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Tief beschämt bekennt sich der Ettaler Cellerar Pater Johannes zu den Fällen im Kloster Ettal.

Missbrauch in Ettal: Hoffen auf Vergebung

Ettal - Eine schwere Last liegt auf dem Kloster Ettal: Mindestens 100 Klosterschüler, das zeigen die Ermittlungen, wurden in früheren Jahren von Patres geprügelt, missbraucht und gedemütigt. Ein heutiger Leiter gibt nun eigene brutale Übergriffe zu – und hofft, dass ihm vergeben wird.

Misshandlung und Missbrauch

Über erschütternde Missbrauchsfälle im Kloster Ettal informiert der externe Sonderermittler, der Münchner Strafverteidiger Thomas Pfister. In seinem Zwischenbericht lässt er auch Opfer zu Wort kommen (alle abgekürzten Namen sind geändert):

Prügelopfer wurden zu Bettnässern

Ein ehemaliges Opfer berichtet dem Ermittler von einem Pater, der nach Aussage von Pfister erst vor zehn Tagen von seinen Aufgaben entbunden wurde. Laut Pfister war er seit den 70er-Jahren ein „ausgewiesener Schläger“. Der frühere Schüler: „Mit Grauen erinnere ich mich an seine handfesten Schläge. Ich wurde von dem Pater als Prügelknabe auserkoren. Bis jetzt hat sich der Mann nicht stellen müssen. Für mich war Ettal die Hölle.“ Die Schläge waren so massiv, dass viele Kinder zu Bettnässern wurden – bis ins Jahr 2009 hinein. Pfister: „Er schlug vornehmlich die jüngsten Schüler.“ Der genannte Pater war es auch, der Buben an den Koteletten zog, sie umdrehte und nach oben riss – unter unsäglichen Schmerzen.

Zwei Gesichter des Pater M.

Die Bekenntnisse des Paters, der 2009 gestorben ist und in dessen Nachlass seine „Beichte“ entdeckt wurde, hatten die Missbrauchsfälle in Ettal ans Licht gebracht. Der gebürtige Amerikaner und ehemalige US-Elitesoldat, schwer traumatisiert im Koreakrieg, wird von Pfister als Mann mit zwei Gesichtern beschrieben. Er war beliebt wegen seiner Hilfsbereitschaft und hatte bis zuletzt seine Fangemeinde. Pfister zitiert aus den Bekenntnissen, dass dieser Pater die Kinder zu sich ins Bett holte – bis zur körperlichen Befriedigung. Durch eine „Kultur des schuldhaften Wegschauens“, die bis in den Grenzbereich der unterlassenen Hilfeleistung gehe, habe man ihn trotz seiner bekannten pädophilen und homosexuellen Neigungen über Jahrzehnte hinweg in direkter Nähe zu den Kindern belassen.

Das organisierte Schweigen

Der Altettaler Dr. Peter M. berichtet von körperlichen Übergriffen in den Jahren 1964-69. „Sadistisch veranlagte und krankhafte Patres“ hätten mit aller Wucht zugeschlagen. „Alle wussten davon, es wurde vollkommen offen praktiziert... Durch organisiertes Schweigen und Wegsehen konnte sich die Minderheit der psychopathisch veranlagten Täter sicher fühlen. Sie wurden so zu Gewohnheitstätern.“

Prügeln bis zur Krankenstation

Alfred G. war 1967 als Zehnjähriger im Internat Ettal; 1977 machte er das Abitur. „Die ersten drei bis vier Jahre waren die schlimmste Zeit meines Lebens. Stundenlang musste ich nachts auf dem Gang stehen, wurde auch in den Keller verbannt. Einmal ist mir in der Klasse der Malkasten heruntergefallen. Ich bekam Schläge und musste stundenlang vor dem Pult knien.“ Danach wurde er von einem Pater mit einem Bambusstab durchgelassen. „Ich war danach auf der Krankenstation.“

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Es fröstelt einen in der Rosner-Aula des Klosters Ettal im beschaulichen Werdenfelser Land. Draußen wirbeln die Schneeflocken um das barocke Bauwerk. In der unbeheizten Aula löst der Bericht des externen Sonderermittlelers zu den Missbrauchsfällen und Misshandlungen von Buben hinter Internatsmauern Fassungslosigkeit unter den gut 70 Journalisten aus.

Fast ein Dutzend Kameras sind auf die Bühne gerichtet, wo sonst von Schülern nette Theaterstückchen aufgeführt werden. Jetzt offenbart sich hier ein Drama, das sich jahrzehntelang bis Anfang der 1990er-Jahre in dem bekannten Elite-Internat vollzogen hat.

Eisige Stille herrscht, als der Münchner Strafverteidiger Thomas Pfister, der von den Mönchen als unabhängiger Sonderermittler eingesetzt wurde, fast 40 Minuten lang aus den Schilderungen der fast 100 Opfer zitiert, die sich bislang an ihn gewandt haben. Kein einziger Trittbrettfahrer sei dabei, keiner, der sich vielleicht wegen schlechter Noten nachträglich auf billige Art rächen wollte. Tag und Nacht erhalte er Meldungen: „Es gibt keine, wo ich sagen würde, dass sie nicht stimmt.“ Auf der einen Seite gibt es die Schilderungen von Prügeleien und massiven Schlägen. „Sie konnten nur unter dem Schutzmantel des Schweigens und Wegsehens etabliert werden“, sagt Pfister. Er bezeichnet Gewalt gegen Kinder als das Widerwärtigste und Abartigste an Verfehlungen überhaupt. In aller Heimlichkeit lief dagegen der sexuelle Missbrauch ab.

