Trotz offiziellen Verbots

Skandal: Forstbetrieb schießt 68 Hirsche zu viel

Landkreis - Ärger droht dem Forstbetrieb Oberammergau: 94 Hirsche der Klasse III durfte er schießen, 162 hat er erlegt - obwohl das Landratsamt eine nachträglich beantragte Erhöhung der Zahl abgelehnt hat...

„Das ist brutal, was da passiert“, echauffiert sich Willi Fleischhacker. Der Privatjäger betreut ein Revier in Oberau und sitzt im Jagdbeirat. Er war es auch nach eigener Aussage, dem auffiel, dass „da etwas nicht stimmen kann“. Denn als Leiter des Hegerings Werdenfels Süd bekommt er jeden Monat die Abschusszahlen auf den Tisch. Jedes erlegte Tier muss der Forstbetrieb beim Landratsamt, wo die Jadbehörde angesiedelt ist, melden. Der Hegeringleiter erhält die Papiere zur Kenntnisnahme. Fleischhacker bemerkte, dass bereits im September 2013 die erlaubte Zahl bei den jungen Hirschen der Klasse III erreicht worden war. „Doch es wurde munter weiter geschossen.“

Besonders pikant: Der Forstbetrieb beantragte erst im Nachhinein den Abschuss weiterer 66 Hirsche dieser Klasse. Zu einem Zeitpunkt, als schon weit mehr geschossen worden waren als die erlaubten 94 Stück. Doch „dieser Antrag wurde vom Landratsamt mit der Argumentation abgelehnt, dass eine nachhaltige Reduktion des Rotwildbestands und des Verbissdrucks nur durch eine Reduktion des weiblichen Wilds möglich ist“, erläutert Landratsamtssprecher Stephan Scharf. Der Forstbetrieb hatte die Aufstockung damit begründet, dass es hohe Verbisschäden gebe und das Rotwild reduziert werden muss. Jedoch sorgen die weiblichen Tiere für Nachwuchs - und damit für weiteres Verbiss-Risiko. Trotz dieser Ablehnung erlegten die Forst-Mitarbeiter weitere Tiere.

„Das ist doch Wilderei und total kontraproduktiv“, empört sich Tierschutzvereins-Vorsitzende Tessy Lödermann. Auch Fleischhacker stößt dieses Vorgehen sauer aus. „Das kann’s doch nicht sein.“ Er fürchtet um den Ruf der Jäger. „Jetzt werden wir wieder alle als schwarze Schafe gesehen.“ Der 66-Jährige wies die Unteren Jagdbehörde auf den Fall hin, immer wieder und mit Nachdruck, wie er sagt.

Nun hat die Behörde ein Ordnungswidrigkeitenverfahren gegen den staatlichen Betrieb in Oberammergau eingeleitet. Interessant: „Die Einleitung hängt vom Ausmaß und der wiederholten Überschreitung der Abschusspläne ab“, erläutert Scharf. „Begründet wird dieser Schritt auch damit, dass der Forstbetrieb in den vergangenen fünf Jahren seinen Abschussplan weitere drei Mal überschritten hat.“ Die nicht genehmigten Abschüsse sind also kein Einzelfall. Betriebsleiter Süß will sich mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern.

Auch die Staatsanwaltschaft München II ist mit dem Fall beschäftigt. Dort hat die Jagdagenda 21 „eine Privatanzeige eingereicht“, bestätigt ein Sprecher. Die Ermittlungen laufen. „Was dort passiert, ist nicht mehr in Einklang mit geltendem Recht zu bringen“, stellt der Zweite Vorsitzende der Jagdagenda 21, Stefan Schopf, klar. Der Jagdagenda geht es darum, dass der „Forstbetrieb erkennt, dass er keine eigenmächtige Behörde ist und sich an Rechtsnormen halten muss. Er kann nicht nach Gutdünken selbst entscheiden.“ Auch Lödermann ist entsetzt von der Jagdmethode „Zahl vor Wahl“.

(nine)

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