, einen festen Händedruck, einen lässigen Gang. Viele Hotelgäste ahnen nicht, dass der Mann ein paar Tische weiter der Schlossbesitzer ist.

Dietmar Müller-Elmau ist im Schloss geboren und aufgewachsen. Dort angekommen ist er, so paradox das klingt, erst nach dem Großbrand. Als er aus dem Ort, gegen den er als Jugendlicher so oft rebellierte, endlich einen Ort machen konnte, an dem er leben wollte. An dem er endlich Mauern einreißen konnte – nicht nur im Wortsinn. Und eine Komfortzone kreierte, in der der Geist nicht lahmgelegt, sondern extrem angeregt wird. In der die Welt in ihrer ganzen Vielfalt zu Gast sein kann.

Hätte sein toter Großvater damals die Gedanken seines Enkels lesen können, „er hätte sich wohl im Grabe umgedreht“, sagt Dietmar Müller-Elmau. Er hat ihn nicht mehr kennengelernt. Aber: „Ich hätte mich wahnsinnig gerne mit ihm gestritten“, sagt er. Kein Zweifel: Johannes Müller hätte es nicht ertragen, zu sehen, was sein Enkel aus dem Rückzugsort macht, den der Senior 1916 mit dem Geld einer reichen Gräfin in der malerischen Idylle erbauen ließ, während die Welt in den Krieg zog. Johannes Müller gründete Elmau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen damals, um einen Ort für Freunde und Denker zu schaffen. Eine weltentrückte Zufluchtsstätte, in der sich die damalige Bildungselite bei Vorträgen und Konzerten in Askese übte. Ein Sanatorium des Geistes. Morgens wurde auf der Wiese getanzt, zweimal die Woche fand im Saal die festliche Elmauer Quadrille statt. Alle Gäste waren schwarz-weiß gekleidet, die Tischordnung wechselte täglich und war zu respektieren.

Diese Elmauer Rituale haben Johannes Müller überlebt. Der junge Dietmar Müller-Elmau wächst mit Tanzerei auf. Mit Konzerten, nach denen nicht geklatscht werden darf. Mit dem Zwang zur Gemeinschaft. Es ist eine Welt, die er als Kind hasst. Aus der er auszubrechen versucht, so oft es geht. „Das Schloss war mir zu scheinheilig“, sagt er. „Es war Feindesland.“ Zu ruhig, zu reibungslos.

Einmal hält es Dietmar Müller-Elmau als Halbwüchsiger bei einem Vortrag nicht mehr aus. Er schleicht sich an den Sicherungskasten und dreht den Gästen den Strom ab. Das Licht geht aus, das Mikrofon auch. Das ist etwa ein halbes Jahrhundert her – und noch immer schmunzelt er, wenn er sich an die Aufregung damals erinnert. Natürlich gab es mordsmäßig Ärger. Natürlich bekam er danach mal wieder wochenlang Schlossverbot. Aber mit der unerträglichen Ruhe war es zumindest für eine knappe halbe Stunde vorbei. „Ich bin immer noch ein Ruhestörer“, sagt er, grinst dabei frech wie damals als Jugendlicher. „Wenn es niemanden gibt, der die Ruhe stört, kann auch niemand die Ruhe wahrnehmen.“

Sätze wie diese, die mit Widersprüchen spielen, sagt Müller-Elmau ständig. Und nicht nur über die Ruhe. Er braucht Gegensätze wie die Luft zum Atmen. Und Anregendes für den Geist. „Die Einfallslosigkeit der Menschen ist manchmal überraschend“, sagt er. Gespräche, in denen alle einer Meinung sind, kann er nicht lange ertragen. Das war schon immer so.

Er ist ein hochintelligenter Jugendlicher, überspringt eine Klasse. Seine Neugier ist unstillbar. Alles fasziniert ihn. Die Enge im Schloss hält er mit 18 nicht länger aus. Er will die Welt kennenlernen, reist nach Indien, Israel und Amerika, kann nie genug kriegen von dem Fremden. Er studiert Betriebswirtschaft, Theologie, Philosophie. Dann Computer Sciences in den USA – weil er davon am wenigsten versteht. Nach zwei Monaten ist er einer der Besten in seinem Studiengang.

