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Fachfrau: Revierleiterin Mareike Schulze arbeitet seit zwölf Jahren im hessischen Nationalpark Kellerwald-Edersee, der mittlerweile zum Weltnaturerbe gehört.

Abläufe in Sachen Jagd

Nationalpark: Wildtiermanagement im Ammergebirge?

Garmisch-Partenkirchen/Ammertal - Die Idee, einen Nationalpark Ammergebirge zu gründen, ist umstritten. Doch die Befürworter kämpfen um ihr Vorhaben. Diesmal mit einem Vortrag einer Fachfrau.

Der Bund Naturschutz und der Förderverein Nationalpark Ammergebirge werden nicht müde, weiterhin für ihre umstrittene Idee eines Nationalparks zu werben. Dieser soll sich vom Lech im Westen bis zur Loisach im Osten sowie vom westlichen Abschnitt des Wettersteingebirges mit den Nordflanken der Zugspitze und der Höllentalspitzen, dem Waxenstein sowie dem Höllental bis zur Westflanke der Alpspitze erstrecken. Um ein positives Signal an die Kritiker des Projektes zu geben, haben die Kreis- und Ortsgruppe des Bund Naturschutz in Garmisch-Partenkirchen und der Förderverein Nationalpark Ammergebirge nun eine Fachfrau zu einem Vortrag eingeladen, die sich mit dem Thema bestens auskennt: Revierleiterin Mareike Schulze arbeitet seit zwölf Jahren im hessischen Nationalpark Kellerwald-Edersee, der mittlerweile zum Weltnaturerbe gehört. Im Gasthof Schatten in Partenkirchen berichtete sie vor Nationalpark-Befürwortern und Kritikern von den Erfahrungen ihrer Arbeit – vor allem im Bereich Wildtiermanagement.

Auf 6000 Hektar Buchenwald erstreckt sich der hessische Nationalpark, der somit zu einem der kleinsten weltweit zählt. Der Grundgedanke bei der Gründung war laut Schulze, „einer der letzten großen Buchenwälder Europas, der ohne Straßen und Siedlungen erhalten ist, zu schützen“. Dabei solle der „möglichst ungestörte Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natürlichen Dynamik“ gewährleistet werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass man die Tiere „sich selbst überlassen“ kann. Um Schäden an Wäldern durch eine Überpopulation der Wildtiere zu vermeiden, brauche es ein „gutes Wildtiermangement“, das von Revierleitern und gut ausgebildeten Rangern angewandt wird. Das heißt: Die Zahl der Huftiere wird zwar mit herkömmlichen jagdlichen Mitteln reguliert, dies dient jedoch lediglich dem Schutz des Waldes und der Tiere anstatt wirtschaftlichen Interessen. Die Jagd geschieht dabei in kurzen Intervallen so „störungsarm wie möglich“, auf manchen Flächen wird gar nicht gejagt – in der Brunftzeit ist der Abschuss völlig untersagt. Die Schützen müssen dabei nicht zwingend klassische Jäger sein, Menschen mit Jagdschein sind ebenfalls beschäftigt. Auch angrenzende Jagdpächter um den Nationalpark herum schießen Tiere, die sich in ihr Gebiet verlaufen.

Kritik erntete Schulze bei anwesenden Jägern und Forstarbeitern vor allem dafür, dass Bäume vor Verbiss der Tiere nicht ausreichend Schutz erhalten und auch wenig Forstarbeit im Nationalpark stattfindet. Bäume und Pflanzen werden nicht zurechtgeschnitten, Totholz sammelt sich in den Beständen. Auch die organisatorische Handhabung beim Wildtiermanagement passte einigen Zuhörern nicht. So wusste die Revierleiterin nicht, wie viel Wild sich genau im Wald befindet. „Wir gingen zu Beginn des Projekts von einer bestimmten Anzahl der Tiere aus und versuchen seitdem, durch Zählungen auf eine ungefähre Kenntnis zu kommen“, erklärte Schulze. Als völlig „unlogisch und unwissenschaftlich“ wurde dieses Rückrechnungsmodell von einigen Zuhörern bewertet. „Dann kann man die Jagd gleich bleiben lassen“, tönte es aus dem Publikum. Dass die Methode zwar nicht „sehr genau“, jedoch „effizient ist“, versuchte Schulze mit der „konstanten Verbissmenge“ an den Bäumen zu begründen. Diese befindet sich seit Jahren im „toleranten Rahmen“ und habe sich „gut eingependelt“. Zugeben musste die Revierleiterin jedoch, dass eine genaue Kenntnis darüber, wie viel Wildtiere der Nationalpark verträgt, und „ob sich die Bestände irgendwann von selbst einpendeln“ noch nicht existiert. „Spannend“ wird es laut Schulze zusätzlich, wenn natürliche Beutegreifer wie der Wolf oder der Luchs in die Wälder Deutschlands zurückkehren.

Fasziniert von der Arbeitsweise im Nationalpark zeigten sich hingegen der Vorsitzende der Kreisgruppe, Axel Doering, der Vorsitzende des Fördervereins Nationalpark Ammergebirge, Hubert Endhardt, sowie der Wildbiologe Professor Wolf Schröder von der TU München. „Ich kenne das Gebiet seit den 1980er Jahren sehr gut und finde es toll, was sich dort getan hat“, sagte Schröder anerkennend. Doering wies jedoch darauf hin, dass sich im geplanten Nationalpark neue Herausforderungen ergeben werden, da es sich im Hochgebirge – anders als in Kellerwald-Edersee – um Mischwälder handle, die vom Borkenkäfer stärker bedroht seien.

Um sich der „Dynamik des Waldes“ und dem Nationalpark im Ammergebirge „weiterhin zu nähern“, soll es laut Endhardt weiterhin verstärkt Vorträge und Informationsabende geben. „Wir wollen Vorurteile abbauen.“ Die Hoffnung darauf, dass ein Nationalpark auch im Ammergebirge gelingen wird, verstärkte sich durch Schulzes Vortrag. Schließlich war auch in Hessen die Idee eines Nationalparks lange Zeit umstritten. Fast zehn Jahre dauerte es dort bis zur tatsächlichen Umsetzung. Befürworter hierzulande hoffen auf weitaus weniger Wartezeit.

Magdalena Kratzer

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