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„Das ist ein Geschenk Gottes für uns.“ Peter Manghofer, 68, vor der Kapelle „Maria Rast“ in Krün.

Eine Adventsgeschichte aus dem Werdenfels

Maria Rast: Die Kapelle, die zur Marke wurde

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Eine Kapelle zum Kleben: „Maria Rast“ in Krün ist auf der Weihnachts-Sondermarke der Post zu sehen. Eine perfekte Wahl, denn die Geschichte des Kirchleins im Werdenfelser Land ist sensationell. Hier wurden Schlager gesungen und Wunder gesehen. Der liebe Gott kann stolz sein.

Krün – An seiner gelben Marien-Kapelle in Krün hat Peter Manghofer, 68, schon viel erlebt, eigentlich fast alles, was das Leben zu bieten hat. Taufen, Rosenkränze, Hochzeiten, zwei Einbrüche, weil ein einheimischer Blödmann, es war zweimal derselbe Blödmann, den Opferstock aufbrechen wollte. Sachschaden: 2500 Euro. Die Post hat die Kapelle gerade auf eine weihnachtliche Sonderbriefmarke gedruckt, Preis 70 Cent, die Auflage liegt im mittleren einstelligen Millionenbereich. Allerspätestens jetzt kennt ganz Deutschland diese heilige Schönheit auf den Buckelwiesen im Kreis Garmisch-Partenkirchen. Von hier hat man einen sagenhaften Ausblick auf Waxenstein und Zugspitze, aber auch auf die Bundesstraße nach Mittenwald.

Es ist ein magischer Ort, das merkt man gleich. Aber einmal hat es Manghofer, der früher mal Standesbeamter war, die Sprache verschlagen. Der leibhaftige Peter Orloff, Spitzname „König der Hitparade“, ist im langen Wintermantel aus der Kapelle gekommen. Singend. Eine Marienerscheinung ist ein Kindergeburtstag dagegen. Vor ihm Kameras, Scheinwerfer und der Schwarzmeer-Kosaken-Chor. Kein Scherz, Schlagersänger Orloff („Ein Mädchen für immer“, „Baby Dadamda“) hat mitten im tiefsten Bayern russische Weihnachtslieder eingesungen.

Peter Manghofer ist näher hin und hat gefragt: „Ich bin der Kapellenpfleger, was macht’s ihr da?“ Antwort: ein Dreh fürs Fernsehen, Weihnachtssendung, Kosaken-Chor, solche Sachen haben die Leute vom Dreh-Team gesagt.

Manghofer ist ein extrem freundlicher, auf der Stelle sympathischer Mensch. Er hat sich nicht beschwert, dass keiner der Schlagerfreunde vorher gefragt hat, ob sie die Kapelle stundenlang als Kulisse hernehmen dürfen. Stattdessen hat sich der katholische Kapellenpfleger, Mesner und Kommunionshelfer in den Wochen darauf sämtliche Weihnachtssendungen im Fernsehen angeschaut, die man so anschauen kann. „Aber“, sagt er, „nix is kemma.“ Eine Enttäuschung, klar. Vielleicht ist Orloff doch nur im moldawischen Regionalfernsehen zu sehen gewesen. Kann ja sein. Doch dann ruft die Schwiegermutter bei Manghofer an. Es war inzwischen Sommer. „Die Kapelle ist im Fernsehen“, ruft sie.

Tatsächlich, Orloff, der Mantel, Weihnachtslieder, alles im TV. „Winterzauber in St. Johann in Tirol“ hieß die Sendung. Eine glatte Lüge. St. Johann ist zwei Autostunden entfernt. Manghofer muss heute noch lachen, wenn er die Geschichte erzählt. Weil: Sie passt so gut zu dieser Kapelle. Dieses winzige Gotteshaus zieht die Menschen, auch ungewöhnliche, an wie kein anderes Kirchlein in der Gegend.

Die Sonderbriefmarke der Post mit der Krüner Kapelle.

„Maria Rast“, so heißt sie, liegt direkt am Jakobsweg. Aber noch nicht lange. Es war im September 1995, da hatte Peter Manghofer, der 15 Minuten Fußweg entfernt wohnt, beim Spazierengehen zum ersten Mal den Geistesblitz, hier eine Kapelle zu errichten. „Manchmal habe ich das Bedürfnis, Gott zu danken für jede Blume, die ich sehen kann, dass ich hier in dieser wunderschönen Gegend leben darf und dass es mir gut geht“, sagt er. Er ist zu seiner Frau gegangen und hat ihr gesagt: „Ich baue eine Kapelle.“ Als Dank.

