Sexueller Missbrauch im Kloster: Abt zu Unrecht zum Rücktritt gedrängt?

Ettal - Der bekannte Kölner Arzt und Theologe Manfred Lütz attestiert der Erzdiözese in Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen im Kloster Ettal vorschnelles Handeln.

Hat die Erzdiözese von München und Freising in Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen im Kloster Ettal überreagiert und vorschnell gehandelt, als sie die beiden Hauptverantwortlichen der Benediktinerabtei, Abt Barnabas Bögle und Prior Pater Maurus Kraß, zum Rücktritt von ihren Ämtern drängte? Diese Meinung vertritt der bekannte Kölner Mediziner und Theologe Dr. Manfred Lütz. Beide, sowohl Abt Barnabas als auch Pater Maurus, hätten sich 2005 im Fall des Pater G. „absolut vorbildlich“ verhalten. Damit bezieht Lütz eine völlig konträre Position zur Diözese, die das Fehlverhalten der Klosterführung in den vergangenen Wochen mehrfach öffentlich gerügt hatte.

Der 56-jährige Kölner, der übrigens auch die Vatikanische Kleruskongregation berät, betonte, die jetzt bekanntgewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch und Misshandlungen an Internatsschülern durch Patres in Ettal aus den 60-er bis 80-er Jahren seien abscheuliche Vorgänge, die lückenlos aufgeklärt gehörten. Man müsse bei aller berechtigten Empörung aber aufpassen, dass nicht unschuldige Menschen zwar nicht physisch, aber doch moralisch vernichtet oder doch zumindest schwer geschädigt würden.

Sonderermittler Rechtsanwalt Thomas Pfister hatte in der Pressekonferenz am 5. März festgestellt, „dass das Kloster von damals nicht mehr mit dem Kloster von heute verglichen werden kann“, und es nach 1990 kaum mehr Vorkommnisse in dieser Richtung gab. Ein Fall von 2005 führte jedoch auf Drängen der Erzdiözese zum Rücktritt von Abt Barnabas. Pater G., damals Präfekt im Internat, soll Kinder an Armen, Oberkörper und Beinen berührt und am Kopf gestreichelt haben. Zudem seien sie auf seinem Schoß gesessen. Damals war ein Gutachten erstellt worden. Dieses Gutachten deutete der Ombudsmann der Erzdiözese, Monsignore Kneißl, so, dass hier sexueller Missbrauch vorgelegen habe und der Pater niemals mehr in der Jugendarbeit hätte eingesetzt werden können.

Doch jetzt sei klar, so Lütz, dass die Gründe für die Rücktritte hinfällig seien. Wie der Gutachter, der renommierte Experte Professor Pfäfflin aus Ulm, am 1. März mitteilte, sei „der Vorwurf sexuellen Missbrauchs damals von keiner Seite erhoben worden. Auch bei der Begutachtung durch mich fanden sich diesbezüglich keine Anhaltspunkte“. Darüber hinaus stellt Pfäfflin fest, das Vorgehen des Abtes anschließend sei „angemessen und in Übereinstimmung mit den Vorschlägen in meinem Gutachten“ gewesen. Wenn es also noch nicht einmal den Verdacht auf sexuellen Missbrauch gegeben habe, dann habe es auch keine Meldepflicht gegeben, mithin keine Meldepflichtverletzung, so Lütz.

Abt Barnabas und Pater Maurus, der wie Abtprimas Notker Wolf jetzt bekanntgab mit der Drohung, sonst werde die Schule geschlossen, ebenfalls zurücktrat, seien damit eindeutig rehabilitiert. Der Pater sei sofort aus der Schülerbetreuung genommen worden, alle Eltern seien informiert worden und ein qualifiziertes Gutachten erstellt worden. Im Fall des Pater G. handele es sich um Probleme mit Nähe und Distanz, wie sie in allen Berufen vorkommen können, die mit Menschen zu tun haben. Damit müsse man nach den Worten des Theologen professionell umgehen.

Es sei zu hoffen, so Lütz, dass Abt Barnabas und Pater Maurus möglichst bald wieder in ihre Ämter zurückkehren könnten, denn so verantwortungsvolle Leitungsfiguren seien jetzt wichtig, um die Erneuerung Ettals überzeugend fortzusetzen.

Ludwig Hutter

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