Ein Kind der Berge: Laura Dahlmeier auf dem Frendopfeiler auf 3854 Metern – ein Klassiker in den französischen Alpen bei Chamonix. Die Biathletin, die unsere Leser heuer zur Sportlerin des Jahres gewählt haben, liebt Ausflüge in die Berge.

Zuhause bei den Dahlmeiers

Die wilde Laura aus dem Werdenfelser Land

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Garmisch-Partenkirchen - Mit sieben wusste Laura Dahlmeier, was sie mal werden will: Olympiasiegerin. Einen WM-Titel hat sich die Biathletin schon geschnappt. Warum die 22-Jährige trotzdem nicht mit Magdalena Neuner verglichen werden will, erzählen ihre Eltern bei einem Besuch.

In Wallgau, 14 Kilometer von Garmisch-Partenkirchen entfernt, gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Keiner verrät einem Fremden die Adresse von Magdalena Neuner, der Super-Biathletin im Ruhestand. Um lästige Fans fern zu halten.

Mama und Papa mit Familienalbum: Susi und Andreas Dahlmeier erzählen von der Karriere ihrer Tochter Laura.

Es ist seltsam, aber nach der Anschrift von Laura Dahlmeier, 22, dem neuen Biathlonstar, hat bislang keiner gefragt. Dazu braucht es auch keinen detektivischen Spürsinn: Wie die meisten Garmisch-Partenkirchner stehen die Dahlmeiers im Telefonbuch. Im Garten steht eine große, bunte Deko-Kuh, die auf das Schmuckatelier von Susi Dahlmeier hinweist, Lauras Mama. Wer aufs Grundstück kommt, will Heilsteine, Ketten oder Ringe in der Künstlerwerkstatt kaufen. Und nicht um ein Autogramm von Laura Dahlmeier betteln. Zumindest war das bislang so.

Wenn Laura nach diesem Wochenende von der Weltmeisterschaft in Oslo zurückkommt, könnte das anders sein. Ihr aktueller Stand: vier Mal Edelmetall. Am Freitag Bronze mit der Staffel. Zuvor jeweils Bronze in Sprint und Einzel plus Gold in der Verfolgung. Das Meisterstück mit 20 perfekten Schüssen, 48 Sekunden Abstand auf die Zweitplatzierte. Dominanz wie zu Magdalena Neuners besten Zeiten. Oberbayern hat eine neue Medaillen-Jägerin.

Vater Andreas Dahlmeier sitzt mit Frau Susi in dem Schmuckatelier und glaubt: Mehr Trubel um Laura wird es künftig auch nicht geben. „Nein, nein, nein“, bekräftigt der 49-Jährige. Das sei anders als bei der Magdalena.

Laura Dahlmeier passiert das oft – dass sie mit „Gold-Lena“ verglichen wird. Bereits nach ihrem Doppelsieg beim Heim-Weltcup in Ruhpolding im Januar hatte sie betont: „Jeder Sportler ist einzigartig. Sie (Neuner, Anm.d.Red.) hatte ihre Stärken, ich habe meine Stärken.“ Viele Fans und Experten lassen Dahlmeier und Neuner in Gedanken gegeneinander antreten. Sie wollen sehen, wer gewinnt, wer die Größte und Beste aller Zeiten ist. Dahlmeier steuert bewusst gegen den Trend. Ihr Vater sagt: „Laura hat Jahre darauf hingearbeitet, eben nicht die zweite Magdalena zu sein. Das hat sie geschafft.“

Im Sommer ließ sie sich von einem Profi-Fotografen ablichten. Mal barfuß, mal im Gras, mal im T-Shirt. „Sportlich, nicht spinös“, sagt ihr Vater. Andere ziehen sich bei einer solchen Gelegenheit aus. Dorothea Wierer, das Glamourgirl aus Südtirol, zeigt sich ihren Fans im Netz gerne freizügig im Bikini – oder in Designermode. Es gibt Sponsoren, die auch Dahlmeier gerne in eine ähnliche Nische gedrängt hätten. Doch wer versucht, die Zolloberwachtmeisterin zu verbiegen, den lässt sie abblitzen. Für Produkte, „hinter denen sie nicht steht“, wirbt Dahlmeier nicht. „Da ist sie knallhart“, stellt der Vater klar.

