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Routine in der Küche: Andreas Krahl verfeinert Apfelmus mit Honig, Redakteurin Silke Jandretzki überwacht kurz den Sterz in der Pfanne.

Landtagswahl 2018

Am Herd mit Andreas Krahl (Grüne):  Lederhosen-Offensive in der Strickfraktion

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Beim Essen lernt man die Menschen kennen, heißt es. Was also liegt näher, als mit den zwölf Direktkandidaten für die Landtagswahl aus dem Stimmkreis 131, zu dem auch der Nord-Landkreis gehört, gemeinsam zu kochen? Heute tischt Andreas Krahl aus Rieden (Bündnis 90/Die Grünen) Sterz mit Apfelmus auf.

Rieden– Selbst is(s)t der Mann. Andreas Krahl kocht Marmeladen ein, saftet, backt Brot, macht Leberwurst. Sogar sein eigenes Bier braut er. Einige Liter hat er jetzt wieder abgefüllt, reserviert für den 14. Oktober, wenn abends seine Wahlparty in Weilheim steigt. Gehaltvoller Doppelbock steckt in den Bügelverschluss-Flaschen. Damit lässt es sich gut feiern. Oder – quasi wahlweise – den Frust ertränken. Doch davon ist angesichts der glänzenden Umfragewerte von 17 Prozent, die Krahls Partei zuletzt vorlegte, eher nicht auszugehen.

Der 29-Jährige tritt im Stimmkreis Weilheim/Schongau als Direktkandidat für Bündnis 90/Die Grünen an und steht auf dem sehr aussichtsreichen oberbayerischen Listenplatz acht. Seinen Wahlkampf bestreitet er unter anderem mit Kostproben seines Küchentalents: Er verteilt 1400 Minigläschen mit Erdbeer-Johannisbeer-Marmelade. Selbstgemacht, natürlich. Krahl stellt sich, wenn es sein Schichtdienst als Gesundheits- und Krankenpfleger auf der Intensivstation für Brand- und Rückenmarkverletzte in der Murnauer Unfallklinik zulässt, gerne an den Herd seiner Wohnküche im Dachgeschoss eines Bauernhauses im Seehauser Ortsteil Rieden. „Ich koche wahnsinnig gerne. Aber ich esse noch viel, viel lieber“, sagt er in einem Dialekt, der niederbayerische Wurzeln durchklingen lässt.

Landtagskandidat Andreas Krahl: Rezept von Oma Maria lässt viel Interpretationsspielraum

Krahl hat sich manches aus der alten Heimat in der neuen bewahrt. Den kalt und heiß geliebten Sterz zum Beispiel, eine Mehlspeise aus gekochten, geriebenen Kartoffeln, Mehl sowie Schmalz oder Butter nach dem Rezept seiner Oma Maria. Wobei Rezept – die Oma hat dem Buam, als er Anfang 20 war, die Anweisungen für das nahrhafte frühere Köhler- und Holzhaueressen am Telefon durchgegeben und Interpretationsspielraum gelassen: „Da nimmst ein wenig Mehl und dann siehst schon, wie’s wird“, habe sie gesagt.

Drei einfachste Zutaten – und so viel, das schief gehen kann: „Es gibt auch Tage, an denen der Sterz unterm Strich nichts wird.“ Krahl, Landwirtssohn aus einem Micro-Weiler im Landkreis Freyung-Grafenau, spielt am Herd also ein bisschen mit dem Feuer: Von den Kartoffeln hängt manches ab, „die dürfen nicht zu mehlig sein“, und von der Zubereitung in der Pfanne. Krahl reibt die gekochten, geschälten Erdäpfel in eine Schüssel, bedeckt alles nach Gefühl mit Mehl, mischt mit einer Hand routiniert durch und fabriziert etwas, das Kuchenstreuseln ähnelt. Dann schlägt er den Rahm, den er von Riedener Bauernmilch abgeschöpft hat, mit dem Handmixer zu frischer Butter. Die kommt reichlich in die Pfanne, bevor und während Krahl immer wieder eine kleine Portion langsam goldbraun anbrät. Das Wichtigste dabei: Die Brösel müssen ständig mit dem hölzernen Pfannenwender gestoßen werden, dürfen nicht zusammenkleben. Eine Herausforderung fürs Handgelenk, die Krahl am heißen Herd mit Engelsgeduld verrichtet. Nach einer halben Stunde stehen Tröpfchen auf seiner Stirn: „Das ist schweißtreibend.“ Der fertige Sterz – mancher kennt den Kartoffelschmarrn als Breslhowa – landet zum Warmhalten im Ofen. Dazu gibt’s Holunderblütenschorle aus eigenem Sirup und selbstgemachtes, warmes Apfelmus. Die Früchte stammen aus dem Garten eines Spezls in Riegsee. Krahl kocht Stückchen mit etwas Saft, püriert alles im Standmixer und verfeinert das Mus mit libanesischem Zedernhonig, Mitbringsel einer Reise. Sonst versorgt er sich über zwei eigene Bienenvölker.

