Bayern-Schock: Müller verpasst wohl Leipzig-Doppelpack

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Ein Objekt der Begierde: Auch am Marshall-Center zeigte Karl Zeretzke alias Dr. Stenius Interesse.

Der Kriminalfall von Garmisch-Partenkirchen

Stiftungs-Millionen locken mutmaßlichen Hochstapler an

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Garmisch-Partenkirchen - Dies ist die Geschichte von Karl Zeretzke und der detektivischen Arbeit der Elisabeth Koch. Die CSU-Fraktionsvorsitzende hat Garmisch-Partenkirchen wohl davor bewahrt, einem Hochstapler aufzusitzen.

Schon einige dubiose Gestalten hat Garmisch-Partenkirchen in den zurückliegenden 30 Jahren gesehen. Den verurteilten Millionenbetrüger Thomas F., der das Geld gutgläubiger Leute, die ihm ihr Erspartes überlassen hatten, veruntreute. Oder Horst L. und Jochen K.. Beide von Großmannssucht befallen, versuchten über den Eishockey-Zweitligisten SC Riessersee vermögend zu werden und verfolgten in ihrer Gier nach Geld die abstrusesten Pläne – die meisten davon Luftschlösser oder auf Sand gebaut. Garmisch-Partenkirchen scheint Menschen dieses Schlags magisch anzuziehen, weil sie glauben, im Olympia-Ort von 1936 ließen sich schnell Millionengeschäfte machen und die Einheimischen seien Hinterwäldler, die sich wie ein tapsiger Bär am Nasenring durch die Manege treiben lassen, ohne zu merken, worum es geht.

Beides trifft nicht zu. Auch in Garmisch-Partenkirchen lässt sich nur zu Wohlstand gelangen, wer seriös arbeitet. Auch in Garmisch-Partenkirchen leben Menschen, die auf der Hut sind und die Dingen, die ihnen spanisch vorkommen, nachgehen, weil sie Schaden von ihrem Heimatort abwenden wollen – wie die Rechtsanwältin Elisabeth Koch. Die Vorsitzende des CSU-Fraktion im Gemeinderat hat wahrscheinlich einen geplanten Betrug aufgedeckt. Bürgermeisterin Dr. Sigrid Meierhofer (SPD) lobt Kochs Spürsinn und Hartnäckigkeit über den grünen Klee: „Wir sind ihr zu großem Dank verpflichtet. Weil uns kein Schaden entstanden ist, haben wir auf eine Anzeige verzichtet.“ Koch vermutet, dass die 56 Millionen Euro, die die Marktgemeinde aus dem Vermächtnis der Eheleute Leifheit erhält, Begehrlichkeiten geweckt haben. „Da wollte jemand das ganz große Rad drehen.“

Viele Alias-Namen, gerne mit Doktortitel

Dieser Jemand hat viele Alias-Namen. Häufig nennt er sich Carl Stenius, manchmal setzt er ein Dr. davor. In den USA heißt er Charles Bourbon de Condé oder Charles Scorpio. Mit PhD (englisch Doctor of Philosophy) führt er häufig auch einen akademischen Grad, der ihm nach Auskunft der Bochumer Strafrechtlerin Svenja Senger – sie vertrat einen Mandanten, der mit Zeretzke im Rechtsstreit lag – nicht zusteht. Zudem firmiert er als Chairman des Societal-Institute – als e.V. im Vereinsregister des Amtsgerichts Kassel eingetragen –, von dem gerade mal eine Homepage im Internet existiert.

Elisabeth Koch hat detektivischen Spürsinn bewiesen.

Koch und Zeretzke hatten zum ersten Mal am 27. Oktober Kontakt. Als Charles Stenius hatte er ihr eine E-Mail geschickt und um ein Treffen gebeten. Einer Mitarbeiterin Kochs teilte er mit, er gedenke, ein Forschungsinstitut in Garmisch-Partenkirchen einzurichten und wolle einen hohen Betrag investieren. Meierhofer berichtete nach der Finanzausschuss-Sitzung am selben Tag Koch telefonisch davon, dass sich ein Investor beim Markt gemeldet habe. Oliver Steinbach, den Wirtschaftsförderer der Marktgemeinde, hatte der noch 58-jährige Zeretzke bereits am 19. Oktober kontaktiert. In seinem Schreiben stellt er ausführlich dar, welche Investitionen er in Garmisch-Partenkirchen tätigen möchte. In der Phase I wollte er mit seinem Institut auf dem Abrams-Komplex, der zurzeit noch als Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge genutzt wird, ein Alten- und Pflegeheim, eine private Gesundheits-, Krankenpflege- und Geriatrie-Schule sowie ein Studentenwohnheim bis 2018 errichten. Für Phase II hatte er die Artillerie-Kaserne/Marshall-Center, die Gebäude entlang der Breitenauer Straße und das Geiger-Gebäude im Blick. Dort sollten unter anderem drei Forschungseinrichtungen, eine private Universität, die mit den zehn besten amerikanischen Unis kooperieren sollte, ein weiteres Alten- und Pflegeheim, eine private heilklimatische Klinik, eine Tagesschule mit einem Wintersport-Leistungszentrum und ein Vier-Sterne-Spa-Hotel mit Konferenz- und Mediazentrum bis spätestens 2019 errichtet werden. Zeretzke alias Dr. Stenius wollte bis 31. Dezember 2017 diese Standorte erwerben. „Da hat er so ziemlich alle Baustellen aufgegriffen, die der Markt Garmisch-Partenkirchen derzeit zu bieten hat“, sagt Koch.

