Leisten auch „Erste Hilfe für die Psyche“: Betriebshelfer des Maschinenrings. Foto: fkn

Psychische Erkrankungen: Immer mehr Landwirte betroffen

Murnau/Landkreis - Zukunftsängste, Druck, Geldsorgen und Überbelastung hinterlassen Spuren: Psychische Erkrankungen nehmen auch auf Bauernhöfen in der Region zu.

Krebs, der Verlust eines Kindes, Geldsorgen, familiäre Konflikte: Immer wieder kommen die 60 nebenberuflichen Helfer im festen Stab des Maschinenrings (MR) Oberland, einer Selbsthilfe-Organisation, die in den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen und Weilheim-Schongau fast 1940 Mitglieder umfasst, in Landwirtsfamilien, die massive Lebenskrisen und Schicksalsschläge trafen.

„Wir haben festgestellt, dass es zunehmend Einsätze in schwierigen Situationen, wie Krankheit und Tod, gibt; in der sozialen Betriebshilfe erkennen wir immer mehr Aufträge, bei denen die Diagnose Depression vorliegt“, erklärt MR-Geschäftsführer Georg Saur. Bei den psychischen Erkrankungen erkennt Saur seit rund einem Jahr deutlich mehr Fälle in der Landwirtschaft - unter anderem, meint er, wegen der zunehmend schwierige Lage, die speziell Milchbauern plage. „Viele Landwirte stehen mit dem Rücken zur Wand, haben immer mehr finanzielle Probleme und Zukunftsängste.“

Um die eigenen Helfer und Einsatzleiter gezielt auf diesem wachsenden Gebiet zu schulen, organisierte der MR, der auf Höfen bei Bedarf mit Personal aushilft, ein Seminar mit einem Psychologen; ein weiteres, das familiäre Konflikte behandelt, soll folgen. Hinter dem Angebot „Erste Hilfe für die Psyche“ steht (neben dem Bauernverband) die Land- und forstwirtschaftliche Berufsgenossenschaft (LBG) Franken und Oberbayern. Sie habe damit auf einen gestiegenen Bedarf reagiert, sagt Reinhold Watzele, bei der LBG für Prävention zuständig.

Das Seminar richtet sich an sozial engagierte Vertreter der Landwirtschaft, die Nachbarschaftshilfe leisten wollen. Psychische Erkankungen seien „ein Problem, das zunimmt“, bestätigt Watzele. „Es gibt in der Landwirtschaft immer mehr Menschen, die überfordert sind, und das schlägt sich auf die Psyche nieder - bis hin zu Depressionen.“ In manchen Bereichen, etwa bei Milchbauern, seien die Begleitumstände „nicht förderlich und motivierend“. Der Preisverfall lasse Landwirte glauben, ihre Produkte seien „immer weniger wert und geschätzt“. Speziell Frauen auf Höfen müssten häufig eine Mehrfachbelastung aus Beruf, Familie und häuslicher Pflege stemmen, wie es sie in anderen Feldern nicht gebe.

Der Druck, der durch die Menge an Arbeit entstehe, sowie die finanzielle Situation, die zu Existenzängsten führe, sieht auch Nikolaus Onnich, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, als Hauptgründe. Er bekomme „ganz klar mit“, dass die Zahl psychischer Erkrankungen auf den Höfen steige, sagt der Bad Kohlgruber, der das Problem aber als allgemeines und nicht auf die Landwirtshaft begrenztes sieht.

Manchem Landwirt liegen Investitionen schwer im Magen. „Es gab noch nie so viel Neubauten wie in den vergangenen Jahren“, sagt Onnich, „doch die wurden häufig unter anderen wirtschaftlichen Bedingungen geplant.“

Häufig werde suggeriert, Höfe müssten eine gewisse Größe haben, um nicht unter die Räder zu kommen, bestätigt Kreisbäuerin Christine Singer aus Hofheim. Wie Onnich betont sie, dass es zunehmende Depressionen nicht nur in der Landwirtschaft gebe. „Es ist allgemein so, dass den Menschen alles zu viel wird und sie das Gefühl haben, immer mehr Druck zu bekommen.“

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