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Meine Heimat und ich: Biathlon-Star Magdalena Neuner posiert im Dirndl vor der Dorfkirche von Wallgau.

Foto-Model für Wallgau

Lenas Liebeserklärung

Wallgau – Magdalena Neuner ist der Topstar im Biathlon – und sie hängt sehr an ihrem Heimatort. Für Wallgau hat sie sich einen Tag lang als Fotomodell vor die Kamera gestellt, ohne Gage. Entstanden ist dabei ein Werbeprospekt – und eine ungewöhnliche Liebeserklärung.

Magdalena Neuner: Foto-Model für Wallgau

Am Anfang zicken die Statisten erst mal, klar, mit dem Foto-Termin haben sie jetzt nicht gerechnet. Gerade ist Magdalena Neuner zu ihnen über den Weidezaun gestiegen, nun redet sie auf sie ein: „Gehts her“, sagt sie, aber die Komparsen rennen ständig aus dem Bild und machen „Mäh“. Endlich lässt sich eine Ziege streicheln. Rudolf Tomaschek, der Fotograf, flachst auf der anderen Seite des Zauns: „Der Chef schaut ganz böse.“ Er meint den Geißbock, der in Neuners Rücken kritisch den Kopf wiegt. Dann haben sie, nach viel Gelächter, die Ziegen-Serie im Kasten. Ab zum nächsten Motiv.

Der Besuch bei den Ziegen ist eine Weile her, er fand an einem Samstag im Juni statt. Es ging um Werbung für Wallgau und darum, dafür Fotos mit Magdalena Neuner zu schießen, der besten Biathletin der Welt. Wallgau ist ihr Heimatdorf, hier lebt sie, hier ruht sie sich aus. „In Wallgau bin i dahoam“, heißt der achtseitige Prospekt, der am Ende entstanden ist. Er zeigt Magdalena vor der Dorfkirche, Magdalena beim Radeln, beim Wandern, an der Isar – an Orten eben, die der 21-Jährigen etwas bedeuten und Feriengästen gefallen könnten.

In Wahrheit ist nicht nur eine Werbebroschüre entstanden, sondern etwas ganz Persönliches: Magdalena Neuner hat ihrem Dorf eine Liebeserklärung gemacht – in Bildern. „Das lag mir schon am Herzen“, sagt Neuner. „Denn das ist einfach meine Heimat.“ Als der Bürgermeister sie vor einer Weile fragte, hat sie sofort zugesagt – obwohl ihr Terminkalender immer rappelvoll ist und sich bei ihrem Manager Stephan Peplies die Anfragen türmen. Raab wollte sie in seiner Sendung haben, auch andere liegen den beiden in den Ohren. „Alles abgesagt“, sagt Peplies. Für Wallgau jedoch hat sich die Sport- und Werbekönigin des Wintersports einen Tag freigehalten – und stand ohne Gage vor der Kamera. Die Gemeinde tue so viel für sie, sagt Neuner, „da möchte ich einfach auch etwas für Wallgau machen.“

Die Liebe ist gegenseitig, in der Tat. Bei den Empfangspartys nach großen Erfolgen ist ganz Wallgau auf den Beinen, und man spürt die warmen Wellen, die Magdalena Neuner in dieser verschworenen Dorfgemeinschaft umspülen. Auf einem Banner am Ortseingang steht „Wir gratulieren unserer 6-fachen Biathlon-Weltmeisterin“, und die Wallgauer wollen damit ihren geballten Stolz nicht nur den Feriengästen präsentieren, sondern immer wieder auch Magdalena Neuner, die hier regelmäßig mit ihrem Audi-Sportwagen vorbeiflitzt.

Sonst schaffen die Wallgauer ihrer „Lena“ vor allem den Raum, den sie braucht, um ihre Natürlichkeit zu wahren und zu leben. Das beginnt damit, dass sie fragenden Gästen des Ortes partout nicht verraten, in welchem Haus die Biathletin wohnt. „Da halten sie dicht und schauen, dass ich meine Ruhe habe, wenn ich daheim bin“, erzählt Neuner. Selbst die direkten Nachbarn sagen, sie hätten „keine Ahnung“, wo Magdalena wohne. Neuner: „Das ist total super.“

