Eine Massenbewegung: Auf der 70 Meter breiten Freilichtbühne drängen sich 150 Kinder und fast 400 Erwachsene. Fotos: Ludwig Hutter (9)

Passion 2010: Einzug in Jerusalem mit Mütze und Anorak

Oberammergau - Vier Monate vor der Premiere der 41. Passionsspiele in Oberammergau starteten am Wochenende im altehrwürdigen Passionstheater die Volksproben für die insgesamt 2400 Mitwirkenden.

Unterm Dach – die beiden Darsteller des Longinus, Ferdinand Meiler (l.) und Hans Feldmeier, an der Brüstung der Bühnenempore.

Jesus ärgert sich: „Ich hätt’ ja auch früher dran denken können.“ So muss Frederik Mayet der Kälte ohne lange Unterhosen trotzen – „die waren irgendwie alle in der Wäsche“. Eisiger Wind bläst durch die Gassen. Das Volk – dick eingepackt in Mützen, Anoraks, Handschuhen und Schals. Mittendrin rudert einer mit den Armen, gestikuliert, schreit: „Locker, locker, locker steh’“, „Hennala, Hennala, wo bischt?“, „Macht’s n’Weg frei, geht’s auf d’Seitn!“ Wie eine Flipperkugel katapultiert sich Christian Stückl von einer in die nächste Ecke der Bühne. Er ist der einzige, den’s nicht friert. Bewegung erzeugt Wärme.

Die Proben für „den“ Passion haben begonnen. Seit dem Wochenende so richtig. Mit dem Volk und auf der großen Bühne im Passionstheater. „Ein Gefühl bekommen für die Menge Leute“, „Wieder nei’schmecken in die Massenszenen“ ist des Spielleiters Anspruch. Auf dem Programm stehen „Einzug in Jerusalem“, „Vertreibung der Händler“, am Sonntag die „Empörung“. Am Tor O bildet sich eine lange Schlange, alle müssen sich in die Anwesenheitsliste eintragen. Das dauert, bei fast 400 Erwachsenen, dazu noch einmal 150 Kinder. „Die erste Volksprob’ is immer irgendwie chaotisch, weil i erst für jeden an Platz finden muaß“, gesteht Stückl ein, und dennoch sei es ein ganz wichtiger Moment. Was ein älterer Herr mit langem weißen Bart bestätigt: „Heit san olle do, heit geht’s richtig los.“ Und seine Augen leuchten. Noch vier Monate, die Begeisterung ist entfacht.

Unterschrift: In die Anwesenheitsliste müssen sich auch diese beiden Passionsveteranen eintragen.

Auf der Mittelbühne drängen sich Männer, Frauen, die Kinder vorne. Der Passion verbindet. Mehr als alles andere in Oberammergau. Der Regisseur freut sich, „dass so an Hauf’n kemma san“, und registriert später „brutal vui Leit’ auf der Bühne“. Alles ist versammelt, ein paar einführende Worte, dann d a s Lied. Gemeinsam. „Schau ma amoi, ob t’ses no kennt’s“. Gänsehautgefühl. „Heil dir, Heil dir, o Davids Sohn! . . . Der Väter Thron gebühret dir!“ . . . „Hosianna unserm Königssohne.“ Voller Inbrunst, aus zig Kehlen. Viele können es auswendig. „So etwas wie die Nationalhymne der Oberammergauer“, weiß Jesus Mayet. Stolz schwingt mit. Das Volk singt es beim Einzug in Jerusalem.

Dann öffnet sich der „Eiserne Vorhang“, das Volk strömt hinaus auf die Freilichtbühne, in die Kälte. Wo der Spielleiter zu Glanzform aufläuft. Seine Anweisungen kommen im Sekundentakt: „Ihr do nüber“, „Alle Grünen (die mit dem grünen Textbuch) dem Jesus nach“, „Ned olle auf oan Haufn, Ihr seid’s doch koane Schof.“ Fast drei Stunden lang geht das so. Die Kälte kriecht langsam in die Glieder. Alle halten tapfer durch, auch Stückl – ohne eine Zigarette. Volksproben sind gesund, stoppen die Nikotinsucht.

Das Ende naht – endlich heim in die warme Stubn. Noch einmal eine Warnung des Spielleiters, an die Kinder: „Geht’s bloß weg vom Orchestergrabn. Sonst flackt no amoi oaner drunt.“ Rennen und drängeln sei verboten im Theater, fügt er an in Richtung Passionsnachwuchs, „i konn a ganz streng wer’n“. Ein dreifaches „Danke, danke, danke“, da strömen viele schon hinaus durch Tor O. Durchgefroren, aber zufrieden. Der Passion hat begonnen. Für alle!

Ludwig Hutter

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