Mittlerweile hängt Butternebel schwer im Raum. Mit Ausnahme der Küchenzeile gilt auch hier: Selbst ist der Mann. Krahl setzt bei der Wohn- und Esszimmereinrichtung gerne auf Marke Eigenbau. Die Platte des Esstischs liegt auf dem Gestell einer uralten Singer-Nähmaschine. Die Basis der Couch mit rot-grünen Polstern und Kissen – Krahl betont, die Farbgestaltung sei „Zufall“ und keine Koalitionsträumerei – besteht aus Holzpaletten, ebenso eine Ablage. Den Fernseher im Regal, das auf Mauersteinen steht, umgeben Holzscheite. Darüber hängen Teilnahmemedaillen, die Krahl bei Marathons in vier Städten erlaufen hat; am Rand lehnt eine Posaune. „Die verkommt leider immer mehr zum Deko-Objekt“, sagt Krahl. Anders der Hochtourenpickel, der am Regal klemmt. Der 29-Jährige geht leidenschaftlich gerne in die Berge, unternimmt Skitouren und erklimmt hohe Gipfel.

Landtagskandiat Andreas Krahl kann nicht stricken, aber Bulldog fahren

Krahl steht in Jeans und Marken-T-Shirt am Herd. Und in – Achtung, Grünen-Klischee! – gestrickten Socken. Diese sind ausnahmsweise nicht selbst gemacht: „Ich kann’s nicht“, räumt der Junggeselle ein. „Ein Kollege wollte es mir in Nachtdiensten beibringen, aber dafür fehlt mir Fingerspitzengefühl.“ Überhaupt passt Krahl nicht in Vorurteil triefende Schablonen vom Parade-Grünen und Öko-Fundi. „Wenn die Leute auf Parteitagen beim Stricken sitzen, und ich komme in meiner Lederhose daher, dann sorgt das manchmal für Irritationen, auf beiden Seiten“, erzählt Krahl – und fügt hinzu: „Ich hätte wetten können, man erwartet, dass ich heute vegane Kichererbsen-Pflanzl raushole.“ Doch das ist nicht er. Krahl hat zwar 2013 bei den Grünen seine politische Heimat gefunden, gibt sich aber bayerisch-bodenständig, traditionsbewusst und anders. Er kocht auch mal einen Schweinsbraten, unterwegs auf Reisen schläft er im Dachzelt seines Pickup, dessen Motor Sprit und nicht Strom schluckt. Seine politische Karriere begann er mit 17 Jahren in einem ganz anderen Politlager: beim CSU-Nachwuchs Junge Union. Er habe „nie einen Doktor gemacht, aber dafür kann ich Bulldogfahren“. Krahl lernte einst den Beruf des Bankkaufmanns und arbeitete im Privatkundenbereich in München, bis er merkte: Das passt nicht. „Ich lege mehr Wert auf andere Dinge im Leben als darauf, einen neuen BMW zu fahren.“ Krahl ging in die Pflege, und nach fast sechs Jahren in der Stadt wechselte er 2015 an die Unfallklinik.

Nun genießt er das beschauliche Rieden: Kühe vorm Haus, grüne Wiesen ringsum, der Staffelsee nur 500 Meter entfernt. Sollte er den Sprung in den Landtag schaffen, sagt Krahl, „wird das eine Pendelgeschichte. Ich bin ein Landmensch: Da komm’ ich her, da gehör’ ich hin.“ Doch Krahl wähnt sich nicht am Ziel. Er, der Bergsteiger, weiß genau, worauf es ankommt: Man sollte sich von glänzenden Aussichten nicht blenden lassen. „Wenn du am Gipfel stehst, bist du noch lange nicht im Tal. Und wir müssen unsere Werte ins Tal bringen.“

Die Landtagskandidaten für den Stimmkreis Weilheim im Porträt:

Carsten Pfuhl (Piratenpartei)

Heiner Putzier (MUT)

Harald Kühn (CSU)

Dominik Streit (SPD)

Martin Zeil (FDP) 

Regina Schropp (Bayernpartei)

Susann Enders (Freie Wähler)

Maike Seewald (V-Partei³)

Maiken Winter (ÖDP)

Rüdiger Imgart (AfD)

Rolf Podlewski (Die Linke)

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