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Mehr als Basketball: Stephan Adelberger und Andreas Mayr (r.) bei den Niagarafälle

Die Kolumne aus Kanada

Ball(er)Männer II: Wie ein NBA-Star uns lieben lernte

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Achtung, Haifischbecken! Bei den NBA-Finals in Toronto leiden unsere Schreiberlinge unter den Härten des Geschäfts, retten einen einsamen Star und fordern einen Kollegen heraus.

Zwei Bayern alleine in Nordamerika: Die beiden Merkur-Mitarbeiter Stephan Adelberger und Andreas Mayr berichten drei Wochen von den Endspielen der besten Basketballliga - und ihren Abenteuern. Hier der zweite Teil ihrer Kolumne aus Toronto: 

Bitte, liebe Toronto Raptors, seht das nicht als schlechtes Omen für euer zweites Spiel am Sonntag an: Doch wir müssen mit einer schlechten Nachricht loslegen. Die Amerikaner haben den Ausgleich geschafft. Zwischen uns - zwei deutschen Lohnschreibern, den Außenseitern - und dem Heer an amerikanischen Journalisten steht es nun 1:1. Unsere Führung - hart erkämpft an der Spielkonsole - futsch. Aber liebe Kollegen, bitte nicht überheblich werden, ihr wart verdammt, die zweite Aufgabe zu gewinnen. Ein 0:2-Rückstand hätte euch nicht gut gestanden. Ihr seid die Favoriten!

Der Kampf um die spanische Urgewalt

Gekämpft haben wir um Marc Gasol - sagen wir besser um ein paar güldene Worte aus dem Mund der spanischen Urgewalt (so stand es unter dem Bild unseres letzten großen Artikels). Wir hätten so gerne und so dringend gewusst, ob sich der Marc denn das Champions League Finale ansieht. Ob er dabei ein Tottenham-Trikot trägt, nachdem Gegner Liverpool seine Liebe, den FC Barcelona, dessen Nachwuchs-Abteilung ihn ausbildete, eliminiert hat. Ob er sich mit Teamkollege OG Anunoby - geboren in London - anlegt oder verbündet. Und, am wichtigsten, ob er so ein K.o.-Format in der NBA für denkbar hält, wie es der NBA-Boss kürzlich vorgeschlagen hat. Wir schreiben darüber demnächst eine Sonderseite. Werbung kommt noch früh genug. Keine Sorge. Doch obwohl wir im Pulk aus 50 informations-hungrigen Journalisten unsere Ellbogen ausgepackt, vielen Kollegen mit unseren breiten Rücken die Sicht genommen und einfach drauf los gefragt haben, hat uns Marc - der Schlawiner - einfach nicht beachtet. Er bevorzugte seine spanischen Spezln, die nicht zu unterschätzende dritte Partei. Da die Amerikaner um eine weitere Niederlage fürchteten, setzten sie ihren Joker: Jackie MacMullan, die große JackieMac, schlich mit Gasol in die Tiefen der Arena. Sie darf das, weil sie JackieMac ist. Und wir freuen uns. Ehrlich und völlig frei von Ironie. Weil diese Frau noch nach den Grundsätzen unseres Standes lebt. Weil sie nicht nach Klicks der Fans fischt. Weil sie zur rechten Zeit kritisiert. Weil sie im "The New Yorker" ein beeindruckendes Plädoyer für den Journalismus gehalten hat, in dem sie auch vor Schelte an Kollegen nicht zurückscheut. Und weil sie verdammt noch einmal gute Texte schreibt. Jackie, wenn du das irgendwann liest, wir haben gerne verloren!

Schwedisches Export-Produkt: Jonas Jerebko (r.)

Wir haben versucht, wie Jackie zu sein. Unser Ziel hieß Jonas Jerebko. Spätestens als Andi ihm erzählte, dass einer seiner besten Freunde mit dem ganz und gar schwedischen Namen Jerry einen beträchtlichen Teil seines Lebens in Schweden gelebt hat, lehnte sich der Profi gemütlich in den Stuhl zurück und begann mit der Plauderei. Er würde ja auch gerne Deutsch sprechen, gab er zu. Ach und im Fußball habe er auch Talent gehabt. Als Stürmer. Wir stellen uns vor: Jerebko, 2,08 Meter, im Kopfball-Duell gegen Philipp Lahm. Hätte ausgesehen wie Peter Crouch ohne Storchenfüße. Nun sei er blöderweise so gut im Basketball gewesen, dass man ihn zum Wechsel in die NBA zwang, scherzt der Mann aus Kinna. Obwohl er als erster Schwede im NBA-Finale steht, verzichtet jede Zeitung, ja jeder TV-Sender bislang auf einen Abgesandten zu den Endspielen. Die Enttäuschung drückt Jerebko mit einer schönen Prise Zynik aus: „Sogar ihr aus Deutschland kommt hier her.“ Da sitzen also zwei Verzweifelte - Andi, dessen Fragen niemand hört, und Jonas, den niemand fragt - und teilen ihr Leid. Welch herzige Geschichte.

