Ein Dokument über Ettaler Sünden: Professor Jentsch übergibt dem Ettaler Abt Bögle seinen Bericht über die Untersuchung der Missbrauchs- und Misshandlungsfälle. Foto: dapd

Missbrauchsbericht: Ein Buch über Schuld und Sühne

Ettal - Als Steuermann in stürmischen Zeiten, so sieht sich der frühere Bundesverfassungsrichter Jentsch, der im Ettaler Missbrauchsskandal zwischen Kloster und ehemaligen Schülern vermittelt. Es gibt gute Aussichten, dass sein Einsatz gelingt.

Vor knapp einem Jahr schleuderte der Münchner Strafrechtsexperte und Rechtsanwalt Thomas Pfister nur wenige Meter entfernt in der kalten Aula des Ettaler Gymnasiums den Benediktinern einen Bericht über jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Schülern und brutalen Misshandlungen entgegen. 40 Minuten geballte, erschütternde Berichte von Opfern.

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Gestern wurde in Ettal erneut ein Bericht über die Skandale der Vergangenheit vorgelegt. Diesmal im Chinesensaal, einem in sattem Grün gehaltenen Raum mit prächtigem Kachelofen und filigranen Kronleuchtern. Der Mann, der diesmal seinen Bericht vorlegt, spricht mit ruhiger, fast monotoner Stimme. Hans-Joachim Jentsch, 73 Jahre alt, hat Erfahrung mit Recht und Unrecht. Er war Bundesverfassungsrichter und wurde im vergangenen Herbst von den Ettaler Mönchen beauftragt, den Missbrauchsskandal in ihrem Kloster noch einmal aufzuarbeiten. Drei Monate lang hat er die Berichte der Opfer studiert, die von sexuellem Missbrauch handeln. Und von brutalen Schlägen, die einem Schüler sogar das Trommelfell platzen ließen. Jentsch’s Bericht ist differenzierter, er nennt auch ganz sachlich die institutionellen Probleme, die Missbrauch und Misshandlungen erst möglich machten: Bis Ende der 70er Jahre hatten die klösterlichen Erzieher keine pädagogische Ausbildung, sie waren überfordert und hatten Dienst rund um die Uhr. Doch Jentsch ist schonungslos: „Das zu berücksichtigen bedeutet nicht, die Misshandlungen und körperlichen Beeinträchtigungen in den geschilderten Ausmaßen damit zu rechtfertigen.“

Der Bericht des früheren Verfassungsrichters ist in einem ernsten Ton gehalten, der den Opfern gerecht wird, aber die klösterliche Gemeinschaft nicht vernichtet. Eine Chance, dass dieses 34-seitige Papier auch von den Patres akzeptiert werden kann. Mit Ankläger Pfister sind sie nie klar gekommen. Es kam zum Bruch.

Jentsch scheint Zugang zur Klosterleitung um Abt Barnabas Bögle wie auch das Vertrauen zu den Vertretern der Opfer zu haben. Robert Köhler, ehemaliger Ettaler und Sprecher des Opfervereins, erklärt: „Im vergangenen Jahr war das Problem, dass der Bericht von Pfister im Kloster nicht akzeptiert wurde. Und deshalb hatten wir diese Polarisierung zwischen Kloster und Opferverein.“ Pfister habe als Strafrechtler sehr aggressiv auf Ettal eingewirkt - „aber das war zwingend notwendig. Es wäre nicht anders gegangen“.

Der neue Bericht sei differenzierter. Jentsch sei ein Mann, der auch die Forderungen der Opfer transportieren könne. Man werde jetzt abwarten, wie pragmatisch einfach die Hilfen umgesetzt werden: „Ich denke, es ist ein Punkt erreicht, wo wir mit dem Misstrauen ein Stück nachgeben können.“ Jetzt müsse man versuchen, die über 50 Opfer, die ihnen bekannt seien, individuell in eine Zukunft zu führen, „so dass sie nicht mit der Belastung aus Ettal weiterleben müssen“. Eine Befriedung sei nun sehr wichtig.

Das Entschädigungskonzept sei eine Anerkennung, dass in Ettal Dinge falsch gelaufen seien: „Diese Anerkenntnis ist für die Seele sehr wichtig, damit man Abschied nehmen kann.“ Köhler lobte, dass Ettal den Mut habe, ein eigenes Entschuldungskonzept vorzulegen. Da werde es sicherlich viel Gegenwind von der Bischofskonferenz geben. „Der Mut wird von den Opfern auch honoriert werden.“ Ebenso wie die Entscheidung, eine Gedenkstätte einzurichten. Köhler hat bereits ein Motiv: Eine Pflanze, bei der eine Axt an die Wurzel angelegt wurde.

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