Als er nach München zurückkehrt, verschuldet, in Scheidung lebend mit drei Kindern, gründet er die Softwarefirma „Fidelio“ – fürs Hotelmanagement. Die Idee dahinter ist sein Grundbedürfnis: Freiheit, Individualität. Die Software lässt sich für jedes Hotel anpassen. „Fidelio“ wird Weltmarktführer. In den 90er-Jahren kauft das US-Unternehmen Micros Systems die Firma für 55 Millionen Mark, inzwischen ist sie 5,5 Milliarden Euro wert. Müller-Elmau hat zu früh verkauft. „Das war der größte Fehler meines Lebens“, sagt er heute. Aber er hatte keine Wahl.

Sein Onkel, der das Hotel seit dem Tod seines Großvaters leitete, ist schwer verunglückt. Müller-Elmau muss das Erbe übernehmen, muss zurück in die enge Welt, aus der er geflüchtet war. Das Schloss, so scheint es, ist sein Schicksal. Er kann ihm nicht entkommen.

Aber er kann es so verwandeln, dass es für ihn erträglich ist. Er lüftet, entkernt und investiert. Das Hotel läuft damals nicht mehr gut. Er baut einen Indoor-Pool. Und einen Literatursaal. Dietmar Müller-Elmau hat nicht nur Schloss Elmau von seinem Großvater geerbt – auch er kann stundenlang über Philosophie, Theologie und Politik diskutieren. Auch er liebt Kunst und Musik und holt Größen wie den Geigenvirtuosen Gidon Kremer, den Philosophen Peter Sloterdijk oder den Jazzmusiker Nils Landgren nach Elmau. Aber nun darf nach den Konzerten geklatscht werden und bei Symposien leidenschaftlich gestritten. Auf Schloss Elmau werden inzwischen weitreichende Debatten angestoßen – über Themen von der Greencard bis zur Gentechnik. Nur Mauern versetzen kann der Hotelerbe nicht. Die Chance kommt erst nach jener Nacht, in der eine defekte Heizdecke in einem Zimmer den Großbrand auslöst.

Freilich: Müller-Elmau ist ein Mann, dem es nicht reicht, einfach ein Luxushotel zu führen. Er will das beste Luxushotel, das es geben kann – kein protziges, sondern eines, in dem das Geld nicht laut daherkommt. Und wenn er nun nicht mehr durch die Welt reisen kann, muss die Welt eben unter seinem Schlossdach zusammenkommen. Müller-Elmau erklärt das so: „Es ist der einzige mögliche Weg für mich, in der Fremde zu leben.“ Jeder Gast soll seinen eigenen Geist nach Elmau bringen.

Nach dem Brand macht Müller-Elmau aus dem Lebenswerk seines Großvaters etwas völlig Neues. Aus den alten 15 Quadratmeter kleinen Zimmern, die durch das Feuer zerstört wurden, macht er große Suiten. Er baut ein neues Spa mit Wellnessbereichen für Familien und, getrennt davon, mit Wellnessbereichen für Gäste, die ihre Ruhe möchten. Es gibt fünf Restaurants, zwei Buchläden, fünf Pools – jeder Gast soll in Elmau das finden, was für ihn Erholung bedeutet, alles darf nebeneinander existieren. Das Geisterschloss wird endlich so lebendig, wie es sich Dietmar Müller-Elmau immer gewünscht hat.

Am 7. August 2005, dem Tag, als das Schloss in Flammen steht, spürt Dietmar Müller-Elmau auch, dass die Zeit nun reif ist für eine Idee, die er schon seit vielen Jahren mit sich herumträgt. Er plant nicht nur ein völlig neues Schloss Elmau – sondern auch einen Anbau, in dem acht identischen Luxus-Suiten entstehen. So etwas, sagt er, gibt es nirgendwo auf der Welt. So etwas plant nur ein Hotelbesitzer, der davon träumt, alle großen Staatschefs zu sich zu holen.

Diese acht Suiten waren sein Ass im Ärmel, als die Bundesregierung auf der Suche nach einem Tagungsort für den G7-Gipfel im Juni 2015 war. „Ich habe insgeheim immer darauf gehofft, dass das irgendwann passiert“, verrät er. Und in einem halben Jahr wird die ganze Welt tatsächlich auf Schloss Elmau schauen. Auf den Ort, an den sein Großvater vor der Welt flüchtete. „Er würde ausrasten“, sagt Dietmar Müller-Elmau und lacht wieder sein tiefes, lautes Lachen. Es würde einen herrlichen Streit geben, wenn der alte Herr noch am Leben wäre.

Katrin Woitsch

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