Riesige Projekte - aber beim Bonitäts-Check durchgefallen

Hochtrabende Pläne, wenn man weiß, dass Zeretzke schon dreimal die Abgabe der eidesstattlichen Versicherung über seine Vermögensverhältnisse verweigert hat und ein Bonitäts-Check den Score von 5,6 ergab. Zum Verständnis: Null ist der Topwert, sechs der schlechteste.

Bei der Lektüre des Schreibens, das Zeretzke an Steinbach gerichtet hatte und das dem Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatt vorliegt, machte Koch vor allem der Hinweis auf die Leifheit-Stiftung stutzig. „Da haben bei mir alle Alarmglocken geschrillt.“ In ihr erwachte der Spürhund und die Ermittlerin. Ihre Recherchen förderten erstaunliche Details zutage. Laut Briefkopf findet man das Societal-Institute in Bonn in der Wilhelmstraße 21. Diese Adresse kam Koch bekannt vor, weil sie vor einiger Zeit in der ehemaligen Bundeshauptstadt am dortigen Landgericht beruflich zu tun gehabt hatte. Von der Geschäftsstelle des Landgerichts Bonn erhielt sie die Auskunft, dass unter dieser Adresse allein das Landgericht Bonn eingetragen ist.

Erstes Aufeinandertreffen zwischen Zeretzke und Koch

Da sich die Suche im Internet nach Dr. Stenius als Sackgasse erwies, konzentrierte sie sich auf Karl Zeretzke, der zu den Mitbegründern des Societal-Institutes zählt. Dabei stieß sie auf einen Artikel der Zeitschrift Wirtschaftwoche, die sich mit Zeretzke schon beschäftigt hat. Vor einigen Jahren war er aufgefallen, als er um die Rennstrecke „Nürburgring“ – damals insolvent – mitbot. Vom Phantom Zeretzke existiert nur ein Bild im Internet, das damals auch die Wirtschaftswoche veröffentlicht hatte. Koch kam indes in den zweifelhaften Genuss, ihn live – von Angesicht zu Angesicht – zu erleben. Von Wirtschaftsförderer Steinbach hatte sie erfahren, dass Dr. Stenius (Zeretzke) über die Immobilien-Firma Ingrid Kern eine Wohnung in der Fürstenstraße mieten will. Koch nahm Kontakt zu Ingrid Kern – eine langjährige Freundin – auf. Im Gespräch kamen mehrere Punkte auf, die an der Seriosität zweifeln ließen. „Wir legen im Interesse unserer Kunden Wert auf seriöse Mieter, deshalb prüfen wir genau“, sagt Kern.

Bei der Wohnungsübergabe war Koch auf Bitten Kerns dabei. Dr. Stenius erklärte während des Treffens, er könne seine Ausweispapiere nicht aushändigen. Die seien ihm vor zwei Wochen abhanden gekommen. Koch konfrontierte Dr. Stenius mit ihren Recherche-Ergebnissen. Dabei wurde klar, dass der Mann auf dem Bild, das im Internet kursiert, identisch mit jenem ist, der als Dr. Stenius gemeinsam mit seiner Frau Vanja – angeblich eine Schwedin – und einem drei Monate alten Baby – in die Dachgeschoss-Wohnung einziehen wollte.

Doch keine neue Wohnung in Garmisch-Partenkirchen

Im hessischen Wahlberg, wo er nach Auskunft der Bochumer Anwältin Svenja Senger in einem heruntergekommenen bäuerlichen Anwesen daheim war, hatte er alle Zelte abgebrochen. Seinen Briefkasten versah er mit einem Zettel, auf dem er den Postboten bat, Sendungen an ihn und seine zahlreichen Institute an den Absender zurückzuschicken. Ein seltsames Verhalten, denn auf dem neuen Briefpapier des Societal- Institute steht deutlich sichtbar die Fürstenstraße in Garmisch-Partenkirchen.

Die Anschrift muss er allerdings wieder ändern, denn in der Fürstenstraße werden weder das Paar Stenius noch seine Institute einziehen. Von Koch, Kern und dem Vermieterehepaar als Zeretzke identifiziert, verließ er mit seiner Frau fluchtartig das Gebäude und ward nicht mehr gesehen.

Strafanzeige wegen Betrugs

Für ihn hat sein Auftritt dennoch ein Nachspiel. Koch hat bei der Kriminalpolizei Garmisch-Partenkirchen Strafanzeige wegen Betrugs gestellt, da den Vermietern wegen des Mietausfalls ein finanzieller Schaden entstanden ist. Mit der Justiz kennt Zeretzke sich aus. Er wurde mehrmals verurteilt, erhielt Strafbefehle, eine Bewährungsstrafe läuft bis 2017. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt gegen ihn. Eine Ehe wurde aufgehoben – wegen Bigamie.

Zeretzke nahm als Dr. Stenius am 5. November noch einmal Kontakt zu Koch auf. Per E-Mail, auf Englisch. Er unterrichtete sie, dass er Wirtschaftsförderer Steinbach und Bauamts-Chef Jörg Hahn mitgeteilt habe, er ziehe alle Angebote zurück und verzichte auf ein Treffen mit Bürgermeisterin Meierhofer. Koch forderte er auf, ihre „Informationen nicht zu kommunizieren“. Sollte sie gegen die Unterlassungsaufforderung verstoßen, droht er damit, „die nötigen rechtlichen, zivilen und professionellen Schritte einzuleiten“. Koch bleibt ganz unaufgeregt. „Das schreckt mich nicht.“

Karl Zeretzke (alias Stenius) war trotz mehrmaliger Versuche, telefonisch oder auf dem E-Mail-Weg von ihm eine Stellungnahme zu erhalten, nicht zu erreichen.

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