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Als „Eliteschule“ galt über Jahrzehnte das Internat in Ettal: Aus dem gesamten Bundesgebiet und auch aus dem Ausland schickten Eltern ihre Sprösslinge an das renommierte Gymnasium.

Missbrauchsfälle in Ettal

Nach Skandal: Erstmals keine neuen Klosterschüler

Ettal - Der Skandel um sexuellen Missbrauch im Kloster Ettal wirft einen langen Schatten: Zum ersten Mal gab es heuer - vier Jahre danach - keine einzige neue Anmeldung für die fünfte Klasse.

Blaues Blut floss durch die Adern diverser Absolventen, wie etwa Herzog Franz von Bayern, Familienoberhaupt der Wittelsbacher. Auch spätere hochrangige Polit-Prominenz (Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Bürgermeister von Hamburg), Dichter (Eugen Roth) und Schauspieler (Ken Duken) haben eines gemeinsam – sie alle besuchten das Internat am Benediktinergymnasium in Ettal. Mit der Bezeichnung „Elite-Schule“ konnte sich die klösterliche Lehr- und Bildungseinrichtung in diesem engen Bergtal immer voller Stolz schmücken. Die dramatischen Enthüllungen um Misshandlungen und sexuellen Missbrauch von Mönchen an Internatsschülern im Februar 2010 brachten dann mit einem Schlag die Scheinwelt des Klosters zum Einsturz. Ettal erbebte.

Vier Jahre danach spürt die Schulgemeinschaft die Auswirkungen des Skandals drastischer denn je. Erstmals nämlich gibt es heuer für das kommende Schuljahr 2014/15 keinen einzigen Neuzugang für die fünfte Klasse des Internats. Jener Einrichtung, die eine so lange Tradition hat und auf die 1710 eingerichtete Ritterakademie zurückgeht. Die Information des Tagblatts bestätigte auf Anfrage Direktor Frater Gregor Beilhack: „Ja, das ist richtig. Die Entwicklung der letzten Jahre hat erahnen lassen, dass es irgendwann soweit kommt.“ Zwar seien die Zahlen für Mittel- und Oberstufe, so der Leiter, „relativ stabil“, doch Neuanmeldungen von „Bamsen“, wie in Ettal die Fünftklässler genannt werden, gebe es in diesem Jahr nicht. Aktuell hat das Internat 95 Schüler, um die 120 könnte man aufnehmen.

Frater Gregor gesteht ein, dass die Abwärtsentwicklung wohl unmittelbar mit dem Bekanntwerden von Missbrauch und Misshandlungen an der Schule Anfang 2010 zusammenhängen: „Seitdem haben die Neuanmeldungen für das Internat stetig abgenommen. 2009/2010 habe es noch 13 Fünftklässler gegeben, fortan gingen die Zahlen immer mehr zurück: 7, 5 und nun: Null! Was an der Klosterschule in der Vergangenheit passiert sei, mit den schweren Übergriffen von Mitbrüdern auf Schüler des Internats, das habe bei Eltern eben dazu geführt, „dass sie Ettal bei der Schulwahl außen vor gelassen haben“, glaubt Gregor Beilhack. Hinzu kam nach seiner Einschätzung, dass Eigenwerbung vernachlässigt und zu wenig auf gute Außendarstellung gesetzt wurde: „Wir haben dies inzwischen erkannt und einen neuen Prozess eingeleitet, in dessen Mittelpunkt die Fragen stehen: Wo müssen wir besser werden? Welche Fehler gilt es abzustellen?“ Dass der Rückgang bei den Neuanmeldungen finanzielle Ursachen haben könnte, glaubt der Leiter des Internats nicht: „Pro Platz berechnen wir 950 Euro im Monat, für Essen, Wohnen, Schlafen, Schule und außerschulische Betreuung. Da liegen wir, verglichen mit anderen Internatsschulen ähnlicher Größe, im Schnitt“.

Trotz der nicht sehr ermutigenden Situation wolle Ettal nun keinesfalls den Kopf in den Sand stecken oder gar resignieren, versichert Frater Gregor: „Das ist eine gewisse Durststrecke, keine Frage, vielleicht auch ein Alarmsignal, dass wir weiter intensiv an uns arbeiten und unsere Arbeit hinterfragen müssen.“ Vieles habe sich bereits geändert. Das Internat verfüge derzeit über ein hochmotiviertes, zehnköpfiges Team an Pädagogen und Präfekten mit drei klösterlichen und sieben weltlichen Betreuern für die Jugendlichen. Als Lehre aus der dunklen Vergangenheit sei jetzt immer ein Team von zwei, drei Mitarbeitern für einen Schüler zuständig, nie mehr ein einzelner Pater oder Lehrer: „Die 1:1-Betreuung ist nicht mehr zeitgemäß.“ Hinzu komme, dass die Schule gerade dabei sei, das Lernkonzept für eine individuellere Betreuung umzustellen sowie das Sportangebot zu verbessern. Hier wolle man mit Sportvereinen im Ammertal in Kontakt treten, um je nach Wunsch und Eignung Trainingsmöglichkeiten für Internatsschüler zu schaffen: „Wir müssen einfach offener sein für Neues“, weiß Beilhack.

Eines stellt der Frater indes kategorisch fest: „Kloster und Konvent werden auf jeden Fall am Internat festhalten, der Fortbestand ist in keinster Weise gefährdet.“ Die Krise bei den Schülerzahlen sei auch eine Chance, diese gelte es zu nutzen. Nur falls sich der Rückgang auch in den kommenden Jahren fortsetzen sollte, „könnte es irgendwann schwierig werden“. Aber solche Szenarien verdrängt Frater Gregor: „Wir werden diese Talsohle durchschreiten, davon bin ich fest überzeugt.“

Ludwig Hutter

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