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Neue Pflegekultur: Die Erfinder des „Werdenfelser Wegs“, Richter Sebastian Kirsch (links) und Sozialpädagoe Josef Wassermann, bekommen ideelle Unterstützung von Justizministerin Beate Merk.

Vorzeigeprojekt: Pflege ohne Fesseln

Garmisch-Partenkirchen - Jedes Jahr sterben zig pflegebedürftige Menschen, weil sie per Gerichtsbeschluss an ihr Bett gefesselt werden. Unhaltbar, fanden ein Amtsrichter und ein Beamter im Werdenfelser Land – und starteten ein bemerkenswertes Modell.

Am Ende ihres Lebens stand ein qualvoller Todeskampf. Da war diese alte, gebrechliche Frau, sie wog nur noch etwas mehr als 40 Kilo. Bevor der Pfleger im Heim für die Nacht das Licht ausknipste, zurrte er die Seniorin mit Gurten fest. „Fixierung“ nennt man das im Fachjargon. Sie sollte die unruhige Demenz-Patientin vor sich selbst schützen, Stürze verhindern. Doch sie bedeutete den Tod.

Die Frau verstand nicht, warum sie gefesselt ist, sie hatte Angst – und versuchte sich zu befreien. Doch sie blieb zwischen Bettgitter und Matratze stecken, ihr Brustkorb wurde so stark zusammengedrückt, dass sie keine Luft mehr bekam und starb. Stunden später entdeckte sie eine Pflegerin. Solche oder ähnliche Unglücke passieren immer wieder. Jetzt macht ein Konzept aus Oberbayern Schule, das die Zahl der Fixierungen deutlich reduziert.

30 Menschen sterben bundesweit jedes Jahr wegen der Fixierung, die oft eine Fesselung an Bett oder Rollstuhl bedeutet – durch Brustkorbkompression oder Strangulation. Im Großraum München, das hat Andrea Berzlanovich vom Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität vor einer Weile mal gezählt, waren es im vergangenen Jahrzehnt 30. Soweit die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer ist hoch.

Eine Fixierung muss vom Amtsrichter genehmigt werden. Das passiert immer häufiger, sagt Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU). Im Freistaat waren es im Jahr 2000 noch 14 880 Fälle, 2010 schon 24 662. Weil eine solche Anordnung für zwei Jahre gilt, werden faktisch deutlich mehr Menschen angebunden. In Deutschland sind es Experten zufolge 400 000. „Eine zu hohe Zahl“, sagt Merk.

Einer, der über Fixierungen entscheiden muss, ist Sebastian Kirsch, Richter am Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen. Dem 47-Jährigen war nie wohl bei der Sache, er kam von Fall zu Fall mehr ins Grübeln. Dann hörte er einen Vortrag der Rechtsmedizinerin Berzlanovich – die Zahlen über Todesfälle schockierten ihn. Auch Josef Wassermann (44), der als Mitarbeiter der Betreuungsstelle im Landratsamt an dem Verfahren zur Anordnung einer Fixierung beteiligt ist, haderte mit der gängigen Praxis. Die beiden beschlossen: „Es muss was passieren.“ Das war 2007 – und der „Werdenfelser Weg“ war erfunden.

Der Amtsrichter und der Beamte mussten nur an kleinen Stellschrauben drehen, um die Pflegekultur im Landkreis zu verbessern. Kommt vom Pflegepersonal der Vorschlag, einen Heimbewohner zu fixieren, wird zuerst nach Alternativen gesucht – dafür setzen sich Justiz, örtliche Behörden, Pflegeheim und die Angehörigen zusammen. Anders als üblich binden die Garmisch-Partenkirchner keinen Rechtsanwalt als Sachverständigen ins Verfahren ein, sondern zwei Fachkräfte aus der Pflege. Diese unabhängigen Expertinnen besuchen den Patienten, beraten Angehörige, die eine Fixierung aus falsch verstandener Fürsorge und Angst vor der Verletzungsgefahr oftmals befürworten. Doch die Fesselung hat oft den gegenteiligen Effekt: Wundliegen, Muskelabbau, seelische Erkankungen sind häufige Folgen. Zudem besprechen sich die Sachverständigen mit dem Heimpersonal – „auf Augenhöhe“, erklärt Richter Kirsch.

Fixiert wird nur, wenn es unbedingt nötig ist. Anstelle der Gurte reichen oft ein niedrigeres Bett, Pflegenester am Boden oder eine dicke Matte, um gebrechliche und geistig verwirrte Menschen vor Stürzen zu schützen. Im Kreis Garmisch-Partenkirchen wurden im Vergleich zu 2007 zwei Drittel weniger Fixierungen genehmigt. Die Rückmeldungen aus den Heimen seien positiv, sagt Wassermann. Es kam nicht zu mehr Stürzen, außerdem sei klar geworden: Fixieren spart nicht einmal Zeit.

Der „Werdenfelser Weg“ wurde inzwischen von zahlreichen Landkreisen (u.a. Weilheim-Schongau, Fürstenfeldbruck) bundesweit übernommen. Kürzlich kam Nürnberg als erste Großstadt dazu, München wird sich im Herbst anschließen. Ministerin Merk will helfen, das Vorzeige-Modell flächendeckend bekannt zu machen

Carina Lechner

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