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Smartphone immer im Einsatz: Bald sogar in der Schulpause?

Debatte der Direktoren

Handy-Freigabe außerhalb des Unterrichts? So stehen die Schulleiter dazu

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Mehr Macht den Schulen – fordert das Kultusministerium. Möglicherweise entscheidet bald jede Schule selbst, ob Kinder und Jugendliche ihr Handy – außerhalb des Unterrichts – privat nutzen dürfen. Eine Umfrage im Landkreis.

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Landkreis
– Wolfgang Mühldorfers Büro misst nicht einmal 15 Quadratmeter. Er sagt, mehr brauche es nicht. Das Nötigste findet dort Platz: der Schrank mit allen Schulaufgaben, ein Schreibtisch, zwei Stühle für Gäste, ein Papst-Porträt an der Wand. Aus diesem Container führt Mühldorfer seit Mitte Februar die St.-Irmengard-Realschule in Garmisch-Partenkirchen.

Zur Ausrüstung des Direktors und Musiklehrers zählen eine Musikbox, ein Tablet sowie sein Smartphone. Natürlich nutzt er diese Dinge in der Schule, natürlich im Unterricht und natürlich vor seinen Schülerinnen. „Ich lebe nicht auf einem anderen Stern.“ Mühldorfer findet: Es braucht das Handy in der Schule. An seine Pinnwand hat er eine Bilder-Kombo geheftet. Sie zeigt Menschen samt Sprechblasen. Die Fotos haben Schülerinnen mit ihren Handys geschossen. Ein Projekt der sechsten Klasse. Es gebe viele Beispiele, wie sich der Unterricht mit Smartphone, Tablet und anderen Geräten verbessern lässt. Sie erleichtern den Alltag des Lehrers. Für seinen Musikunterricht schleppt Mühldorfer keine Lautsprecher und CD-Spieler durch die Schule. Die Musik kommt aus einer Mini-Box, etwa 20 Zentimeter lang, aber laut genug für ein ganzes Klassenzimmer. Seine Lieder spielt er am Smartphone ab.

Mühldorfer sieht „mobile Pause“ als sinnvoll an

Allerdings betont Mühldorfer: Für private Zwecke sollte das Smartphone auch künftig ausgeschaltet bleiben. Wie es das Gesetz seit 2006 vorschreibt. Geht es nach dem Realschul-Direktor, deckt der Artikel 56 zu Erziehungs- und Unterrichtswesen die Lage optimal ab. Das sehen aber nun sogar die CSU und ihr Kultusminister Bernd Sibler anders. Er plädiert für mehr Eigenständigkeit der Schulen. Jede soll künftig selbst entscheiden, ob und wie Schüler ihr Smartphone in der unterrichtsfreien Zeit nutzen dürfen. Derzeit prüfen Juristen, ob es dazu eine Gesetzesänderung braucht. Wenn nicht, können Schulen schon für das kommende Jahr, das im September startet, die Vorgaben individuell ausarbeiten. Im Unterricht soll das Handy-Verbot bei privater Nutzung aber weiterhin gelten. Benjamin Englerth, Schülersprecher der St.-Irmengard-Fachoberschule sagt: „In den Pausen soll das Handy beliebig genutzt werden.“ Er debattierte gemeinsam mit 300 bayerischen Schülersprechern und Bildungspolitikern über das Thema. Wie seine Kollegen hat er festgestellt, dass viele Lehrer „zu unwissend“ im Umgang mit den Geräten sind. „Vielleicht sollte es einen Crash-Kurs für Lehrer geben.“

Die Chefs der Irmengard-Schulen gehen einen gemeinsamen Weg. Sobald die neue Regelung kommt, möchte sich Mühldorfer mit den Kollegen von Gymnasium und FOS, Eltern und Schülern zusammensetzen – wenn nicht gar mit allen 27 erzbischöflichen Schulen. Persönlich hält er wenig davon, die Regelung aufzuweichen. „Lieber gehen die Schüler in der Pause mit erhobenen Köpfen ein paar Schritte, als aufs Handy zu starren.“ Eine „mobile Pause“ sieht er als sinnvoll an. Außerdem äußert er die Ur-Sorgen, die für das Verbot vor zwölf Jahren gesorgt haben: Suchtfälle, Cyber-Mobbing, Verlust des persönlichen Kontakts. Deshalb verfolgt er die Entwicklung mit „gesunder Skepsis“.

Viertklässler halten sich bisher an das Verbot

Josef Holzmann vom Staffelsee-Gymnasium Murnau steht dem Vorschlag sehr offen gegenüber. Wie sein Kollege aus Garmisch-Partenirchen schätzt er den Einsatz im Unterricht, den er „digitale Bildung“ nennt. Er hat kein Problem, wenn Schüler für dringende private Anliegen ihr Smartphone nutzen, sofern sie es mit den Lehrern absprechen. Erst gestern bat ein Zwölftklässler ihn, eine wichtige Nachricht verschicken zu dürfen. Er willigte ein. Bereits Ende des Schuljahres wird er in einer Sitzung des Schulforums mit Eltern und Lehrern über eine Neu-Regelung reden. „Ich möchte Eltern hören, ob sie das gut finden.“ Ihm schwebt ein Plan vor, bei dem sich alle Altersklassen wiederfinden. Ideen gebe es viele. Zwei Beispiele: Vorstellbar sei, die Mittagspause für den privaten Gebrauch zu öffnen oder die Jahrgangsstufen unterschiedlich zu behandeln. Für Holzmann ist klar: Zehn- oder Elfjährige sind sich den Risiken weit weniger bewusst als Oberstufenschüler.

Allerdings hält auch er das Schulgebäude für einen „besonderen Raum“, der geschützt gehört. Holzmann ist es lieber, wenn die Jugendlichen in den Pausen ratschen, spazieren gehen oder Pizza essen. Ein Verbot müsse aber nicht sein, findet der SGM-Chef. Wie sein Ettaler Kollege Hubert Hering gehe er das Thema in Ruhe an. Hering glaubt, dass es im Benediktinergymnasium „keine pauschale Freigabe“ für die private Nutzung geben wird. Beschäftigen möchte er sich mit einer Neu-Regelung erst, sobald das Kultusministerium die Möglichkeit bietet.

Betroffen sind auch die Grundschulen, wie Inge Ferchl, Konrektorin der Gröbenschule, betont. Die meisten Kinder in der vierten Klasse besitzen ein Handy, halten sich aber bislang brav an das Verbot. Ende der Woche möchte sie miViertkläst Schulleiterin Katharina von der Goltz ein Konzept ausarbeiten, das sie nach den Pfingstferien der Lehrerkonferenz präsentiert. Dazu sind die Schulen im Landkreis ohnehin angehalten. Da sich die Gegend als Bildungsregion sieht, hat der Landkreis von jeder Schule ein Medienkonzept gefordert. Holzmann: „Wir forcieren die digitale Bildung ohnehin.“


Josephine Cramer

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