Auf der Gefahrenhinweiskarte ausgewiesen: das Haus von Helene und Franz Kees am Kirchbichl in Oberau. Foto: kat

Leben in einer Steinschlag-Risikozone: Wie nahe eine Katastrophe ist, weiß keiner

Oberau - Das Ehepaar Kees lebt in Oberau in einem von Steinschlag bedrohten Haus. Wie nahe eine Katastrophe ist, wissen sie nicht. Ein Gutachten ist zu teuer - Sicherungsverbauungen sowieso.

Wenn es stürmt, schaut Helene Kees mit bangem Blick an den Hang. „Da hab’ ich Bammel.“ Ihrem Mann Franz treibt lang anhaltender, starker Regen Sorgenfalten auf die Stirn. Aus gutem Grund: Das Ehepaar aus Oberau wohnt in einem der Häuser, die besonders von Felssturz gefährdet und auf der neuen Gefahrenhinweiskarte für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen ausgewiesen sind.

Von der Gefahr wissen sie schon seit 1966, als sie das Haus am Kirchbichl gekauft haben. „Damals haben wir darüber nicht nachgedacht“, sagt Franz Kees (72). Seither leben sie unter der Felswand - ohne zu wissen, wie nahe eine Katastrophe ist. Vor einigen Jahren zeigte sich, wie unberechenbar die Situation ist. Damals war „ein Koloss“, so- die 73-jährige Frau, oberhalb des Nachbarhauses abgebrochen und hatte sich einen Weg nach unten gesucht, direkt am Haus des Paares vorbei. Derartige Vorfälle führen ihm die Gefahr wieder vor Augen. Ebenso wie der Besuch von Dr. Andreas von Poschinger im Herbst 2010.

Der Referatsleiter Georisiken beim geologischen Dienst am Landesamt für Umwelt hat die Gefahrenhinweiskarte mit erstellt. Darauf sind wie berichtet Steinschlag-Risikobereiche erfasst. Sie ist ein wichtiges Instrument für die Bauleitplanung der Kommunen, die ebenso informiert wurden wie betroffene Bürger. Überrascht habe die Nachricht niemanden, sagt von Poschinger. Man habe die Gefahr „ins Bewusstsein“ rufen wollen. Bei Franz und Helene Kees ist das gelungen. Doch was ist die Konsequenz? Für die zwei ist die Antwort einfach: keine. Aus finanziellen Gründen.

Für ein Sachverständigen-Gutachten und eine Sicherungsverbauung müssen die Betroffenen selbst aufkommen. Doch das kann sich das Paar nicht leisten. „Unmöglich. Wir sind Rentner.“ Vor einigen Jahren hat sich Franz Kees einmal über den Preis für ein Gutachten erkundigt. „Unbezahlbar.“ Von einer Verbauung ganz zu schweigen.

Wie viel eine solche kosten könnte, dazu gibt Markus Winkler von Spezialtiefbau Felbermayr aus Österreich - die Firma war bereits mit Sicherungen am Ettaler Berg betraut - keine Schätzung ab. „Das hängt von so vielen Faktoren ab. Das müsste man vor Ort sehen.“

Dasselbe gilt für ein Gutachten, doch gibt es dafür eine Beispielrechnung. Denn das Staatliche Bauamt Weilheim ließ eines erstellen, nachdem das Schloss Linderhof in der Gefahrenkarte erfasst worden war. Dem derzeitigen Vorbericht zufolge liegt dort kein akutes Risiko vor; eine Sicherungsverbauung ist nicht nötig. „Gott sei Dank“, sagt Peter Aumann, Leiter im Bereich Hochbau. Die Kosten allein für das Gutachten beziffert er auf 6000 Euro.

Franz Kees will niemanden für seine Situation verantwortlich machen. Die Gemeinden hätten ja selber kein Geld, dass sie für Sicherungsmaßnahmen aufkommen könnten. Also leben er und seine Frau mit der Gefahr und einem „komischen Gefühl. Es ist halt ein Glücksspiel.“ (kat)

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