Obwohl es einen letzten, derzeit strafrechtlich verfolgten Fall der körperlichen Gewalt noch im Dezember 2009 gegeben hat, betont Pfister aber auch: „Das Kloster Ettal von heute hat mit Kloster Ettal von damals wenig zu tun.“ Der Anwalt attestiert dem Kloster ebenso wie dem Erzbistum München und Freising, das von den Mönchen um Hilfe gebeten wurde, dass die jetzige Aufklärung von aufrichtiger Sorge getragen sei. Er sei niemals in seiner Arbeit behindert worden.

Doch immer neue Fälle geraten ans Licht: So offenbarte sich erst in der vergangenen Woche ein Mitbruder der Staatsanwaltschaft, weil er kinderpornografische Filme auf seinen Computer geladen hat. Er hatte zudem 2000/2001 Fotos von Ettaler Schülern, die auf einer Wanderung mit entblößtem Oberkörper unterwegs waren, auf eine Internetseite für Homosexuelle gestellt. Während diese Taten von der Staatsanwaltschaft noch verfolgt werden, sind die meisten anderen Fälle längst verjährt.

Fahl im Gesicht, regungslos und mit versteinerter Miene verfolgt der „Wirtschaftsminister“ des Klosters, Cellerar Pater Johannes Bauer, die Ausführungen des Sonderermittlers. Es ist eine der schwersten Stunden im Leben des mittlerweile 51-Jährigen. Nicht nur, dass der gebürtige Aschaffenburger, der selbst das Ettaler Internat als Schüler besuchte und dann 1980 ins Benediktinerkloster eintrat, die schweren Verfehlungen, sexuellen Übergriffe und Misshandlungen von Mitbrüdern der Abtei in vollem Umfang einräumen muss. Es ist auch für ihn ganz persönlich der Tag, zu gestehen, dass er selbst Schuld auf sich geladen hat: „In den Jahren von 1985 bis 1987, als ich im Internat als Erzieher tätig war, muss ich zu meiner eigenen Schande offen sagen, dass ich ebenfalls Kinder brutal körperlich misshandelt und gedemütigt habe, durch Ohrfeigen und Schläge auf den Hintern mit dem Kleiderbügel.“

Dies alles tue ihm heute von Herzen leid, fährt Pater Johannes mit stockender Stimme fort, und er bitte alle, denen er persönlich Schaden zugefügt habe, „sich mit mir in Verbindung zu setzen, damit ich sie persönlich um Verzeihung bitten kann“.

Eine schwere Last liege über der klösterlichen Gemeinschaft von Ettal, räumt der Cellerar ein, die Berichte der Opfer seien schockierend und zutiefst beschämend: „Wir müssen einräumen: Mehrere von uns waren damals regelrecht brutal.“

Erste Aufgabe sei es nun, den Betroffenen konkrete Hilfe anzubieten. Man könne das, was geschehen sei, leider nicht mehr ungeschehen machen, und bitte alle sexuell und/oder physisch misshandelten ehemaligen Schüler um Verzeihung.

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Mit Unterstützung der Erzdiözese und einer apostolischen Visitation aus dem Vatikan will Ettal nun zu einer geistlichen Neuausrichtung gelangen: „Ein Wegschauen und ein Nicht-Wahrhaben-Wollen darf es bei uns nicht mehr geben.“ Die Offenlegung aller Verdachtsmomente und Missbrauchsfälle sei ein erster Schritt in diese Richtung. So habe man, berichtet der Ordensvertreter, vergangenes Jahr das Projekt „Internat 2015“ angestoßen, wodurch man in enger Zusammenarbeit mit Schülern, Eltern und einem externen Berater „unser Internat neu aufstellen wolle“.

Pater Johannes weiß, „dass wir vor einem schwierigen Weg stehen“, doch in dem Zuspruch und der Unterstützung in den letzten Tagen durch Eltern, aktuelle und ehemalige Schüler sieht der 51-Jährige eine Hoffnung, „dass wir in der Vergangenheit in Ettal nicht alles falsch gemacht, sondern auch Gutes getan haben“. Dies bestätigt auch der Elternbeirat des Gymnasiums.

Auf die Frage, wie er nach seinem persönlichen Geständnis in der Klosterleitung bleiben könne, betont er, dass er seit den 80er-Jahren nicht mehr im pädagogischen Bereich tätig sei. Er bedauere seine Übergriffe zutiefst: „Wenn man zu seinen Schandtaten steht, muss auch Vergebung möglich sein.“

Der Münchner Generalvikar Peter Beer begrüßt die großen Anstrengungen der Ettaler Mönche für eine rückhaltlose Aufklärung aller Vorwürfe. „Es ist unser gemeinsames Ziel, den Opfern von sexuellem Missbrauch und Gewalt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“ Er ist zuversichtlich, dass der Abtei eine Neuorientierung gelingt. Auch der Papst nimmt die Missbrauchsfälle in Deutschland sehr ernst. Der Bitte um eine Visitation will der Vatikan wohl entsprechen.

Von Claudia Möllers und Ludwig Hutter

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