Unbequeme Wahrheiten will das Volk nicht hören

Oberammergau - Heftiger Beifall belohnte rund 500 Darsteller nach der Premiere des biblischen Schauspiels "Jeremias"

"Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das Leben" - Worte, mit denen Jeremias (Martin Norz) versucht, die Euphorie des israelitischen Volkes zu bremsen. Vergebens. In ihrer Begeisterung lassen sich die Menschen - wieder erweist sich Regisseur Christian Stückl als wahrer Meister der Massenszenen - nicht beirren. Und auch König Zedekia (Anton Burkhart), eitel und rückgratlos, verfällt den blinden Rufen der Menge. Seine roten Kleider (Kostüme und Bühne: Stefan Hageneier) künden von dem Blut, das sich - gemäß Jeremias' Worten - über die strahlend weiße Bühne, das hell gewandete Volk und das Land ergießen wird.

Der Prophet wird als Verräter, Lügner, Gotteslästerer verhöhnt - sogar seine Mutter (Ursula Burkhart) glaubt ihm nicht. Seine Not und Verzweiflung überträgt sich aufs Publikum. Man fühlt mit ihm, kann nachvollziehen, was dieser Mann empfinden muss, der grausame Wahrheiten vom Untergang Jerusalems verkündet und kein Gehör findet. Ausdrucksstark auch sein Widersacher, Hananja (Peter Stückl), der Prophet des Volkes, der immer wieder gegen ihn hetzt und letztlich Baruch (Martin Schuster) zum Anschlag gegen den unbequemen Jeremias anstachelt.

"Großartig", nennt Birgit Adam aus Garmisch-Partenkirchen die Inszenierung. "Was die Oberammergauer hier auf die Beine stellen, ist wirklich sehr beeindruckend." Umso weniger versteht sie daher, dass nur 1000 Leute ins Passionstheater gefunden haben. Zwar sei "Jeremias" kein leichter Stoff, dafür aber auch heute hoch aktuell.

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