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Direkt neben der Firma Langmatz haben die ersten Bohrungen begonnen.

Das passiert im Gießenbachtal

Bohren, injizieren: Fast wie beim Zahnarzt

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Oberau - Die nächste Etappe für den Oberauer Tunnel: Die Arbeiten zum Schutz gegen Setzungen und Hochwasser haben begonnen. Zwei ansässige Firmen sind davon betroffen.

Injektionen verbindet man eigentlich mit einem Besuch beim Arzt. Die gute alte Spritze. In den nächsten Monaten aber wird der Erdboden des Oberauer Gießenbachtals damit therapiert. Sozusagen als Impfschutz für Gebäude-Schäden, wenn Setzungen auftreten sollten. Ein probates, international erfolgreiches Mittel, wie Projektplaner Karsten Läufer versichert. Eines, auf das man auch bei Stuttgart 21 zurückgreift. Jetzt kommt es im Zuge der Tunnelvorbereitungen für die Orts-Umfahrung zum Einsatz.

Anders als am Mühlberg und Kirchbichl, wo die Arbeiter mit Festgestein konfrontiert werden, wartet im Gießenbachtal eine andere Materie auf sie. „Wir haben dort Schottervortrieb“, schildert Läufer, „deshalb sprengen wir nicht, sondern baggern.“ Doch das Areal steht nicht leer. Zwei Firmen - Saller Edelstahl und das Kunststoffverarbeitungsunternehmen Langmatz - sind dort angesiedelt. Nur etwa zehn bis zwölf Meter liegen zwischen den Gebäuden und dem künftigen Tunnel. Damit diese im August 2016, wenn der Vortrieb starten soll, keinen Schaden nehmen, beginnen jetzt schon die Sicherheitsvorkehrungen: die im Fachjargon sogenannten Injektionsbohrungen und Zementsuspensionen.

Bezeichnungen, die irgendwie an einen Zahnarzt-Besuch erinnern. Und tatsächlich. Es geht um Füllungen. Nur werden keine Löcher versiegelt. Ziel ist es, die betroffenen Gebäude anheben zu können, falls Setzungen, also Senkungen des Bauwerks oder Gesteinskörpers, auftreten sollten. Und die sind berechenbar: „Es handelt sich um 40 bis 45 Millimeter, wenn wir gar nichts machen“, schildert der Projektplaner. Doch getan wird etwas, so schreibt es die Planfeststellung vor.

Seit vergangenem Montag werden auf dem Langmatz-Grundstück Bohrpfähle für die Schächte, die am Gebäude zwölf Meter in die Tiefe reichen, hergestellt. Der Ausgangspunkt für die Bohrungen. Diese verlaufen bei einem Durchmesser von 200 Millimetern und einer Länge von 50 Meter horizontal unter der Halle. Die dadurch entstandenen Fächer erhalten dann schließlich ihre Zement-Füllung. Rund 3000 Tonnen des Baustoffs kommen voraussichtlich zum Einsatz. Um das Gebäude schließlich anzuheben, „können wir auf die Fächer zielgenau Druck geben“, erklärt Läufer.

Nicht nur Gebäude müssen geschützt werden

Projekt zwei: Der Hochwasserschutz läuft auch schon.

Eine Behandlung, die nicht ganz billig ist. Das Verfahren verschlingt Josef Seebacher zufolge etwa drei Millionen Euro. Reine Kalkulation, denn die Ermittlung der Kosten sei im Tunnel- und Grundbau sehr schwierig, sagt der Sprecher der Autobahndirektion Südbayern. Die gleiche Summe steht auch für Vorhaben Nummer zwei im Raum. Denn bis zum Vortrieb laufen nicht nur die Injektions-, sondern auch Brunnen-Bohrungen. Sinn und Zweck: zu verhindern, dass Wasser das Tunnelniveau bei Hochwasser oder Starkregen erreicht und dieser geflutet wird. „Wir bauen 30 Großbrunnen“, sagt Läufer, „damit man den Spiegel absenken könnte.“ Am Mittwoch ging’s los. Auf der Wiese unterhalb des Skilifts hat der Brunnenbauer mit einem Großbohrgerät begonnen, diese „abzuteufen“. So wird senkrechter Grubenbau bezeichnet.

Beide Vorhaben gehen aber nicht nur ins Geld, sie brauchen auch Zeit. Vier bis fünf Baumonate sollen sie dauern. Vier bis fünf lange Baumonate für die zwei anliegenden Firmen. „Da war eine aufwändige Abstimmung nötig“, sagt Läufer. „Wir greifen voll in den Betrieb ein.“ Im Falle von Langmatz „werden rund 2200 Quadratmeter für die Bauzeit belegt“, schildert Hans Urban von der Logistik. „Etwa 50 Palettenstellplätze und die Zufahrt sind nicht mehr nutzbar.“ Stephan Saller, Chef des Nachbarbetriebes, kann noch gar nicht abschätzen, wie die Beeinträchtigungen für sein Geschäft ausfallen. Eine freie Zufahrt ist gewährleistet. Aber, „ob es Erschütterungen gibt, wenn mit dem Bohren begonnen wird, weiß ich nicht.“ Seit er persönlich von den Bauarbeiten betroffen ist, findet der einstige Tunnel-Befürworter, diesen jedenfalls „nicht mehr so lustig.“

Firmen bekommen Wertverlust der Grundstücke erstattet

Der Grund für die Kehrtwende ist aber ein anderer: das eingeschränkte Baurecht. Eine Regelung, die unabkömmlich war: „Da der Tunnel mit relativ geringer Überdeckung durch das Gießenbachtal führt, sind zum Schutz Festlegungen zum Bau von Gebäuden und Veränderungen des Geländes getroffen worden“, erklärt Seebacher. Heißt konkret: Über dem Tunnel darf nicht tief gebohrt werden. Außerdem ist verboten, in einem seitlichen Abstand von 20 Metern von der Achse der äußeren Röhre, ein Gebäude, zum Beispiel eine Tiefgarage, zu errichten. Das passt weder Saller noch Urban ins Konzept. „Ich kann nichts an der Halle verändern,“ sagt der Edelstahl-Fachmann, „auch ein Carport ist nicht möglich.“ Und auch bei Langmatz wurden einige Pläne durchkreuzt, teilt Urban mit. Nur ändern können es beide nicht. Die Einschränkung gehört ebenfalls zur Planfeststellung.

Beide Betriebe müssen sich mit der Entschädigung zufrieden geben. „Der Wertverlust der betroffenen Grundstücke wurde von einem unabhängigen Gutachter ermittelt und den Eigentümern erstattet“, sagt Seebacher. Dass die Autobahndirektion Südbayern nicht um ein gutes Miteinander bemüht wäre, streitet keiner ab. Auch Saller erstellt diese Diagnose: „Wir haben ansonsten eine gute Zusammenarbeit.“

Fest am Tunnel Oberau - die ersten Bilder

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