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Nicht barrierefrei: Bahnkunden steigen in Murnau in einen Doppelstockwagen. 

 „Offenbarungseid der Verkehrspolitik“

Züge wurden abgezogen: Pro Bahn übt Kritik

Der Fahrgastverband Pro Bahn übt scharfe Kritik wegen einer Änderung auf der Werdenfelsbahn. Es geht um den Abzug zweier Zuggarnituren. Stattdessen ist ein alter Doppelstocker unterwegs. An der Barrierefreiheit hapert es damit mancherorts. Dabei sind Bahnhöfe teuer umgebaut worden.

Landkreis – Seit Dezember 2018 ist der Flughafenexpress (Regensburg – Flughafen München) in Betrieb. Bei dieser Gelegenheit tauschte die Deutsche Bahn im Werdenfels-Netz zwei Fahrzeuge der Baureihe ET442 (Talent-Züge) gegen eine Zuggarnitur mit alten Doppelstockwagen aus. Ein Sprecher nennt „betriebliche Gründe“. Der Doppelstocker verkehrt von Montag bis Freitag sowie am Sonntag zwischen München und Garmisch-Partenkirchen beziehungsweise Mittenwald.

Die Sache hat freilich einen Haken: Zumindest in Murnau und Ohlstadt sind die Doppelstockwagen nicht ohne Weiteres barrierefrei zu besteigen oder zu verlassen. Christine Wiggers aus Ohlstadt machte das Garmisch-Partenkirchner /Murnauer Tagblatt darauf aufmerksam. „Man sieht so manches verwunderte Gesicht, wenn der Fahrgast dann vom Zug zum Bahnsteig hinübersteigen muss.“ Die Ohlstädterin schätzt, dass der Doppelstoker fünf bis sechs Mal pro Tag in jeder Richtung unterwegs ist.

Ihr Ehemann Wolfgang kritisiert, dass für Millionen von Euro Bahnhöfe barrierefrei ausgebaut wurden, die Barrierefreiheit mit den Doppelstockwagen aber nicht gegeben sei. Die Stationen Murnau und Ohlstadt wurden in der Tat vor nicht langer Zeit so umgestaltet, dass sie Rollstuhlfahrer und Mütter mit Kinderwagen ohne Hindernisse benutzen können.

Auch beim Fahrgastverband Pro Bahn ist man nicht begeistert. In Sachen Barrierefreiheit müsse Verlässlichkeit da sein, betont der oberbayerische Vorsitzende Norbert Moy und spricht von einem „Systembruch“. Den Abzug der zwei Garnituren hält er „für einen Offenbarungseid der Verkehrspolitik in Bayern“. Etwas abzuziehen und damit einen Mangel zu erzeugen, „das kann man einfach nicht machen“.

Mit dem Start der Werdenfelsbahn 2013 waren der Fahrplan und das Betriebskonzept zwischen DB Regio und dem Freistaat Bayern vertraglich vereinbart worden. „Für die Politik hat die Anbindung des Flughafens schon immer eine extrem hohe Priorität“, sagt Moy. „Von daher verwundert es nicht, dass man offensichtlich mit dieser Vertragsverletzung einverstanden ist.“ Den Austausch der Züge habe man „einfach stillschweigend“ vorgenommen, beklagt Moy.

Bei der Deutschen Bahn sieht man die Dinge anders. Dass es mit den Doppelstockern mancherorts an der Barrierefreiheit fehlt, räumt ein Sprecher zwar ein. Zugfahrer mit Handicap brauchen dann Hilfe und müssen vorher den Kundenservice kontaktieren. Der Sprecher nennt die Doppelstockwagen aber dennoch „eine sinnvolle Angebotserweiterung. Die Fahrzeuge sind bei vielen Fahrgästen aufgrund ihres großzügigen Platzangebots sowie ihrer hohen Laufruhe sehr beliebt beziehungsweise werden von einigen Fahrgästen sogar gezielt ausgewählt.“ Gerade auch im Sommer seien die Doppelstocker zum Beispiel für Radl-Touristen oder große Wandergruppen das beste Angebot in diese Tourismusregion.

Zudem macht der Sprecher darauf aufmerksam, dass es an der Werdenfelsstrecke noch unterschiedliche Bahnsteighöhen gebe, „so dass auch der ET442 nicht überall einen stufenlosen Übergang zwischen Fahrzeug und Bahnsteig aufweist“.

Für wie lange die Doppelstockwagen auf der Werdenfelsbahn unterwegs sein werden, wird sich zeigen. Es könne sein, dass sie beim nächsten Fahrplanwechsel nicht mehr verkehren, sagt der Bahnsprecher. Anders hört sich an, was ein Mitarbeiter der Bayerischen Eisenbahngesellschaft dem Gelben Blatt mitteilte. Demnach werden die Zuggarnituren für den Flughafenexpress noch bis Ende 2024 benötigt. Erst ab 2025 sollen dort neue Fahrzeuge zum Einsatz kommen.

Roland Lory

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