Eine zertifizierte Radiocäsium-Messstelle betreibt Helmut Rummel in Murnau. foto: Lory

Warnung vor verstrahlten Wildschweinen

Landkreis - Auch 29 Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl soll es im Landkreis Garmisch-Partenkirchen keine Entwarnung geben. Das sagt ein Experte.

Helmut Rummel hat noch nie Wildschwein gegessen. Wenn der Murnauer seine Messergebnisse betrachtet, ist ihm auch nicht danach. „Da vergeht mir der Appetit.“ Denn knapp 30 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind die Sauen immer noch hoch belastet - auch in der Murnauer Region. Rummel, der in der Marktgemeinde eine zertifizierte Radiocäsium-Messstelle betreibt, hat Daten in ganz Bayern zusammengetragen. Ein Resultat: 140 Messwerte waren höher als 10000 Becquerel (Bq) pro Kilogramm. „Das ist das 16-fache des zulässigen Grenzwertes.“ Auch für die Region hat er Zahlen parat. „Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen lagen 85,7 Prozent der gemessenen Tiere über dem Grenzwert von 600 Bq pro Kilogramm und mussten entsorgt werden.“ Der untersuchte Zeitraum war 1. April 2013 bis 31. März 2014. Der Murnauer, der früher Strahlenschutzbeauftragter bei der Bundeswehr war, hat vor allem Tiere aus dem nördlichen Landkreis unter die Lupe genommen. Etwa aus dem Bereich Höhlmühle oder dem Staffelsee-Gebiet. Am meisten belastet - und zwar mit knapp unter 3000 Bq - war aber eine Probe aus Oberammergau. Ein klarer Fall für die Tierkörperbeseitigung. Schweine, die über dem Grenzwert liegen, dürfen nicht in den Handel gebracht werden. Rund 25 Schwarzkittel aus dem Landkreis hat Rummel seit April 2013 untersucht.

Was Rummel stört: Der Öffentlichkeit sei die teilweise extreme Höhe der Strahlenbelastung der Schweine nicht bekannt. Er meint den Grund zu kennen: „Es gibt seit Jahren keinerlei detaillierte Informationen über die Höhe der Messwerte.“ Rummels Mission ist klar: Er möchte die Verbraucher schützen. „Ich will, dass die Leute das erfahren.“ Vor allem die Jäger. „Wenn die nicht richtig informiert sind, halten die den Verzehr für unbedenklich.“ Dr. Joachim Reddemann, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Jagdverbands (BJV), denkt hingegen, dass die meisten Jäger Bescheid wissen. „Sie sind im Bilde.“ Von Rummels Erhebungen und Schlussfolgerungen ist Reddemann nicht überzeugt. Rummel habe „eine Mixtur erarbeitet, die für uns nicht nachvollziehbar war“. Dessen Daten „waren nicht in Deckung zu bringen mit Daten von unseren Messstationen“. Rummel hat derweil konkrete Forderungen an den BJV. Dieser habe den Messstellen untersagt, Einzelwerte in Bq/kg herauszugeben. Dieses Verbot müsse zurückgenommen werden.

Laut Reddemann gibt es ein solches jedoch nicht. „Wir haben kein Interesse, irgendwelche Ergebnisse unter dem Deckel zu halten.“ Vielmehr sei es so, dass jede Messstation ihre Daten veröffentlichen dürfe. „Wir können denen nichts vorschreiben.“ Aufgrund von Rummels Aktivitäten hat Reddemann jedoch per Brief alle Messgerätebetreiber darauf hingewiesen, „bei künftigen Anfragen bezüglich der Messdaten aus Ihrer Radiocäsium-Messstation auf das LfU (Landesamt für Umwelt; Anm. der Red.) zu verweisen. Insbesondere sollen keine Einzelwerte herausgegeben werden“, schrieb Reddemann Mitte Dezember.

Ein Maulkorb für die Messstellen? Reddemann verneint. Das Schreiben habe sich rein „auf eine Aktion von Herrn Rummel“ bezogen. Es habe zuvor „kritische Anfragen von Mitgliedern“ gegeben. Reddemann sagt, man müsse mit den Messergebnissen „sorgsam umgehen und sie richtig bewerten. Wir vernebeln nichts, aber wir dürfen die Dinge nicht in eine Richtung bringen, die tendenziös ist“. Man dürfe kein Horrorszenario malen. „Schließlich soll Schwarzwild gerne gegessen werden.“ Rummel hat die Ergebnisse seiner Recherchen bayerischen Ministern sowie dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit geschickt.

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