Missbrauchsskandal: "Auch der Staat trägt eine Mitschuld"

Ettal - Wieviel Leid mussten Schutzbefohlene in Kinderheimen und Internaten durch sexuellen Missbrauch und Misshandlungen erfahren? Landtagsabgeordneter Florian Streibl sieht einen Grund dafür auch im Versagen der staatlichen Kontrollorgane.

In Ettal, wo über viele Jahre hinweg Patres der Benediktinerabtei Schüler des Internats sexuell missbrauchten und verprügelten, soll es nunmehr verstärkt zu Gesprächen zwischen dem Kloster und Opfern kommen. Dies will der Münchner Anwalt Stephan Lang, der noch vor einigen Tagen die Aufarbeitung der Geschehnisse durch Ettal schwer kritisiert hatte: „Es ist bis heute nichts Wesentliches passiert - außer Absichtserklärungen“ - oder „ . . . entstünde bei Opfern der Eindruck, als wolle das Kloster den Skandal aussitzen und keine Verantwortung übernehmen“.

Inzwischen klingt die Ansage Langs, dessen Kanzlei den in Gründung befindlichen Verein „Ettaler Missbrauchsopfer“ vertritt, etwas anders. „Es liegt uns fern, das Kloster nach unten zu ziehen. Wir müssen Ettal aus den Negativ-Schlagzeilen rausbringen“, versicherte der gebürtige Oberammergauer, der selbst bis 1983 in Ettal zur Schule ging. Im Vordergrund stünde, dass die Opfer so schnell als möglich mit dem Kloster ins Reine kommen wollen.

Auch der Weiße Ring befürwortet nach Aussage seines Pressesprechers Helmut K. Rüster in Mainz „eine möglichst umfassende und wirksame Hilfe für die Betroffenen“, doch über das Procedere dürfe kein öffentlicher Disput entstehen. Die Zusammenarbeit mit Ettal in dieser Angelegenheit bezeichnet Rüster bisher als „gut und zielführend“.

Inzwischen hat auch der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler, Florian Streibl, Unterstützung signalisiert: „Wenn es gewünscht ist, stelle ich mich jederzeit in einer vermittelnden Rolle für Gespräche zur Verfügung, um Brücken zu bauen“. Generell, so der Abgeordnete im Tagblatt-Gespräch weiter, habe er den Eindruck, dass das Kloster ernsthaft an der Aufarbeitung der Taten und Wiedergutmachung interessiert sei: „Das ist sicher ein langwieriger Prozess, wenn man versucht, den Interessen jedes einzelnen Betroffenen gerecht zu werden. Ich glaube, die Abtei ist hier auf einem guten Weg.“

In Zusammenhang mit den Übergriffen im Kloster sieht Florian Streibl auch eine „Mitschuld des Staates“. In zwei Anfragen an das Kultusministerium, eine von ihm, hätte sich nämlich gezeigt, dass es eine staatliche Heimaufsicht, wie man sie für Kinder- und Altenheime kenne, für Schülerheime und Internate auch mit privaten oder kirchlichen Trägern nicht gegeben habe. „Das ist erschreckend, denn es wäre gesetzliche Pflicht gewesen. Im Ministerium hat man auf diesem Sektor lange, lange geschlafen“, so Streibl.

Der Landtagsabgeordnete will hier das Kloster als Verantwortlichen für die Taten „nicht reinwaschen, doch wenn die staatliche Heimaufsicht funktioniert hätte, wie es notwendig ist, wäre manches, was passiert ist, eben nicht passiert. Vielleicht auch in Ettal nicht, und vor allem nicht über einen so langen Zeitraum hinweg.“ Das Ministerium kenne nicht einmal die konkrete Zahl der Heime, die im Zuständigkeitsbereich der Aufsicht lägen. Das sage alles.

Ludwig Hutter

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