Im Kreis der Einheimischen ist sie geborgen, und mitunter ist die Rede vom „Kreis“ wörtlich zu nehmen: Voriges Jahr, beim Dorffest, haben sie sich im Bierzelt so um ihre Magdalena herumgesetzt, dass kein aufdringlicher Fan sie stören konnte. „Das haben die sehr gut im Griff“, sagt Neuner. Das Dorf wolle keine Wagenburg bauen, sagt Bürgermeister Hansjörg Zahler, 44. „Aber wir haben schon ein Auge auf unser Mädel.“

Denn Magdalena Neuners Popularität kennt manchmal keine Grenzen. Wenn sie ein Rennen gewinne, dann sei am nächsten Tag auf der offiziellen Website von Wallgau „erst mal Chaos“, erzählt Tourismus-Leiterin Andrea Schwaiger, 30. Dort kann man Autogramme bestellen, und wenn Schwaiger nach einem Sieg das E-Mail-Fach öffnet, „dann rattert’s nur noch so“, sagt sie. Künftig dürfte es nicht weniger rattern: Den neuen „Magdalena-Flyer“ bekommt von nun an jeder mitgeschickt, der ein Autogramm ordert.

An die Magdalena-Verehrer, die Fanartikel horten, haben sie sich im Ort gewöhnt. Der Russe aus St. Petersburg, der im September aufkreuzte, fiel dann doch etwas aus der Reihe. Alexander Pakhunov hatte online ein Zimmer in Wallgau gebucht, war in ein Flugzeug gestiegen und traf per Zug im Ort ein – nach einer Reise von 1900 Kilometern. Er sprach weder Deutsch noch Englisch, erkundigte sich aber Russisch plappernd nach Magdalena. Als der Hotel-Chef bei ihr anrief und spontan ein Treffen vereinbaren konnte, kippte der Russe, ein gestandener Kriminalbeamter, fast aus den Latschen.

Klar, auch für die Wallgauer ist Magdalena Neuner ein Biathlon-Star. Zugleich ist sie „die Lena“, die sie im Dirndl treffen, die in der Musikkapelle spielt, wo ihr Vater Dirigent ist, die am Sonntag in die Kirche geht oder mit ihren Freunden und Geschwistern im Ort unterwegs ist. „Du, d’Magdalena war a do“, erzählt man sich im Ort nach dem Kurkonzert schon mal. Mehr Aufhebens wird nicht gemacht. „Das hat alles so ein Selbstverständnis“, schwärmt Neuner.

Das Selbstverständnis spricht auch aus den Bildern, die der Fotograf Tomaschek gemacht hat. Sie zeigen Magdalena in einem Bilderbuch-Bayern, in einer heilen Heimatwelt, die aber völlig ungekünstelt ist. Keinen Stylisten, kein Make-up hatten sie dabei, erzählt Tomaschek, nur er und Magdalena waren unterwegs, als feststand, dass das Wetter passte. Die beiden kennen sich, das half, auch dass die Bilder in einer Umgebung entstanden, die beiden vertraut ist. „Da ist das Gefühl halt gut, man hat Erlebnisse, die man mit den Flecken verknüpft“, sagt Neuner. Die Kleidung hat sie selbst ausgesucht: „Dirndl und Sportgewand, das war dann wirklich auch ich.“ Auf den Bildern, sagen sie im Dorf, sehe sie nicht aus wie auf Werbeaufnahmen, sondern so, wie man sie auch in Wallgau treffe: „Das ist unsere Magdalena“, sagt Tourismus-Chefin Schwaiger.

Den Foto-Termin hat Magdalena Neuner als „schönen, entspannten Tag“ in Erinnerung. Keiner habe gestört beim Shooting, erzählt Tomaschek. Einmal, an einer Bergwiese, sei ein sächselndes Ehepaar des Wegs gekommen („Se sin doch dö Mogdaläna Najna, nö wah?“), aber voller Rücksicht gleich weitergegangen.

Ein Bild bedeutet Magdalena Neuner sehr viel: Es zeigt sie beim Harfespielen. Da gibt sie etwas von ihrem Privatleben preis, das sie sonst verbirgt. Das Foto darf nur auf dem Flyer erscheinen, sonst nirgends. Sie verbinde Musik eben mit Heimat, da habe sie eine Ausnahme gemacht, sagt Neuner. „Für Wallgau.“

von Robert Arsenschek

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