Magdalena Neuner Staffelsee Flüchtlinge
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Zum Abschluss ihres Wandertags stapften die Asylbewerber der BAF-Klasse 11 der Weilheimer Berufsschule mit ihren Lehrern Martin Krojer (2. v.l.), Yasmin Mauch (2. v.r.) und Mona Knesebeck (r.) in den angenehm kühlen Staffelsee. In der Mitte: Magdalena Neuner.

Im Biergarten gab's das Zeugnis

Magdalena Neuner geht mit Flüchtlingen auf Wanderschaft

Murnau - Zum Abschluss geht es auf Wanderschaft: Die Berufsschule Weilheim zeigt, wie die Integration von Asylbewerbern gelingen kann – mit Unterstützung von Ex-Biathlon-Star Magdalena Neuner.

Die bayerischen Umgangsformen hat die bunte Truppe schon verinnerlicht. Ein kräftiges „Servus!“ bekommt jeder Radfahrer, der sich an dem kleinen Pulk von Asylbewerbern vorbeischlängelt. Ein so fröhliches „Servus!“, dass es kaum einer der Passanten unerwidert lassen kann. Da muss auch die prominente Begleitung, die ehemalige Biathlon-Weltmeisterin Magdalena Neuner, dauerlächeln. Fehlt nur noch, dass die jungen Burschen „Im Frühtau zu Berge“ anstimmen. Aber das wäre dann doch zu viel verlangt.

Es ist eine Wandergruppe der anderen Art, die am Dienstag Vormittag von Murnau aus um den Staffelsee marschierte: Die BAF-Klasse 11 der Weilheimer Berufsschule – BAF heißt Beschulung von berufsschulpflichtigen Asylbewerbern und Flüchtlingen – ihre Lehrer und die bayerische Biathlon-Königin. Zwei Jahre haben die Asylbewerber miteinander verbracht. Nach der Wanderung gab’s im Biergarten das ersehnte Abschlusszeugnis. Und einen kleinen Eindruck, wie das mit dieser verflixten Integration funktionieren kann.

Begleitet wurden Kefayat (Mitte), Lina (r.) und die anderen von Magdalena Neuner.

„Alle da?“, fragt Klassenlehrer Martin Krojer – Lederhose, Sonnenbrille – am Morgen, als sich die Sonne noch zaghaft hinter dem Wald versteckt. Fast alle. Nur einer hat den Zug verpasst. 13 Männer, eine Frau, acht Nationen. Und Magdalena Neuner, die ja mittlerweile Holzer heißt. Aber was macht die denn da?

Ein Bekannter, der an der Berufsschule arbeitet, hatte sie im vergangenen Jahr angesprochen, ob sie nicht Lust hätte, ein paar Stunden mit der BAF-Klasse zu verbringen. Hatte sie, also ging es im Oktober zum Minigolfen. Und weil das eine lustige Sache war, jetzt wieder zum gemeinsamen Wandern. „Das werden nicht alle gut finden, dass ich mich hier engagiere“, sagt die 28-Jährige. „Aber denen kann ich nur sagen: Seid nicht so engstirnig und macht sowas mal einen Tag mit!“ So purzeln die Vorurteile.

Für die ehemalige Biathletin sind die Sonnenstunden mit den Asylbewerbern auch deshalb so erfrischend, weil sie hier ausschließlich das herzliche Mädchen von nebenan sein kann. Keiner der Schüler kannte sie vor ihrem ersten Treffen. „Ist ja klar, die haben andere Probleme, als Biathlon im Fernsehen anzuschauen“, sagt Neuner. Probleme, die sie hinter sich lassen wollen. Und es ist erstaunlich, wie gut das klappt.

Kefayat Nassiri ist vor vier Jahren aus Afghanistan geflohen. Da war er 15. Schleuser brachten ihn aus der Türkei mit dem Schlauchboot nach Griechenland. Eingepfercht in einen Lkw ging es weiter. „Ich dachte, wir fahren nach Italien.“ Als die Polizei die Ladetür des Lasters öffnete, war er in Passau. Kefayat hatte noch nie eine Schule besucht, er war Analphabet. Jetzt schreibt und spricht er flüssiges Deutsch und beginnt im September eine Ausbildung zum Restaurantfachmann in Garmisch-Partenkirchen.

Krojer hat sein Ziel erreicht: die Jugendlichen ausbildungsfähig zu machen. Der Uffinger geht in seiner Aufgabe voll auf. „Das ist genau mein Ding“, sagt er stolz. Aber er sieht auch die Probleme. Mit 6 BAF-Klassen fing es an in Bayern. Fünf Jahre ist das her. Mittlerweile gibt es 260 davon. Und trotzdem können nur rund 30 Prozent der Asylbewerber beschult werden. Es fehlt an Lehrern, an Klassenzimmern. Und die anderen 70 Prozent? „Tja, die sandeln irgendwo rum.“ Krojer macht sich nichts vor. Aber wenigstens seiner Klasse will er helfen.

Jeder der Schüler hat eine Geschichte zu erzählen, egal ob aus Nigeria, Syrien oder dem Kongo. Vielen von ihnen droht weiterhin die Abschiebung. Aber sie blicken lieber in die Zukunft. Lina Paltos, 24, ist die einzige Frau in der Gruppe. Am Anfang war das nicht leicht, aber mittlerweile hat sie ihre Burschen im Griff. In der Mittagshitze am Staffelsee erzählt sie über die Unterschiede zu ihrer Heimat im Irak. Darüber, dass es dort kaum mehr Bäume gibt. Ganz anders als an dem Wanderweg von Murnau nach Uffing, wo alles grün in der Sonne schimmert. Über den Krieg spricht sie wenig. Den hat sie hinter sich gelassen. Im September startet sie eine Ausbildung zur Friseurin.

Nach drei Stunden und 14 Kilometern in strammem Magdalena-Neuner-Tempo lassen die Schüler den Tag im Alpenblick-Biergarten in Uffing ausklingen. Bei Hendl und Obazdem feiern sie ihren Abschluss. Alle haben bestanden. Fast alle haben bereits einen Ausbildungsplatz sicher. Und so heißt es nach zwei intensiven Jahren: Servus, BAF 11 Weilheim.

Dominik Göttler

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