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Das Urteil ist gesprochen: Magdalena (Sophia Ammer/l.) soll auf den Scheiterhaufen. Dafür sorgen (ab 2. v. l.) Pfleger Poißl (Gerhard Santjohanser), Diener (Martin Gamböck junior) und Hexenmeister Abriel (Joseph Hofbauer).

Grainauer Theater entführt in düstere Zeiten

Besessen vom Hexenwahn

Grainau - Neid, Aberglaube, Bestialität - das Drama "Magdalena", das in Grainau erstmals aufgeführt wurde, ist nichts für schwache Gemüter.

Epidemien, Unwetter und Missernten machen auch vor dem Werdenfelser Land anno 1570 nicht Halt. Damit gehen Aberglauben und Misstrauen einher. Wegen dieser Natur-Katastrophen und sonstiger Ungereimtheiten müssen Schuldige gefunden werden – der Beginn eines jahrelangen, grausamen Hexenwahns.

Der Grainauer Lehrer und Buchautor Josef Bader hat bereits im Jahre 2006 das Thema „Inquisition in der Grafschaft Werdenfels“ aufgegriffen, ein Bühnenstück mit den realen Ereignissen des Jahres 1590 verfasst und im vergangenen Jahr den Roman dazu aufgelegt. Dass das Drama „Magdalena“ nunmehr mit Verspätung in Grainau seine Premiere als Bühnen-Inszenierung erlebte, ist auch ein Verdienst des Regisseurs Stefan Kebinger. „Er hat nicht locker gelassen und das Stück aus dem Dornröschenschlaf erweckt“, schildert Bader. Und dies sehr erfolgreich. Um die 600 Besucher wollten am Freitag die Erstaufführung mit ihren 30 Darstellern im Musikpavillon erleben. Ungefähr genauso viele waren es tags darauf.

Nach dem Vor- und Rahmenprogramm mit den Werdenfelser Landknechten mit Einblicken in ein authentisches Lagerleben des ausklingenden Mittelalters wurde es ernst. Die Spannung auf die Darbietung stieg im vollen Rund des Pavillons. Die Bänkelsänger taten beim Prolog und Zwischengesang kund, was den Besucher erwartet: „Aus einer schlecht‘n Zeit vor guad 400 Johr und fast ois wos segt‘s – des is a wohr!“

Kindliche Naivität zeigte der erste Aufzug: Besenreitend stellt das Mädchen die Frage: „Warum werden Hexen lebendig verbrannt? Der Bub antwortet: „Die Seele wird dadurch gereinigt!“ Dann die erste Schlüsselszene von „Magdalena“: die aufdringlichen Annäherungsversuche des Viehhändlers Rösslberger (sehr überzeugend Mathias Eichholz) bei Magdalena Gattinger. Diese weist ihn zurück mit der Folge, dass der Beleidigte nunmehr die Gattingerin offen der Hexerei bezichtigt.

Die schwierige, sehr emotionale Rolle der Magdalena spielt Theater-Neuling Sophia Ammer leidenschaftlich mit starkem Ausdruck. Genial löste die „Waldbühne Grainau“, die sich in erster Linie Darsteller des hiesigen Bauerntheaters bedient, den notwendigen Kulissenwechsel. Die Häuserfront wird einfach weggetragen, es erscheint dahinter die jeweilige Wohn- oder Amtsstube. In letzterer muss der Pfleger Poißl (stark Gerhard Sanktjohanser) dem vielseitigen Druck nachgeben. Sowohl Rösslberger, die alte Klöckhin (überzeugend Martina Burger) und der Hexenmeister Abriel (routiniert Joseph Hofbauer) bestärken die Anklage. Der Pfleger meldet schließlich die Beschuldigung nach Freising. Magdalenas Ehemann (ideal besetzt durch Hubert Paule) versucht verzweifelt, rettende Fürsprecher zu finden. Was ihm nicht gelingt. So nimmt das Unheil seinen Lauf.

Die einzelnen Schritte wie Ächtung, Bezichtigung und Bittgesuch beim Pfleger wurden von der Laienbühne in den einzelnen Akten gut herausgestellt. Als die Bewohner dann lauthals „Brenna sui se“ schreien, kommen dem Besucher wohl gleich Gedanken an Zeiten, wo eine Menschenmenge „Ans Kreuz mit ihm“ forderte. Neid, Bosheit und Rache sorgen dafür, dass bald laute Schreie durch den Grainauer Nachthimmel hallen. Die Schinderei durch den fast schon bestialischen Nachrichter und Folterer Abriel beginnt. Höhepunkt dann zum Schluss, als die „Klöckhin“ in Ketten durch den Zuschauerraum getrieben wird und der Gefangenenzug auf der Video-Großleinwand seine Fortsetzung findet.

Der lodernde Scheiterhaufen verfehlt seine Wirkung bei den Zuschauern nicht. Mucksmäuschenstill ist es, ehe zum Schluss ein tosender Applaus die überaus starke Gemeinschaftsleistung der Laiendarsteller samt Regisseur verdient belohnt. „Gut umgesetzt“, lobte auch Premierengast und Schauspielerin Tatjana Pokorny – und die muss es ja wissen.

Klaus Munz

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