Ist Gebirgsjäger-Skandal wirklich ein Skandal?

Mittenwald - Schweineleber oder Gärfisch? Für die einen ekelhaft, für die anderen eine Delikatesse. Im einen Fall werden Gebirgsjäger gegeißelt, im anderen Fall Biathletinnen gefeiert.

„Mit den Waffen einer Frau“ heißt der gefeierte Kinofilm, der 2007 einen Blick hinter die Kulissen der deutschen Biathlon-Frauen gewährte. Dabei wurde das erstaunte Sportpublikum auch Zeuge des sogenannten „Schwedentests“. Dabei mussten die Neuen im Team, Kathrin Hitzer und Magdalene Neuner, einen Surströmming verspeisen. Dieser Gärfisch, der wie Gammelfleisch aussieht, musste von den beiden rückstandsfrei runtergewürgt werden. Erst nach diesem unappetitlichen Aufnahmeritual waren die Wallgauer Weltmeisterin und ihre Freundin Hitzer endgültig in die Biathlon-Familie aufgenommen. „Meine Güte, was hast du da runtergeschluckt“, erinnerte sich Hitzer mit Grausen. Niemand in Deutschland regte sich über die Szenen auf. Im Gegenteil: Der Film wurde als investigativer Seitenblick in die Biathlon-Szene gefeiert.

Ganz anders stellt sich die Sichtweise bei den fragwürdigen Aufnahmeritualen des Mittenwalder Hochgebirgsjäger-Zugs dar. „Schikanös, ekelerregend, herabwürdigend“ schallt’s aus dem bundesdeutschen Blätterwald. Wegen des „Fuxtests“ hat nun sogar die Münchner Staatsanwaltschaft gegen einen Soldaten ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der vorsätzlichen Körperverletzung eingeleitet.

Die Bildzeitung veröffentlichte nun den intimen Bericht eines Gebirgsjägers samt Foto über dieses erniedrigende Procedere in freier Natur: 100 Minuten Berglauf-Joggen mit schwerem Rucksack, 100 Meter durch einen eiskalten Gebirgsbach robben. Am Ende liegt auf einem Stein im Wasser die rohe Schweineleber. „Dann wird dir eine Zwiebel in den Mund gestopft“, berichtet der Insider der „Bild“. Danach gibt’s Schnaps und Gummibärchen. Der Soldat kommt zu dem Schluss: „Ich habe es nicht als menschenverachtend empfunden, sondern als eklig.“

Wird der aktuelle Gebirgsjäger-„Skandal“ zu hoch aufgehängt? Der ehemalige Soldat und jetzige Mittenwalder Vermieter Dieter Puzicha sagt mit Nachdruck Ja. „Es geht nicht um Misshandlungen von Untergebenen, Missachtung der Dienstaufsichtspflicht oder Versagen der inneren Führung und schon gar nicht um die Gräueltaten der Wehrmacht“, stellt er klar. „Wer auch immer sich da zu Wort meldet: Es gibt keine Rädelsführer und keine sadistischen Täter, die ihre Kameraden erniedrigen und bewusst deren Menschenrechte verletzen.“ Es gehe dabei bestenfalls um „teils derbe, überlieferte Rituale, denen sich Neuankömmlinge unterziehen können, wenn sie dazugehören wollen“.

Ähnlich sehen es viele Leser im Internet-Forum des Münchner Merkur. „Weicheier gehören nicht in die Elite-Einheit“, findet etwa Wilfried Bernhard Straub. „Ein echter Gebirgsjäger muss abgehärtet sein und nicht nach Mama rufen!“ Ähnlich sieht’s auch User „Fredl“: „Das ist eben ein reiner Männerverein, und da geht’s halt mal rauher zu.“

Konträr dazu meint „Twinky“, ehemaliger Wehrpflichtiger: „Der ganze Haufen ist von Grund auf voll von Spielen perverser Art, dazu zählt für mich auch der Zwang, mit Dienstälteren bis zum Abwinken Saufen zu müssen.“ Twinky sieht in dem Fall Mittenwald sogar einen „Fall für die Menschenrechts-Kommission“.

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