„Nicht mehr tragbar“

Illegaler Campingplatz: Hunderte Touristen belagern Privatparkplatz in Oberbayern - Anwohner verzweifeln

  • Josef Hornsteiner
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Die Anlieger haben die Nase gestrichen voll. Die öffentlichen Parkplätze am Schwarzenfeld in Mittenwald vor ihren Häusern werden zunehmend als Campingplatz missbraucht.

Der Ansturm ist enorm: Selbst an Schlechtwettertagen sind die öffentlichen Parkplätze am Schwarzenfeld mit Wohnmobilen voll. Dabei ist es gar kein offiziell gewidmeter Campingplatz.
  • Ein illegaler Campingplatz bereitet am Schwarzenfeld in Mittenwald viel Ärger.
  • An den öffentlichen Parkplätzen stampeln sich Müllberge.
  • „Wir wissen uns nicht mehr zu helfen“, sagt eine Anwohnerin.

Update, 28. August: Vergeblich versuchten die Anwohner mit der Karwendelbahn AG wegen des illegalen Campingplatzes in Mittenwald Kontakt aufzunehmen. Dessen Vorstand reagierte dagegen mit Anschuldigungen die bis zum Lüge-Vorwurf reichen.

Ursprünglicher Artikel vom 11. August: Mittenwald – Die Plastiksäcke stapeln sich. Aufgerissene Verpackungen von Billigsteaks aus dem Discounter, Duschgel-Flaschen, Deodorants und sogar gebrauchte Tampons befinden sich darin. Die Säcke liegen in der Wiese, lehnen an Bäumen, sind an den Hauswänden der Anwohner zu finden oder landen in der Isar. Der Inhalt lässt nur bedingt auf Durchreisende schließen. Oder auf Besucher, die den Wanderparkplatz als solchen auch nutzen. Die Anwohner am Mittenwalder Schwarzenfeld haben nun akribisch mit Fotos dokumentiert, dass die Müllberge von jenen stammen, die eigentlich auf den Stellflächen nichts zu suchen haben: Dauercamper mit ihren Wohnmobilen.

Illegaler Campingplatz in Mittenwald: Touristen hinterlassen Müll und Unrat - „Nicht mehr tragbar“

„Wir wissen uns nicht mehr zu helfen“, sagt Anliegerin Petra Schandl. Die Zustände auf dem „illegalen Campingplatz“, wie er unter den Bewohnern der benachbarten Häuser genannt wird, hat Ausmaße angenommen, die „nicht mehr tragbar“ sind. Zumal durch Corona der Ansturm der Camper in den vergangenen Wochen sprunghaft gestiegen ist. Neben den Abfallbergen urinieren die Übernachtenden an ihr Haus. Verrichten ihre Notdurft hinter der Werbetafel oder zwischen den Bäumen. Schließlich ist der öffentliche Parkplatz im Schwarzenfeld kein offizieller Campingplatz. Es gibt also keine sanitären Anlagen, Strom oder Abfalleimer. Mittlerweile mussten die Anwohner ihre Mülltonnen mit Schlössern sichern. Auch dort entsorgten Übernachtende ihren Abfall. Die Bewohner hatten die Mehrkosten zu tragen.

Nahe der Partnachalm in Garmisch-Partenkirchen hat Wiesengrund-Besitzer ein Schild an seinem Stadl angebracht, dass viel über das Verhalten der dortigen Wanderer aussagt. Die teilweise anstandslosen Wanderer, hinterlassen nicht nur Müll, sondern sie verrichten ihre Notdurft gelegentlich dort, anstatt im nahen Wald.

Hier geht es zu wie auf dem Rummelplatz. Bis tief in die Nacht wird Party gemacht.

