Hat lange einen Nachfolger gesucht: der Unterammergauer Arzt Christian Schmidt – zusammen mit seinem Team (v.l.) Melis Görür, Sandra Bußjäger und Kathrin Schärfl. foto: hutter

Suchen, bis der Arzt kommt

Landkreis - Immer weniger Mediziner zieht es aufs Land: Leere Dorfpraxen stellen Gemeinden vor Probleme.

Knapp eineinhalb Jahre lang hat Christian Schmidt einen Nachfolger für seine Praxis in Unterammergau gesucht. Sechs Mal hat er seine Behandlungsräume deutschlandweit ausgeschrieben. „Ein einziger Interessent aus Hannover hat sich gemeldet“, sagt der Allgemeinmediziner. Doch der ist schließlich wieder abgesprungen. „Ich versteh’ nicht, warum die Leute das nicht mehr machen wollen.“ Schmidt ist kein Einzelfall. Der Mangel an Hausärzten stellt ländliche Gemeinden in ganz Bayern seit Jahren vor Probleme - selbst in Regionen wie dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen, in denen es sich eigentlich ganz gut leben lässt.

Im Oberen Isartal mussten die Bürger in Wallgau zeitweise ohne jegliche Mediziner auskommen, da der ansässige Arzt in die Schweiz ausgewandert war. Mittlerweile wurde eine Nachfolgerin gefunden, Bürgermeister Hans-Jörg Zahler (CSU) ist sich der brisanten Lage jedoch bewusst. „Für uns ist eine ärztliche Versorgung im Ort, die man auch zu Fuß erreichen kann, ein Muss.“

Aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung, sind vor allem weniger mobile Bürger auf medizinische Betreuung im Ort angewiesen. Nicht jeder kann mal eben mit dem Auto in Ärztezentren wie Mittenwald, Garmisch-Partenkirchen oder Murnau fahren. Einer ähnlichen Situation blickt Zahlers Amtskollege Thomas Schwarzenberger (CSU) in der Nachbargemeinde Krün entgegen. Die beiden dortigen Ärzte bewegen sich auf das Ende ihrer beruflichen Laufbahn zu. Der Rathauschef bleibt aber zuversichtlich und steht bereits in Kontakt mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). „Ich habe keine Angst, dass wir ohne Versorgung dastehen. Aber es ist nicht ganz einfach.“

Das Paradoxe an der Situation: Der Landkreis gilt als überversorgt und zählt somit zum Sperrgebiet, in das keine weiteren Zulassungen vergeben werden können. Dieser Problematik ist sich Dr. Bernhard Kofler, Regionaler Vorstandsbeauftragter der KVB, bewusst: „Bisher war es so, dass innerhalb eines Landkreises Zulassungen frei verlegt werden konnten.“ Ein Arzt konnte beispielsweise seine Oberauer Praxis auch weiter in Mittenwald betreiben. „Dies führte zu einer Abwanderungstendenz aus den Dörfern in die größeren Gemeinden, in denen auch zunehmend Ärztehäuser entstanden sind“, erklärt Kofler.

Dieser Entwicklung wurde mit dem Versorgungsstrukturgesetz, das mit Jahresbeginn in Kraft getreten ist, entgegengewirkt. „Die Zulassungen werden nun am kleinräumigen Bedarf ausgerichtet.“ Ärzte sollen dort arbeiten, wo sie auch wirklich gebraucht werden.

Das neue Gesetz beinhaltet weitere Lösungsansätze, die die Tätigkeit in den Dörfern wieder attraktiver machen sollen. „Die Residenzpflicht wurde aufgehoben“, erklärt Kofler. Ärzte könnten somit pendeln und müssten nicht in dem Ort wohnen, wo sie ihre Praxis betreiben. Außerdem soll die Honorarstaffelung aufgehoben werden. „Bisher bekamen Mediziner nur für eine bestimmte Anzahl an Patienten pro Praxis das volle Honorar bezahlt, bei Überschreitungen erhielten sie weniger Zuwendungen.“ Das soll jetzt auch für unterversorgte Orte innerhalb eines überversorgten Landkreises entfallen.

Christian Schmidt aus Unterammergau hat nach seiner langen Suche eine Nachfolgerin gefunden - per Zufall durch Mundpropaganda. Dr. Julia Thiele wird seine Praxis ab 1. Juli übernehmen. Die Arbeit auf dem Dorf schreckt die 37-jährige Ärztin nicht ab, im Gegenteil: „Ich wollte nie etwas anderes machen.“ Der Reiz liegt für sie in der Vielfältigkeit. „Als Hausarzt bist du für Patienten von null bis 103 Jahren zuständig, aber über das Medizinische hinaus auch Ansprechpartner für soziale und familiäre Probleme oder Beziehungsfragen.“

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