Laura Dahlmeier ist keine Schickimicki-Sportlerin. Sie ist eine Kämpferin. Mont Blanc, 4810 Meter, und Matterhorn, 4478 Meter, hat sie bestiegen. Auf dem Weg zum Elbrus im Kaukasus, mit 5642 Metern Europas höchster Gipfel, verhaften 2013 russische Behörden die Garmisch-Partenkirchnerin. Schwer bewaffnet führen die Polizisten sie und die anderen Bergsteiger ab, weil sie sich im russischen Grenzgebiet aufhalten. Irgendwann darf der Trupp weiterziehen.

In den Bergen rüstet sich Dahlmeier für die großen Duelle auf Skiern. Kraft, Ausdauer und Konzentration. Während sich ihre Konkurrentinnen im Kraftraum schinden, hängt die 22-Jährige im Klettersteig und genießt die Ruhe. Selbst in den wenigen Wettkampf-freien Phasen des Winters kraxelt das Mitglied der Bergwacht-Jungmannschaft. „Ich brauche das“, hat sie unserer Zeitung kürzlich erst gesagt. „Da kann ich am besten abschalten.“

Die Offiziellen beim Deutschen Skiverband (DSV) beäugen ihre Kletter-Touren anfangs kritisch. „Früher war ja alles Gefährliche verboten“, erklärt Mama Susi Dahlmeier. Lauras Erfolg aber legitimiert das Risiko. Die Medaillen kommen, die Skeptiker verstummen. „Laura hat bewiesen, dass eine gefährliche Trainingsmethode Sinn machen kann.“ Manchmal schleift sie ihre Teamkolleginnen mit. Mit Franziska Preuß und Vanessa Hinz geht sie im Sommer auf Radtour, mit Miriam Gössner besteigt sie das Matterhorn. Alles privat, diese Touren sind in keinem Trainingsplan enthalten. „Die junge Generation hat eine kleine Revolution reingebracht in den Haufen“, sagt Susi Dahlmeier.

Als ihre Tochter noch kein Star, sondern ein Talent ist, und erstmals zur DSV-Elite stößt, ist der Umgang unter den Athleten weniger harmonisch. Da sitzt keiner gemeinsam am Tisch, nach dem Essen verschwindet jeder in seinem Zimmer. Andreas Dahlmeier sagt: „Die Laura war schockiert.“ Mittlerweile seien „die Deutschen ein großes Team geworden“. Deshalb reagiert Laura Dahlmeier auch etwas grantig, wenn sie nach ihrer Rolle als Aushängeschild gefragt wird. Dann verweist sie auf die Erfolge ihrer Mädels. So sehr die Fans nach einer Biathlon-Königin verlangen, so vehement sträubt sich Dahlmeier gegen diesen Titel.

Wenn man Laura unbedingt einen Stempel aufdrücken will, dann: Kind der Berge. Bereits im Kindergarten schnallt sie sich die Alpin-Ski an. Mit sieben Jahren tritt sie dem SC Garmisch bei. Als zu Weihnachten die ersten Langlauf-Skier unter dem Christbaum liegen, ist die Kleine empört. Sie stemmt die Hände in die Hüften und sagt: „Die waren nicht auf meinem Wunschzettel. Da muss sich das Christkindl verflogen haben. Die kann’s wieder abholen.“ Ihre Mutter erzählt die Anekdote und lacht.

Laura behält die Ski. Ein paar Tage nach Heiligabend steht sie erstmals in der Loipe, wenig später trainiert sie beim SC Partenkirchen, dem zweiten Skiclub im Ort. Dazu muss man wissen, dass die zwei Vereine seit jeher (sportliche) Rivalen sind. Wer im Ortsteil Garmisch wohnt, hat für den SC Garmisch zu laufen. „Im nordischen Bereich haben die Garmischer damals aber nichts angeboten“, sagt Susi Dahlmeier. Seither startet die Garmischerin für den SC Partenkirchen. Wie einst der Papa in seiner aktiven Zeit als Skispringer und Nordischer Kombinierer.