Petra Schandl, Anwohnerin

Illegale Camper in Mittenwald: Situation ist nicht neu - doch Gemeinde ist machtlos

„Einige versuchen nun, in unseren Keller zu gelangen oder schleichen im Garten umher“, sagt Schandl. Situationen, die ihr vor allem nachts Angst machen. Hinzu kommt die Lautstärke. „Hier geht es zu wie auf einem Rummelplatz. Bis tief in die Nacht wird manchmal Party gemacht. Da macht man kein Auge mehr zu.“

Die Situation ist nicht neu. Seit der ehemals von der Gemeinde betriebene Spielplatz verschwunden ist, nimmt das Kampieren überhand. Wo früher Kinder schaukelten, stehen jetzt Fahrzeuge in allen Varianten – vom Van mit kleinen Schlafdach bis zu Gefährten in der Größe eines Lkw. „Über 100 Wohnmobile an einem Tag sind keine Seltenheit“, sagt Schandl. Die Camper fahren Markisen aus, bestuhlen großzügig, entzünden Grills und schlagen Zelte auf. Eben all das, was auf einer als Parkplatz gewidmeten Fläche nicht erlaubt ist.

Verzweiflung wegen illegaler Camper: Anwohner leiden unter Touristen

Schon mehrmals haben sich die Anwohner in ihrer Verzweiflung an die Gemeinde gewandt. Die ist aber machtlos. Die zwei Parkplätze sind in Privatbesitz. Sie gehören der Karwendelbahn. „Damit ist die Bauaufsicht des Landratsamtes die Stelle, die die Fläche überprüfen muss“, sagt Josef Stieglmeier, Leiter des Mittenwalder Ordnungsamtes. Doch die prüft schon lange. Bereits im April 2019 hat Stieglmeier auf das Problem hingewiesen. In den 19 Monaten gab es lediglich eine einzige Besichtigung vor Ort. Ein Ergebnis steht aus. Es wird immer noch geprüft, heißt es vom Landratsamt.

Die Situation ist gar nicht so leicht zu klären. Denn ein generelles Verbot für das Übernachten in einem Wohnmobil auf öffentlichen Parkplätzen gibt es nicht. Das einmalige Schlafen zur „Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit“ ist zulässig. Nicht aber sich häuslich einzurichten, die Markise auszufahren und Stühle aufzustellen. Dafür müsste die Fläche umgewidmet werden. Da entsprechende Verbotsschilder von der Karwendelbahn nicht aufgestellt werden, kann auch die Polizei nur wenig ausrichten.

Mittenwald: Zweckentfremdeter Parkplatz ist Konkurrenz für offizielle Campingplätze

Doch bedeutet der zweckentfremdete Parkplatz vor allem eines: Konkurrenz für die offiziellen Campingplätze. Lediglich fünf Euro für eine Parkdauer von 24 Stunden verlangt die Karwendelbahn. Zudem können ein-, zwei- oder drei-Tagestickets erworben werden. In Online-Camping-Foren bewerben Unbekannte die Fläche sogar explizit als Wohnmobilparkplatz. „Super Lage neben Isar und Talstation Karwendelbahn“, schreibt ein User. „Preis/Leistung in Ordnung, auch wenn Müllentsorgung und Strom wünschenswert wären“, ein anderer. Auch in den sozialen Netzwerken wird der Platz angepriesen. Schließlich ist er billiger als die offiziellen Campingplätze.

Doch für Andreas Zick, Betreiber des Alpen-Caravanparks Tennsee, ist das keine Überraschung. „Die meisten Campingplätze sind vollkommen ausgebucht.“ Auch seiner seit drei Wochen. „Nach der Coronapause wollen alle in die Alpen. Wir können einfach nicht mehr aufnehmen.“

Weitere Nachrichten aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen

Immer wieder kommt es im Landkreis Garmisch-Partenkirchen zu ähnlichen Szenen. In Ohlstadt nimmt der Ausflügler-Ansturm aus München Überhand - eine Anwohnerin zeigte sich entsetzt über das Verhalten der Besucher. In Grainau demonstrierten Bürger kürzlich außerdem gegen Verkehr, Lärm und Gestank - sie wollen die Politik zum Umdenken animieren.

Verkehrschaos in Garmisch-Partenkirchen: Kommt jetzt ein Umdenken? Eine Winter-Kampagne soll die Probleme lösen - doch das letzte Wort dazu ist noch nicht gesprochen.

Rubriklistenbild: © Joho

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