Lebt an der Baugrube für das Nordportal einer möglichen Oberauer Umfahrung: Ralf Verlages Problem ist aber vor allem der Wind, der ungeschützt auf sein Haus trifft. Foto: sehr

"Leben am Abgrund": Für einen Oberauer Hausbesitzer kein Problem

Oberau - Olympia wird es nach derzeitigem Stand auf längere Zeit im Landkreis nicht geben. Damit sind auch die Chancen für eine Ortsumfahrung in Oberau drastisch gesunken. Was hat dies nun für einen Hausbesitzer zur Folge?

Durch die Glasfassade dringt viel Licht in das hübsche Einfamilienhaus am Gipsbruch in Oberau. Ralf Verlage (50) sitzt am großen Esstisch und schaut auf die Terrasse. Schön gepflastert ist sie, die Pflanzen drum herum gepflegt. Das Gartenhaus ist nagelneu. Eine idyllische Umgebung für ihn, Frau Chrisanthi (37) sowie die Söhne Marcel (13) und Elias (2). Auf den ersten Blick. Denn was vom Fenster aus nicht zu sehen ist: Hinter dem Schuppen befindet sich einige Meter tiefer die Baugrube für das Nordportal einer möglichen Oberauer Umfahrung. Eine brache Fläche, ein aufgeschütteter Hügel mit einem Kreuz, ein wenig Schutt - sonst nichts. Sollte der Tunnel kommen, wird dort ein großer Schutzwall errichtet, der den Blick in Richtung Ohlstadt versperrt.

Keine gute Aussicht? Ralf Verlage findet schon. Dann nämlich würde wieder Ruhe auf seinem Grundstück einkehren. „Der Wind, der hier durchpfeift, ist der Hammer.“ Regelmäßig sieht der Handwerker abends seine Gartenmöbel über den Boden wandern. Und unter dem Vordach kann er auch nicht sitzen - denn der Schutz bringt aktuell rein gar nichts: „Der Wind peitscht rein und weht auch den ganzen Schnee hierher.“ Negativer Höhepunkt, den die Windschneise mit sich brachte, war bereits im Juni 2011: Bei einem starken Unwetter wehte es den Rohbau des Gartenhauses einfach weg. Verlage musste von vorn anfangen. Nun steht der Schuppen wieder. Trotzdem hofft er, dass sich bald etwas tut und der Wall aufgeschüttet wird.

Das allerdings ist unwahrscheinlich. „Dieser Wall wird nur gebaut, wenn auch die Umfahrung kommt“, sagt Nadine Lewandowski von der Pressestelle der zuständigen Autobahndirektion Südbayern. Er diene als Sichtschutz, werde aus Überschussmaterial aufgeschüttet und etwa fünf bis neuneinhalb Meter hoch sein. Heuer steht an dem Nordportal lediglich die Altlastensanierung an, das Vergabeverfahren läuft. Der Bau der Röhren steht sprichwörtlich in den Sternen.

Aber warum haben sich Verlage und seine Frau Chrisanthi, die Assistenzärztin in Oberammergau ist, vor sechs Jahren ausgerechnet für dieses Grundstück entschieden? „Die Lage hat meiner Frau einfach gefallen. Damals war der Tunnel auch noch nicht so das Thema“, sagt er. Da war die heute brachliegende Fläche noch ein Schrottplatz. Auf einem Teil standen Bäume. Ein Stück des Waldes gehörte anfangs den Verlages selbst - und hielt den Wind ab. Doch 900 Quadratmeter ihres Grundstücks mussten sie im Norden für den Plan der Umfahrung verkaufen - die Fläche wurde abgeholzt. Das bekommen die Anwohner jetzt bei jedem Wind zu spüren.

Ralf Verlage ist kein Gegner des Tunnels. „Ich bin weder dafür noch dagegen“, sagt er. Er konnte mit dem Schrottplatz vor dem Grundstück gut leben, und er könnte es auch mit einem neun Meter hohen Wall. Er lächelt, blickt auf den Abhang, der direkt neben seinem Gartenhäuschen beginnt und sagt; „Ich lebe gut am Abgrund.“ Die steile Stelle habe es sowieso von Beginn an gegeben. Doch dass sich dahinter nichts tut, ärgert ihn: „Irgendwas muss da unten passieren. Diesen Zustand kann man so nicht lassen.“ Egal, wie es weitergeht, ein Umzug kommt für ihn nicht in Frage. „Wir sind glücklich und zufrieden hier.“ Die Freude am eigenen Haus, an der schönen Terrasse und dem Pool, die kann auch der stärkste Wind nicht so einfach wegblasen.

Katrin Martin

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