+

Hausärztestreik: Praxen bleiben zu, die Patienten zu Hause

Murnau - Viele Praxen waren gestern wegen eines Hausärztestreiks nur zu einer Notfallsprechstunde geöffnet. In Murnau zeigten die Patienten dafür Verständnis, die Ärzte fühlten sich bestätigt.

Das Bild ist Allgemeinarzt Dr. Andreas Spiegl neu: ein leeres Wartezimmer. Die Stimmen, die in der Praxis an der Bahnhofstraße in Murnau zu hören sind, stammen vom Personal. Die jungen Frauen haben Zeit zum Reden. „Normalerweise ist richtig viel los“, sagt Spiegl, der als Delegierter des Bayerischen Hausärzteverbandes für den Landkreis zuständig ist. Doch nur wenige Patienten benötigen die Notfallsprechstunde zwischen 9 und 11 Uhr. Denn ansonsten bleibt die Praxis geschlossen, alle Termine wurden im Vorfeld abgesagt. Mit dieser Aktion beteiligt sich Spiegls Team wie viele Ärzte im Landkreis an einer bayernweiten Protestaktion gegen Reformpläne von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). Dieser will Sondervergütungen für Hausärzte kürzen (wir berichteten).

Der überaus ruhige Vormittag bestätigt Spiegl in seinem Engagement gegen die Reform und für das hausarztzentrierte Modell. Denn: Nicht Notfälle und kurzfristige Probleme wie Infekte machen das Gros der Behandlungen aus, sondern chronische Erkrankungen älterer Menschen. Vor allem sie brauchten den persönlichen Kontakt zum Hausarzt, bei dem alles zusammenläuft: „Wir wissen genau Bescheid und können die Fachärzte optimal informieren. Nur so ist der Patient gut versorgt.“

Eine 71-Jährige befindet den Ärztestreik für gut, sogar „dringend nötig“: „Irgendetwas müssen die Ärzte ja tun.“ Man habe den Hut vor deren Einsatz zu ziehen. Dieser gehe weit über die medizinische Versorgung hinaus. Die Murnauerin hält jede Kürzung für „unverantwortlich“.

Spiegl prophezeit ein schleichendes Praxissterben auf der einen und die Entstehung großer Versorgungszentren auf der anderen Seite, sollte sich Rösler durchsetzen. In Zentren seien nur jüngere Patienten gut versorgt. „Auch ich will mit 80 Jahren einen Arzt, den ich kenne, der mich kennt und dem ich vertraue.“

Das ist einer 75-jährigen Murnauerin ebenfalls wichtig. Sie kann die Schließung aber nur akzeptieren, solange Notfälle versorgt werden. Ein abschließendes Urteil zu den Streiks will sie nicht abgeben. Zu undurchsichtig seien die Hintergründe, zu unabsehbar die Folgen. Nur so viel: Die Qualität der Versorgung dürfe nicht leiden.

Ähnlich äußert sich eine 59-Jährige. Die Notfallversorgung müsse gewährleistet sein - am liebsten durch den bekannten Hausarzt. Bei ihr ist das Wolf-Dietmar Roeske. In seiner Praxis am Untermarkt bietet sich ein ganz anderes Bild als bei Spiegl; die Murnauerin muss sich auf eine Wartezeit einstellen. Noch gut eine Stunde über die offizielle Notfallsprechstunde am Vormittag (9 bis 11 Uhr) hinaus behandelt der Arzt Patienten - die Verständnis für die Streiks und Interesse an den Hintergründen gezeigt hätten. Der Andrang ist aber zu relativieren: Roeske und Kerstin Gaßner übernehmen die Urlaubsvertretung von drei Kollegen. „Würden wir nur unsere Patienten versorgen, wär’s viel ruhiger“, sagt Roeske. Denn auch dort ist die Hauptklientel ältere, chronisch kranke Menschen. Und auch Roeske sieht in ihnen die Leidtragenden einer möglichen Reform - gerade sie brauchten die zentrierte, persönliche Betreuung. „Darin sehen wir unsere Berechtigung, unsere Stärke.“

Auch interessant

Kommentare