Ihre Antwort: „Du spinnst.“

Wie es sich für einen braven Ehemann gehört, hat er sich den Gedanken sofort aus dem Kopf geschlagen. Dann halt kein Gotteshaus an diesem paradiesischen Flecken Erde. Vier Wochen später ist er wieder dort spazieren gegangen. Eine innere Stimme, so erzählt er es, sagte zu ihm: „Sieh zu, dass hier eine Kapelle gebaut wird, trau es Dir zu, scheue die Arbeit nicht, versuche es wenigstens.“

Diesmal ist er nicht zu seiner Frau gegangen. Sondern auf die Gemeinde. Dort hat er in den Lageplänen geschaut, wem das Grundstück gehört. Rechercheergebnis: einer ortsansässigen Bauernfamilie. Er hat seine Kapellen-Idee dem Pfarrgemeinderat vorgetragen, er hat mit den Grundstücksbesitzern gesprochen – alle waren angetan von seinem Gedankenblitz. „Diese Kapelle“, sagt Manghofer, der nicht gerne im Mittelpunkt steht, „ist ein Gemeinschaftswerk aller Krüner Bürger.“

Im Sommer 1997 war Baubeginn, alle Vereine aus dem 1900-Einwohner-Dorf haben geholfen. Die Schützen, die Veteranen, die Feuerwehr, die Trachtler, der Skiclub, die Bergwacht, der Junggesellenverein und sogar die CSU. Die Kapelle ist ein Geschenk, das das Dorf sich in Eigenarbeit selber gemacht hat. Manghofer hat damals geschworen: „Solange ich lebe, kümmere ich mich um die Kapelle.“

So hat er es gesagt, so hält er es. Jeden Morgen gegen 7 Uhr sperrt er auf, wenn Schnee liegt, muss er sich erst einen Weg bahnen, gegen 17 Uhr schließt er wieder ab. Er wischt die Holzbänke, er fegt den Boden, an Weihnachten stellt er die Krippe auf. Dieses Gebäude ist sein Traum, der wahr wurde. Seine Lebensaufgabe. Er sagt aber auch: „Es ist unwahrscheinlich, was man hier alles erlebt.“

Eine Schönheit auch im Sommer – und was für eine.

Einmal hat er in aller Herrgottsfrüh einen Mann angetroffen, der neben der Kapelle im Schlafsack schlief. Manghofer hat geschaut, ob mit ihm alles in Ordnung war – war es. Abends kam er wieder zur Kapelle. Vor dem Altar lagen zwei Tafeln Schokolade. Die hat der Mann, der mit dem Radl unterwegs war, dagelassen – aus Dankbarkeit, dass er ausschlafen durfte. Merci, die Schokoriegel-Firma, hat hier einen ihrer Werbespots gedreht, eine ganze Woche lang, die Einheimischen waren Statisten. Immer wieder legen Menschen Kerzen, Marienfiguren oder Briefe vor den Altar. Vor einiger Zeit hat Manghofer so einen Brief aufgemacht. Eine junge Familie hat der Muttergottes gedankt, dass ihr Kinderwunsch erfüllt wurde. Das Ehepaar war in „Maria Rast“ zum Beten, neun Monate später wurde ihr Sohn geboren. Ob das Kind vom Beten alleine auf die Welt kam, stand nicht in dem Brief – ein Wunder war es trotzdem.

Und dann gibt es noch die Geschichte von dem tiefgläubigen Mann aus der Nähe von Lienz, Osttirol, der die Bundesstraße entlanggefahren ist und von dort spätabends die beleuchtete Kapelle gesehen hat. Auch ihn hat der Anblick direkt in die Seele getroffen. Kurze Zeit später stand er beim Krüner Bürgermeister und hat ihm gesagt: „Ich möchte euch einen Kreuzweg schenken. Das ist eine Eingebung von oben, der ich Folge leisten muss.“ Alle waren erst ein bisschen skeptisch. Aber dieser Tiroler hält es für seine Berufung und seinen Dienst an der Muttergottes, auf eigene Kosten Kreuzwege zu erstellen, zuletzt hat er einen in Kasachstan gebaut.

Irgendwann im Sommer 2013 kam er mit einem Hänger nach Krün gefahren. Die Ladung: 15 handgefertigte Kreuzwegstationen aus Lärchenholz samt Fundamenten. Er hat sie aufgestellt, gleich bei der Kapelle. Ein kleine Sensation jagt hier die nächste. Manghofer sagt: „Und jetzt noch die Briefmarke. Ich war völlig überrascht. Das ist ein Geschenk Gottes für uns.“

Man muss kein Prophet sein: Die Geschichte dieser Kapelle ist noch nicht auserzählt. Dieser Ort hat nach oben keine Grenzen. Oder wie es bei Orloff und den Schwarzmeer-Kosaken im „Lied der Wolgaschlepper“ heißt: „Ej, hau ruck! Ej, hau ruck! Noch ein bisschen, noch einmal!“ Wunder passieren hier allemal.

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