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Halten die SPD-Fahne hoch: (v. l.) Enrico Corongiu und Markus Rinderspacher.

100 Jahre SPD in Mittenwald

Rinderspacher: „Es lebe die bayerische Republik“

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Wo bleibt die demokratische Erinnerungskultur? Das fragte sich Markus Rinderspacher, der Vizepräsident des Bayerischen Landtags. Der Landespolitiker mahnte beim Festakt „100 Jahre SPD in Mittenwald“ eindringlich, das Vermächtnis der Revolution von 1918 nicht zu vergessen.

MittenwaldMichael Poeschke (1901 bis 1959) schleppt sich am 29. April 1933 mit blutigem und zerrissenem Hemd in den Bayerischen Landtag. Die Nazis haben den jungen SPD-Abgeordneten im Konzentrationslager Dachau grün und blau geschlagen. Bei der Abstimmung über das bayerische Ermächtigungsgesetz, bei der alle seine 15 Fraktionskollegen nein sagen, kann der geschundene Sozialdemokrat nicht teilnehmen. Seine Verletzungen sind zu schwer. Poeschke muss ins Krankenhaus.

In der Bundesrepublik wird der ehemals verfolgte Rote aus Franken später erfolgreicher Bürgermeister seiner Heimatstadt Erlangen. Poeschke stand in den Stunden von Folter und Terror zu seiner demokratischen Gesinnung. Er war für die nachfolgende Generation beispielgebend. Aber warum verschwinden diese mutigen und aufrechten Politiker, die den Nazis die Stirn boten, aus dem kollektiven Gedächtnis? „Sind das Geschichten, die in Vergessenheit geraten dürfen?, fragte am Freitag Landtagsvizepräsident Markus Rinderspacher im Hotel Post in die Runde. Der langjährige Oppositionsführer im Maximilianeum hielt beim Festabend „100 Jahre SPD Mittenwald“ die zentrale Rede – und was für eine. Der Mann aus München hat den etwa hundert Zuhörern – darunter Landrat Anton Speer sowie die Bürgermeister Adolf Hornsteiner (Mittenwald), Dr. Sigrid Meierhofer (Garmisch-Partenkirchen) und Martin Wohlketzetter (Farchant) – ein Päckchen zum Nachdenken mit auf den Nachhauseweg gegeben. Seine messerscharfe Analyse über 100 Jahre demokratische Grundordnung im Freistaat gipfelte in den Worten: „Es lebe die bayerische Republik.“

Preuße und Pazifist

Eine, die ausgerechnet von einem Preußen, dem linken Pazifisten Kurt Eisner aus Berlin, mitbegründet wurde. Von ihm stammt der Satz: „Jedes Menschenleben soll heilig sein.“ Eisner, die zentrale Figur der Revolution vom 8. November 1918, starb im Frühjahr 1919 durch zwei Kugeln, die ein politischer Gegner auf ihn abgefeuert hatte. Wo in Bayern sind die Straßen, die nach Männern wie Eisner benannt sind?, fragt sich Rinderspacher. Ihm zufolge wird in 150 Demokratien an den Unabhängigkeitstag erinnert – in Bayern nicht. Dort gibt es lediglich im Neubau-Silo von München-Neuperlach eine Kurt-Eisner-Straße. „Es ist lieblos, wie wir mit unserer Demokratiegeschichte umgehen“, urteilt der Landtagsvize. Er glaubt, dass „die Demokratie heute noch eine Kopf- und keine Herzenssache“ in Bayern sei. „Aber wenn wir keine demokratische Erinnerungskultur pflegen, dann haben wir auch kein Fundament, keine Vorbilder.“ Doch Politiker wie Wilhelm Hoegner (1887 bis 1980), Verfassungsvater und ehemaliger bayerische Ministerpräsident und laut Rinderspacher der „größte Demokrat ever“, taugen als solche. Aber die Jugend kennt ihn nicht mehr. Daher glaubt der SPD-Politiker: „Wir müssen Demokratie wieder lernen.“ In „asozialen Netzwerken“ könne das nicht gelingen. Auch mit der eigenen Gruppierung hadert Rinderspacher. „Wir sind heute als SPD zu sehr Staatspartei.“ Das war mal anders. „Bis 1969 (Anm. d. Red.: Beginn der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt) waren wir die Ausgestoßenen, wir waren eine Bewegung.“ Zurück zu den Wurzeln, das wünscht sich Rinderspacher. Den anwesenden Lokalpolitikern empfahl er etwa bei Staatszuschüssen, wie einst Eisner das Obrigkeitsdenken abzulegen. „Wenn der Söder kommt, macht keinen Diener. Nicht dem Monarchen huldigen: Ihr bekommt nur, was Euch zusteht.“

Keine Schamgrenzen

Ein solch aufwühlender Beitrag hatte beim Publikum die Wirkung nicht verfehlt. Erst volle Konzentration, dann großer Applaus. „Eine fulminante Rede“, sagte SPD-Ortschef Enrico Corongiu, der zuvor den neuen Politikstil, der mit den rechten Populisten in den Parlamenten Einzug hält, gegeißelt hatte. „Sämtliche Schamgrenzen und Benimmregeln sind von ihnen außer Kraft gesetzt.“ Auch Gastrednerin Meierhofer sieht Werte wie Solidarität „aus der Mode“ geraten. „Da bröckelt was.“

Leicht hatten es die Sozis in Mittenwald nie, wie aus dem bemerkenswerten Vortrag von Bärbel Rauch ersichtlich wurde. Doch darin liegt laut Rinderspacher auch eine Chance: „Politik aus einer Minderheitenposition in einem rabenschwarzen Umfeld machen“ – das hat was. Gekämpft haben die Sozialdemokraten für ihre Überzeugungen in Mittenwald immer, auch wenn sie von den Etablierten als „Eindringlinge“ und Unruhestifter“ gebrandmarkt wurden. „Das zeigt, wie lebendig wir sind – auch wenn wir schon oft tot gesagt wurden“, sagte Rauch.

Kleine Erfolgsgeschichte

Selbst Landrat Speer (Freie Wähler) sieht bei den Karwendel-Roten „eine kleine Erfolgsgeschichte“.

Mittenwalds Rathauschef Hornsteiner berichtete gar, in seiner Studienzeit einmal eine Abhandlung über die SPD und den Deutschen Gewerkschaftsbund verfasst zu haben. Sein Appell: „Wir tun gut daran, die Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter auseinander geht, wieder zusammenzuführen.“ Ein bisschen rot ist anscheinend sogar ein schwarzer Bürgermeister.

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