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Die Füße einer gekreuzigten Christusfigur im Eingangsbereich des Klosters Ettal.

Streit zwischen Kloster Ettal und Bistum eskaliert

Ettal/München - Eigentlich wollte die Kirche aufklären - die vielen Missbrauchsfälle und Misshandlungen in Ettal sollten auf den Tisch. Doch statt bei der Bewältigung der Krise an einem Strang zu ziehen, fliegen zwischen Mönchen und Kirchenleitung die Fetzen.

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Der Streit zwischen Orden und Erzbistum München-Freising um den richtigen Kurs bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals im oberbayerischen Kloster Ettal eskaliert. Die Benediktinerabtei forderte den Ordinariatssprecher am Mittwoch zur Richtigstellung mehrerer angeblich falscher Behauptungen auf. Vor allem geht es darum, ob die Bistumsleitung von dem Wechsel des Rechtsanwaltes wusste, der das Kloster vertritt. Das Mandat von Sonderermittler Thomas Pfister war nach Vorlage des Abschlussberichtes beendet und zwei neue Juristen engagiert worden. Weiterer Streitpunkt ist die Öffentlichkeitsarbeit des Klosters.

Das hat es in der katholischen Kirche in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben: Ein Kloster fordert den Sprecher eines Erzbischofs in einer an die Medien verschickten Mitteilung kategorisch auf, eine Reihe von Behauptungen richtigzustellen. Weder sei das Mandat von Sonderermittler Pfister einseitig durch das Kloster beendet worden noch sei der Kirchenleitung in München der Auftrag an einen neuen Rechtsanwalt verschwiegen worden, heißt es darin. Als Beweis für seine Darstellung führt das Kloster mehrere Briefe und E-Mails an.

Mit welch scharfer Klinge die Kontrahenten die Auseinandersetzung führen, zeigt auch die Form der Pressemitteilung aus dem Kloster: Es heißt zu vier strittigen Punkten jeweils “falsch ist“, “richtig ist“ und “Beweis“. Der Sprecher von Erzbischof Reinhard Marx, Bernhard Kellner, wird aufgefordert, die dargestellten “Sachverhalte zu bestätigen“, was einem Schuldeingeständnis gleichkäme.

Am Dienstag hatte Kellner gesagt, dass die Hinzuziehung des neuen Rechtsanwaltes Hans Günter Huniar aus Ingolstadt nicht mit dem Bistum abgesprochen worden sei. “Wir können diese überraschende Entwicklung nicht gutheißen“, ließ sich der Sprecher zitieren. Überrumpelt fühlt sich das Bistum auch bei dem Pressegespräch des Klosters für einen handverlesenen Kreis von Journalisten am Dienstag.

Wie die Nachrichtenagentur dpa erfuhr, hatte Generalvikar Peter Beer - er vertritt Marx - bei einem Treffen mit der Ordensleitung am Montag im Ordinariat auf eine baldige Pressekonferenz gedrungen. Dabei sollte Pfister seinen Abschlussbericht erläutern. Doch die Mönche baten sich Bedenkzeit aus - um am Montagabend eine Reihe von Medienvertretern für Dienstagmittag zu einer eigenen Presserunde ins Kloster einzuladen. Nach Pfister suchten die Journalisten dort vergebens, stattdessen präsentierte der Orden zwei neue Anwälte.

Der Sonderermittler bestätigte indessen, dass ihm in einem gemeinsamen Brief des Generalvikars und von Interims-Klosterchef Emmeram Walter am 10. April das Ende seiner Tätigkeit mitgeteilt wurde. Doch erhält Pfister weiterhin “Leidensberichte“, wie er es nennt, von geschundenen Ex-Schülern der Internatsschule. “Ich werde diese Berichte bündeln und Bistum sowie Kloster auch nach Ende meines Mandates vorlegen“, kündigte der Münchner Strafverteidiger am Mittwoch an. “Die schmeiße ich doch nicht in den Mülleimer.“

Nachdem das Kloster den Abschlussbericht ins Internet stellte, fühlt sich Pfister auch nicht mehr an sein Mandatsgeheimnis gebunden. “Ich lasse mich nicht mundtot machen, auch wenn man durch juristische Winkelzüge versucht, mich zum Schweigen zu bringen.“ Der Ermittler außer Diensten bedauerte, dass er seinen Abschlussbericht nicht persönlich der Öffentlichkeit vorstellen durfte und vermutet, “dass ich als Chronist der Leiden ausgeschaltet werden soll“. Das Erzbischöfliche Ordinariat kündigte noch für den Mittwochnachmittag eine Stellungnahme zu der Auseinandersetzung mit dem Kloster an.

Am Montag hatte der vom Erzbistum eingesetzte Sonderermittler seinen beinahe 200 Seiten dicken Bericht vorgelegt. Darin kommt er zu dem Schluss, dass es in dem Kloster über 56 Jahre hinweg sexuellen Missbrauch sowie körperliche und seelische Gewalt an über 100 Schülern gab. 15 Mönche - 7 von ihnen bereits tot - werden beschuldigt. Gegen 3 Patres ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen sexuellen Missbrauchs, Kinderpornografie oder körperlicher Gewalt.

dpa

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