Angeklagter war früher Polizist

Sexueller Missbrauch: Therapeut vergeht sich an 15-Jähriger

Landkreis - Schreckliche Szenen haben sich bei einer Therapie-Sitzung abgespielt: Ein 55-Jähriger vergriff sich an einem Mädchen. Jetzt bekam er die Strafe für die Tat. 

Auf der einen Seite gab es viele Tränen, auf der anderen Seite eisiges Schweigen. Denn zu dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen wollte sich ein 55-Jähriger aus dem Landkreis in seinem Prozess nicht äußern. Nach der ausführlichen Befragung des mittlerweile 18-jährigen Opfers sah es das Schöffengericht aber als erwiesen an, dass sich der Physiotherapeut an seiner Patientin vergangen hat. Besonders tragisch: Früher hatte der Täter als Polizist gearbeitet.

Seine zweite Karriere begann erst spät und führte den Angeklagten schließlich in eine medizinische Einrichtung im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, die er inzwischen verlassen musste. An seinem ehemaligen Arbeitsplatz traf er auf das Mädchen, das aus Nordbayern stammt. Das Verhältnis zwischen den beiden war bei den mehrfachen Aufenthalten der Jugendlichen gut. Sie selbst fragte nach, ob er ihr behandelnder Therapeut sein könne. Dieses Vertrauen wurde am 9. Mai 2013 ausgenutzt.

An diesem Feiertag sollte die damals 15-Jährige, wie es in der Anklage hieß, zu einer Sondersitzung kommen. „Eine, die der Angeklagte angeordnet hat“, sagte Richter Paul Georg Pfluger. Der Mann kam mit seiner Patientin im Turnsaal zusammen, wo sich an Werktagen immer viele Menschen aufhalten. An diesem Nachmittag waren sie allein.

Dann folgte eine Übung, die zwei ehemalige Kolleginnen des Mannes im Zeugenstand als eher ungewöhnlich für den Umgang mit fast schon erwachsenen Patienten be zeichneten: Der Therapeut saß an ein Regal gelehnt und mit gespreizten Beinen am Boden, das Mädchen mit dem Rücken zu ihm dazwischen. Auf diese Weise sollte das Atmen verbessert werden. „Das kenne ich von kleinen Patienten“, sagte eine der Zeuginnen zu der Positionierung. Bei älteren wirke sie doch eher seltsam.

Und in der Tat: Der Angeklagte soll mit beiden Händen in die Jogginghose der Minderjährigen gegriffen und sich minutenlang durch Handbewegungen erregt haben. Auch dann wieder, als die Situation unterbrochen wurde, weil jemand kurz die Tür geöffnet hatte. Die Person wurde aber am Eintreten gehindert: „Ist geschlossen“, soll der Therapeut aggressiv gesagt haben.

Zu den Vorfällen wollte sich der Beschuldigte in der Sitzung aber nicht äußern. „Mein Mandant macht keine Angaben zur Sache“, erklärte lediglich sein Rechtsanwalt Ingo Kaus. Nur so viel: Er bestreitet sämtliche Vorwürfe.

In den Augen von Richter Pfluger war die Situation dennoch eindeutig. „Aussage gegen Aussage steht nur dann, wenn keine Indizien vorliegen. Doch diese gibt es.“ Dazu gehört ein Gespräch der 15-Jährigen mit einer befreundeten Zimmerkollegin. Dabei soll sie gesagt haben, dass sie „angefasst“ worden ist, ihr der Therapeut „an die Wäsche“ wollte. Die Tatsache, dass das Opfer danach sofort von jemand anderem behandelt werden wollte, war für das Gericht ebenfalls wichtig. Gleiches gilt für Erkenntnisse aus einem Glaubwürdigkeits-Gutachten. Darin ging die Expertin Hannah Wallner unter anderem darauf ein, dass das Mädchen „nicht den geringsten Belastungseifer“ gezeigt habe. Das heißt: Sie hätte den Angeklagten ganz leicht schwerer beschuldigen können. Doch das tat sie nicht.

Die Aussage des Mädchens fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zweieinhalb Stunden dauerte es, dann verließ es verweint den Sitzungssaal. Bis das Urteil feststand, verging der ganze Tag. Am Ende verurteilte das Schöffengericht den Mann wegen sexuellen Missbrauchs und der Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses zu einer Haftstrafe von einem Jahr – drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem muss er 3000 Euro an die Kinder-, Jugend- und Erwachsenenhilfe für deren Integrationskindergarten zahlen.

Mit seiner Tat habe er „nicht die unterste und nicht die oberste Schwelle“ des Möglichen übertreten, befand Pfluger. Diese hat aber ausgereicht, um das Leben des Mädchens zu verändern. „Sie leidet noch heute darunter.“

Rubriklistenbild: © dpa

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