Ihr Vater, Bereitschaftsleiter der örtlichen Bergwacht, nahm sie mit in die Alpen – als Laura gerade so kraxeln konnte. „Das hat ihr einfach gefallen“, sagt Andreas Dahlmeier, der das gleichnamige Einrichtungshaus betreibt. Ihr ging’s gar nicht steil genug. Einmal, bei einer viertägigen Tour bei Innsbruck, gerät die Familie in ein Gewitter. Es scheppert rechts und links, Laura sagt damals nur: „Endlich rührt sich mal was.“ Ihr Vater sagt heute: „Sie war immer schon eine Wilde mit Mut zum Risiko.“

Als Schülerin im St.-Irmengard-Gymnasium lässt Laura, die in Mathe und Physik glänzt, mit Sprachen aber nicht viel anfangen kann, schon mal eine Ex sausen oder die Lernerei schleifen. Sie kalkuliert genau, wo sie sich reinhängen muss und wo sie schludern kann. So macht sie das heute auch im Sport: Lieber pausierte die Ausnahme-Biathletin zwei Rennen vor der Weltmeisterschaft, um für den Höhepunkt der Saison in Oslo fit zu sein. Ihr Vater sagt: „Sie hat schon immer gerne alles auf eine Karte gesetzt.“

Für den Biathlon-Sport auch. Mit zwölf gibt Laura ihre Alpin-Karriere auf. Das zu kleine, zu leichte Mädchen mit den zu schmalen Füßen kommt nie an die Top-Zeiten der Gleichaltrigen ran. Auf der Loipe zählt Laura zu den Schnellsten, ihre Lauftechnik verblüfft schon damals die Betreuer. Das Talent trainiert täglich und büffelt gleichzeitig fürs Gymnasium. Nicht die Eltern treiben sie an, sondern ihr eigener Ehrgeiz. Mama Susi, früher erstklassige Mountainbikerin, sagt: „Für mich war’s nie wichtig, ob sie es in die Weltspitze schafft. Aber der Weg war vorgezeichnet.“

Jeden Morgen vor dem Frühstück kracht es damals im Kinderzimmer. Klack, klack, klack. Die ganze Zeit. Drinnen steht Laura und zielt mit ihrem Gewehr auf schwarze Papier-Pünktchen, die sie an den Kleiderschrank geklebt hat. Ohne Munition natürlich, Trockenanschläge nennen die Biathleten das. Abends vor dem Schlafengehen dasselbe. Jeden Tag. Es lohnt sich.

Bereits mit 19 räumt Laura im Schnitt neun der zehn Scheiben ab. In diesem Winter liegt ihre Quote bei über 92 Prozent. Und Dahlmeier will noch mehr treffen. Deshalb hat sie sich im Sommer ihren eigenen, auf sie zugeschnittenen Gewehrschaft bauen lassen. An solchen Stellschräubchen dreht Dahlmeier ständig. Nach der frustrierenden Junioren-Weltmeisterschaft 2012 stellt sie ihre Ernährung um. Dabei lag es vor allem daran, dass die Skier nicht liefen – die Techniker hatten das passende Wachs auf dem Hinweg verloren. Im Jahr darauf gewinnt sie drei Mal Gold in Obertiliach, Italien. Der internationale Durchbruch.

Susi Dahlmeier sagt: „Wie die aus dem Start rausgeschoben hat, diesen Blick vergesse ich mein Leben nicht.“ Wie ein Raubtier auf Jagd nach Beute. Diesen „Biss“, wie es ihr Vater nennt, hat sich Laura nicht antrainiert. Den hat sie. „Wenn du ihr zugerufen hast ,Du bist zehn Sekunden hinten‘, dann hat sie das Rennen mit zehn Sekunden Vorsprung gewonnen.“ Auf der letzten Runde im Einzel am Mittwoch nahm sie Konkurrentin Dorothea Wierer über 30 Sekunden ab, lief zu Bronze. Ihr Trainer Bernhard Kröll sagt: „Laura ist auf der Schlussrunde schon so stark wie Lena.“ Wenn das einer beurteilen kann, dann der Talentschmied aus Krün. Er trainierte beide – gleichzeitig. 2010 fuhr die ganze Trainingsgruppe mit dem Radl über die Alpen. Trotzdem: Dahlmeiers großes Idol war Gold-Lena nie. „Sie himmelt keinen an. Sie pickt sich von jedem das heraus, was sie braucht“, sagt ihre Mutter.

Weltmeisterin Laura Dahlmeier hat eigene Star-Qualitäten. Und auch noch einen großen Traum. Mit sieben Jahren schrieb sie in ein Freundschaftsbuch, hinter der Frage nach ihrem Berufswunsch steht: Olympiasiegerin – oder Hüttenwirtin. Ihr traut man zu, beides zu verwirklichen.

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