Abt Barnabas Bögle

"30 Opfer, die sexuell missbraucht worden sind"

Ettal - Kloster Ettal steckt mitten in der Aufarbeitung des Skandals und der Neuausrichtung des Klosters und der Schule. Wir sprachen darüber mit Abt Barnabas Bögle und dem Cellerar Pater Johannes Bauer.

-Sie haben gerade den Bericht von Professor Jentsch gehört. Was ist Ihre erste Reaktion?

Bögle: Ich betrachte den Bericht als ganz wesentlichen Schritt, obwohl ich natürlich persönlich schon erneut betroffen und erschüttert bin. Ich sehe es als meine große Aufgabe an, hier weiterzuarbeiten mit allen, die guten Willens mitarbeiten wollen, die Prävention voranzutreiben, den Opfern zu helfen und die Entschädigung auf den Weg zu bringen.

-Welche neuen Erkenntnisse haben Sie aus dem Bericht gewonnen?

Bögle: Das sind für mich die Aspekte, die Professor Jentsch darüber zusammengetragen hat, wie es zu allem kommen konnte. Die einzelnen Fälle waren mir weitgehend bekannt. Sie aber in dieser gebündelten Form noch einmal zu hören, das belastet mich.

-Wo steht Ettal heute?

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Abt Barnabas Bögle: Das Jahr, das hinter uns liegt, war ein sehr schweres Jahr. Allerdings hat sich auch manches geklärt. Wir haben den Eindruck, der Weg mit dem Opferverein ist zwar schwer, aber wir kommen in eine Richtung. Wir haben ein Konzept, mit dem wir in die Zukunft gehen. Dazu gehört die soziopsychologische wissenschaftliche Aufarbeitung, bei der die Vergangenheit konstruktiv aufgearbeitet wird. Dafür haben wir jetzt das grüne Licht gegeben - in enger Abstimmung mit dem Opferverein. Dann werden wir auch Zeichen tätiger Reue setzen. Das Geschehene können wir nicht ungeschehen machen, es kann auch nicht eine Entschädigung in dem Sinn, dass Schaden wieder gut gemacht wird, geben. Aber wir können Hilfe geben als Zeichen dafür, dass es uns Leid tut, dass in unserem Haus so etwas passiert ist.

Chronologie der Missbrauchsfälle

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-Und das geschieht durch den Entschädigungsfonds?

Bögle: Wir stellen 500 000 Euro zur Verfügung. Dieses Kapital stammt weder aus Kirchensteuermitteln noch aus Spenden. Wir müssen da an das Vermögen unseres Klosters gehen.

-Wer entscheidet über die Vergabe des Geldes?

Bögle: Wir werden ein unabhängiges Kuratorium bestellen. An der Spitze steht die frühere Präsidentin des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs, Edda Huther, dazu jemand aus dem Opferschutz und ein Vertreter aus dem Bereich Psychologie. Es ist bewusst niemand aus dem Kloster dabei. Das Kuratorium wird, wenn es Anträge von Opfern gibt, darüber beraten und über die Entschädigung entscheiden. Wobei für uns klar ist, dass wir uns an den Größenordnungen anlehnen, die die Bischofskonferenz im März festlegen wird.

Bauer: Das Kuratorium hat aber auch die Möglichkeit, in schweren Fällen über diesen Betrag hinaus zu gehen.

Bögle: Die sind frei in der Entscheidung, was sie vergeben.

-Wie viele Opfer haben sich bis jetzt gemeldet?

Bögle: Es sind um die 30 Opfer, die sexuell missbraucht worden sind. Und über 80, die misshandelt wurden, von der einfachen Ohrfeige bis hin zu schweren Schlägen.

-Immer wieder sagen Opfervertreter, den Mönchen fehle es an Empathie. Müssen Sie nicht einfach aushalten, dass es eine echte Versöhnung mit allen Opfern wohl nicht geben wird?

Bögle: Ja, das müssen wir wohl aushalten. Als zum ersten Mal dieser Vorwurf geäußert wurde, hat uns das beide sehr betroffen, weil wir viel Zeit und Energie in die Gespräche mit Opfern investieren. Aber wir haben gemerkt, dass das ganz schwer ist für jemanden, der auch so seelisch verletzt wurde, die Hand anzunehmen, die Bitte um Verzeihung zu akzeptieren.

-Verstehen Sie es heute?

Bauer: Ich kann es einordnen, und wir müssen es tragen. Wir werden wohl kaum mit allen Opfern eine Versöhnung erreichen können. Wir können uns darum bemühen, aber wir müssen auch verstehen, dass ein Opfer so tief verletzt ist, dass es nicht will.

-Wie steht es um die Anmeldezahlen für Schule und Internat?

Bögle: Heute ist Vorstellungsabend für das Gymnasium und am Samstag ist Tag der offenen Tür im Internat. Das machen wir zum ersten Mal. Wir öffnen unsere Türen bewusst. Wir können jetzt noch nichts sagen über das Interesse. Im letzten Jahr aber hatten wir mehr Anmeldungen als in den Jahren zuvor - zwei fünfte Klassen mit je 30 Schülern. Mehr geht gar nicht.

-Wie steht es um die Zusammenarbeit mit dem Münchner Ordinariat - erst jüngst gab es Wirbel um einen durch das Ordinariat vermeintlich zu spät gemeldeten Missbrauchsfall. Ist das Verhältnis zum Kardinal schwierig?

Bögle: Schwierig ist das falsche Wort. Wir sind in der selben Kirche. Wir wollen zusammenarbeiten, weil es uns um die selbe Sache geht. Es gibt da und dort Dinge, die wir unterschiedlich sehen.

-Welche Konsequenzen haben Sie für sich gezogen im Umgang mit Schülern?

Bögle: Ich habe mein Verhalten nicht groß verändert. Ich war zuerst eingeschüchtert. Und dann ist folgendes passiert. Von einem Mädchen ist ein Verwandter gestorben, die Schülerin war sehr niedergeschlagen. Ich habe meine Hand auf ihre Schulter gelegt und ihr gut zugeredet. Da kam ein Schüler zu mir und sagte: Herr Abt, jetzt sind Sie endlich wieder normal. Ich gehe aber ganz anders durchs Schulhaus und Internat. Die Antennen sind immer aufgestellt. Mir ist bewusst geworden, dass der Abt auch die Aufgabe des Wächters hat.

-Sie haben gesagt, es sei zu wenig gesprochen worden.

Pater Johannes Bauer

Bögle: Das ist sicher das ganz große Problem gewesen, dass in diesen Jahrzehnten zu wenig Dialog stattfand. Das waren lauter kleine Welten für sich. Es war ein sehr großes Internat mit über 200 Schülern. Manche Erzieher hatten 70 Schüler zu betreuen und sie hatten nie einen freien Tag, so dass nie jemand anderer in diese Welt hereinschauen konnte. Jetzt ist das alles anders: Es ist selbstverständlich, dass jeder freie Tage nimmt. Also ist selbstverständlich immer mal wieder ein anderer Lehrer oder Erzieher in der Klasse. Man nimmt seismographisch ganz anders wahr, was los ist.

Bauer: Auch in der Klostergemeinschaft haben wir gelernt, dass wir offener miteinander kommunizieren und uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Krisenzeiten sind Phasen der Entscheidung, wo man sich neu orientieren kann. Vielleicht mutet uns der liebe Gott solche Zeiten zu, damit wir wieder besser auf unsere eigentlichen Aufgaben schauen. Es liegt immer noch ein schwerer Weg vor uns, aber wir dürfen nicht den Mut verlieren.

Interview: Claudia Möllers

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