Will mit dem Stromhandel einen neuen Betriebszweig für die Gemeindewerke schaffen: Karl Steingruber, kaufmännischer Leiter des kommunalen Betriebs. Foto: herpen

Murnau will auch Atomstrom verkaufen

Murnau - Die Murnauer Gemeindewerke steigen ab 2011 ins Stromgeschäft ein. Eine Gemeinderatsmehrheit aus CSU und Freien Wählern gab hierfür grünes Licht - nach einer kontroversen Debatte.

SPD und ÖDP/Bürgerforum stimmten gegen das Vorhaben. Auslöser der politischen Auseinandersetzung war das von den Gemeindewerken erarbeitete Vermarktungskonzept: Der kommunale Eigenbetrieb will nämlich nicht nur umweltfreundlichen Öko-Strom in die Haushalte liefern, sondern auch billigeren, konventionellen Strom, der unter anderem in Atomkraftwerken erzeugt wird. Dies ist nach Ansicht von SPD und ÖDP/Bürgerforum ein Unding. Die Gemeinde könne sich nicht die Energiewende auf die Fahne schreiben und gleichzeitig in den Vertrieb von Atomstrom einsteigen, so der Tenor.

Wie bereits berichtet, soll mit dem Stromverkauf ein neuer, lukrativer Betriebszweig der Gemeindewerke entstehen. Deren kaufmännischer Leiter, Karl Steingruber, hat ehrgeizige Ziele: Bereits zum Start am 1. Januar 2011 will er rund 1000 Haushalte als Kunden gewonnen haben - und billiger sein als Großanbieter wie die Eon Bayern AG. Erklärtes Ziel es ist, in einigen Jahren die Hälfte aller rund 7000 Murnauer Haushalte mit der „drachenstarken“ Energie, so der Werbeslogan, zu beliefern. Dabei will die Gemeinde die Elektrizität nicht selbst erzeugen, sondern im großen Stil über eine Einkaufsgemeinschaft an der Strombörse erwerben und weiterverkaufen.

Steingrubers Ansicht nach sollen alle Murnauer die Chance haben, von den Werken Elektrizität zu beziehen - auch diejenigen, die sich den teureren Öko-Strom nicht leisten können oder wollen. Natürlich förderten die Gemeindewerke erneuerbare Energien, die etwa aus Wind, Sonne oder Erdwärme gewonnen werden. Aber nur mit Öko-Strom im Angebot würde man sicherlich deutlich weniger Kunden finden. „Dann wird es schwierig, schwarze Zahlen zu schreiben“, warnt Steingruber.

CSU und Freie Wähler sprachen sich mit ihrer Mehrheit im Gemeinderat für das Konzept der Werke aus. „Der Verbraucher braucht die Entscheidungsfreiheit“, sagte in der Sitzung Wolfgang Köglmayr (CSU). Mit attraktiven Tarifen können seiner Meinung nach sicherlich viele Bürger von dem Öko-Angebot überzeugt werden. Entscheidend sei, dass die Gewinne im Ort bleiben und wieder investiert werden.

Ähnlich sieht es Michael Wiesener von den Freien Wählern. Langfristiges Ziel müsse es sein, dass die Kommune selbst umweltfreundliche Energie erzeugt. Der Einstieg ins Stromgeschäft sei erst der Anfang. Sollte man dabei ausschließlich auf Öko-Strom setzen, bestehe die Gefahr, dass sich nicht genug Abnehmer finden und das Energie-Projekt eingestellt werden muss.

Ganz anders die Sichtweise von ÖDP/Bürgerforum und SPD, die sich mit dem vorgeschlagenen Vertriebskonzept nicht anfreunden können. Die beiden Fraktionen plädierten dafür, sich auf Öko-Strom zu beschränken. „Uns geht es nicht darum, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern den nachfolgenden Generationen eine lebensfreundliche Welt zu hinterlassen“, erklärte Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum). Er könne es daher nicht verstehen, dass die Gemeinde jetzt Atomstrom verkaufen will.

Elisabeth Hoechner (SPD) sprach von einer „Doppelmoral“. Alle Parteien im Gemeinderat hätten sich vor drei Jahren zur Energiewende bekannt. Der Handel mit Atomstrom stehe dazu in einem klaren Widerspruch.

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