Geld, Wasserfälle, Spiele

Die Niagarafälle

In solchen Momenten denkt Stephan an Kasi, unseren Reiseführer. Andi kennt ihn noch aus seiner Zeit als Schiedsrichter. Sie besuchten einen Lehrgang, pfiffen sogar das Finale gemeinsam. Ist sechs Jahre her. Man, werden wir alt. Wenn Instagram, das größte Bilderbuch im Internet, für eines gut ist, dann um solche Bekanntschaften zu pflegen. Der Kasi, ein Schwabe, lebt seit drei Jahren in Hamilton bei Toronto, arbeitet im Außendienst eines Stahl-Konzerns und jagt bei jeder Gelegenheit Eintrittskarten für Spiele der Raptors. Für Spiel zwei hat er Tickets hinter der Bank der Golden State Warriors ergattert. Geschätzter Marktwert: zwischen 5000 und 10 000 Dollar. Doch Kasi wünscht sich nichts mehr, als einmal auf dem Feld zu stehen, einmal mit Jonas Jerebko reden zu dürfen. Die unbezahlbaren Vorzüge unseres Jobs. Auf die Eröffnungsparty haben wir ihn geschmuggelt, mit Erlaubnis der Liga. Dort entstand ein Foto neben NBA-Star Deandre Ayton. Im Gegenzug zeigt uns der Kasi Plätze, die kein anderer sieht. Vor der Türe eines Nachtclubs - den kennt er offenbar sehr gut - lassen sich beeindruckende Fotos der Skyline von Toronto schießen. Für einen Blick aus der Fensterfront seines Penthouses würden sicher manche Geld zahlen.

Vor sechs Jahren hat die NBA ihren Spielmodus im Finale geändert. Damit haben sich die Inlands-Flüge aber auch die freien Tage gehäuft. Aus Journalisten werden zu diesen Zeiten Touristen. Nun überfüttert Toronto - kleiner Tipp für Urlauber: das zweite „t“ spricht der Einheimische nicht aus - seine Gäste mit Attraktionen. Die größte, bekannteste und beeindruckendste finden die Urlauber etwa eine Stunde entfernt an der Grenze zu Amerika. Von den Niagarafällen wusste Stephan bis dato nicht einmal, dass sie in der Nähe liegen. Dieser Banause. Bei einem Klick auf die vielen perfekt ge-photoshopten Bilder bei Instagram könnte man echt glauben, die Amerikaner hätten vergessen, das Naturtheater zu vermarkten. Casino, Burgerläden und Hotels verstecken sich aber auch echt gut. Den Abend verbringen wir bei Kasis Chef Christian und seinen Steaks vom deutschen Metzger. Man spricht über Verbrennungsmotoren und die Grünen, trinkt Bier (und Andi zwei Gläschen Wein) - und verpasst nebenbei den Zug. Gut, findet Christian, der Boss, der zur wöchentlichen Kneipentour einlädt. Stephan rebelliert. Kasi kapituliert. Lediglich Andi solidarisiert sich mit dem Boss. Er fürchtet, dass Andre Voigt irgendwie von der Geschichte erfährt. Mit dem Chefredakteur des Basketball-Magazins „FIVE“ hatten wir 2016 unvergessliche Wochen erlebt. Nur die Ausflüge ins Nachtleben von San Francisco (Stichwort: Reisepass) endeten mit unschönen Szenen. Den Dre vermissen wir in Toronto. Doch auch von der anderen Seite des Atlantiks stichelt es sich gut. Mit uns könne man nicht saufen, schreibt er seiner Fangemeinde. Werden wir 2020 sehen. Wir, zwei Ur-Bayern, fordern dich heraus, Dre! Unser Trainingslager hat begonnen.

Lesen Sie auch: 

Teil 1: Die Rückkehr der Amerika-Abenteurer

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