Mittenwald in Weiß: Fällt ergiebig Schnee, haben die Hausdächer eine enorme Last zu tragen. Foto: Hubert Hornsteiner

Die Last mit dem Schnee

Mittenwald - Der Kampf gegen realitätsferne EU-Normen - das hat sich der Mittenwalder Wolfgang Schwind auf die Fahnen geschrieben. Nun will er Experten in Berlin von seinen Thesen überzeugen.

„Von Mittenwald wird der Widerstand gegen die europäischen Bau-Normen ausgehen“, hatte Statiker Wolfgang Schwind bereits vor drei Jahren angekündigt. Seinem Ziel, wirklichkeitsfremde Richtlinien zu kippen, ist er nun ein gutes Stück näher gekommen. In den zurückliegenden Monaten hat er im Rahmen eines Forschungsauftrags des Vereins Praxis, Regeln, Bau (PRB) in mühevoller Detailarbeit eine wissenschaftliche Studie erstellt. Was in Mittenwald wohl einzigartig sein dürfte. Seine Thesen präsentiert Schwind, der zwischenzeitlich zwei deutschen Normen-Ausschüssen als Experte angehört, am 22. November in Berlin bei einem Fachkongress.

„Man darf nicht alles abnicken, man muss sich auch wehren“, lautet Schwinds Credo. Was ihn und seine Zunft so auf die Palme bringt, sind die sogenannten Eurocodes. Diese europäischen Normen für das Bauwesen sind seit 1. Juli auch in Deutschland in Kraft. Auf 7200 Seiten wurden darin die Regeln der Branche festzementiert. Aufgrund dieser Flut an Papier fragt sich Lars Meyer vom Deutschen Beton- und Bautechnikverein: „Erfüllen Baunormen damit noch ihren Zweck?“

Natürlich nicht, findet Wolfgang Schwind. Obendrein seien einige Richtwerte von sogenannten EU-Experten völlig aus der Luft gegriffen. Besonders deutlich zeigt sich das bei dem Passus Schneelasten. „Da sind so viele Fehler gemacht worden“, schimpft Schwind. Um das zu untermauern, bringt er ein Beispiel aus Mittenwald. Würden die Eurocodes eins zu eins umgesetzt werden, müsste unterm Karwendel von einer maximalen Schneehöhe von 2,40 Meter im Tal ausgegangen werden. Dieser hypothetische Wert hieße für Statiker: Dachkonstruktionen in Mittenwald müssten entsprechend geplant werden. Das bedeutet aber: Mehr Sicherheit, mehr Baumaterial, mehr Arbeitszeit, mehr Kosten. Schwind rechnet damit, dass einem heimischen Häuslebauer die Dachkonstruktion im Sinne Brüssels bis zu 40 Prozent teurer kommen würde als bisher. Ein Wahnsinn, meint Schwind. „Da wird soviel Unsinn getrieben.“ In diesem Zusammenhang erinnert der Statiker daran, dass am 12. Januar 1954 mit 1,52 Meter die höchste Schneemenge in Mittenwald gemessen wurde.

Um die Last mit dem Schnee nun endgültig zu bannen, hat sich der Bau-Experte mit seiner 40-jährigen Berufserfahrung an den Schreibtisch gesetzt und die Eurocodes in puncto „Einwirkungen auf Tragwerke“ gründlich überarbeitet und verschlankt. Umfasste die EU-Richtlinie 55 Seiten, so sind es bei Schwinds gestraffter Version noch derer 14. Dass er mit seinen Berechnungen richtig liegt, steht für den Mittenwalder außer Frage. Jetzt heißt es: Erst in Berlin vor der Fachwelt den wissenschaftlichen Beweis dafür anzutreten - und dann geht’s nach Brüssel. cs

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