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Spektakulär und gefährlich waren die Arbeiten, hier im ersten Abschnitt nach 1955, für die Karwendelbahn. Das Material bringen die Männer über eine improvisierte Seilbahn nach oben.
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Das letzte Tragseil wird – nach einer missglückten Sprengung – 1967 in Mittenwald angeliefert.
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Ein gutes Team: Voller Begeisterung setzten sich Michael Bader (l.) und seine Spezl für die Bahn ein.
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Gerne erinnert sich Michael Bader an den Bau.
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Tausende Starter zählte der legendäre Dammkarwurm.

Mordsgaudi bei Schnee und Saure Lüngerl 

50 Jahre Karwendelbahn - Erinnerungen an eine besondere Baustelle

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Am 7. Juni 1967, vor 50 Jahren, ging die Karwendelbahn in Mittenwald in Betrieb. Michael Bader (84) und der ehemalige Bauleiter Hans Wehrberger (78) erinnern sich an eine außergewöhnliche Baustelle. Auf der mehrere Jahre lang nichts passierte. 

Mittenwald – Michael Bader liegt in der Grube, der Baum auf ihm. Ein Ast auf seiner Brust nimmt ihm die Luft zum Atmen. Hose, Hemd, Unterhemd, alles hat es ihm vom Leib gerissen. Nur Hosenträger und Gürtel haben den Absturz überlebt. Er aber wird sterben. Er wird das erste Todesopfer sein, das der Bau der Karwendelbahn fordert. Genau erinnert sich Bader an diese Gedanken, während er um Luft ringt. Dass er sie laut hinausschreit, erzählen ihm die Spezl später.„Der Erste is scho hi“, ruft er. „Der Erste is scho hi.“ Doch Bader überlebt. Und feiert am 7. Juni 1967 die Eröffnung einer Bahn, die für ihn so viel mehr bedeutet als eine Bergbahn. Bader, heute 84 Jahre alt, spricht von einer Herzensangelegenheit. Gerne denkt er an die vielen Tage auf der Baustelle zurück. Harte Tage. Kalte vor allem. Bader sagt nur: „Für uns Burschen war’s a Mordsgaudi.“

Der erste Luxus: Hütte ersetzen die Zelte am Berg

1955 beginnen die Arbeiten. Für Bader, einen jungen Zimmerer aus Mittenwald, steht außer Frage: Da hilft er mit. Mit acht Spezln bewirbt er sich bei der Firma Holzmann aus München, die die Baumeisterarbeiten übernimmt. Bald marschieren sie mit ihren Rucksäcken los zur ersten Woche auf 2244 Meter Höhe. Anfangs übernachten sie im Schlafsack in Zelten. Die sie x-Mal nach Schneefällen ausschaufeln. Daunen- oder Gore-Tex-Hightech-Jacken gibt es nicht. In Lederschuhen, Wollsocken, Janker und Knickerbocker werkeln die Mittenwalder. Ob sie gefroren haben? Mei, sagt Bader. Wahrscheinlich. Weiß er nicht mehr. Die Baustelle empfand er als Abenteuer. Da gehörte die Kälte dazu. Der erste Luxus kam mit der Materialseilbahn: Hütten ersetzten die Zelte.

Jeden Montag marschiert das Team ab 1955 auf den Berg, bleibt bis Samstag, kümmert sich um die Fundamente. Zum Teil springen sie in 20 Meter Höhe auf den Balken herum. An einen Helm oder ein Seil denkt keiner. Ein bisschen leichtsinnig, sagt Bader, waren sie schon. Im Nachhinein wundert er sich, dass nicht mehr passiert ist. Der eine Unfall aber zu Beginn der Arbeiten reicht.

Etwa 60 Meter stürzt Bader in die Tiefe

Im Bereich der Mittenwalder Hütte schneiden die Männer einen Baum um. Mit Hack und Säge stehen sie am Hang, als der Baum fällt. Und den Grund mitreißt. Ebenso wie Bader. Etwa 60 Meter tief stürzt er und bleibt in der Grube liegen. Es soll eine gefühlte Ewigkeit dauern, bis Bader im Murnauer Krankenhaus operiert wird.

Dort steht alles bereit, doch Bader kommt nicht. Er liegt im Krankenwagen – und der steht in Klais. Mit einem Platten. Zufällig kommen amerikanische Soldaten vorbei, die den Mittenwalder mitnehmen. Heute lacht er darüber. „Ist ja alles gut gegangen.“ Welche Knochen er sich gebrochen, welche Organe gequetscht hat – er weiß es nicht. Wichtig war für ihn nur: Nach ein paar Wochen werkelte er wieder auf der Baustelle. Bis zu dem Moment, in dem plötzlich nichts mehr weiterging.

„Packt’s zamm, geh’ ma nunter“

Der Beton für die Fundamente ist an diesem Tag im Frühjahr 1958 angerührt, als der Chef ruft: „Packt’s Euer Zeug zamm, geh’ ma nunter.“ Zu diesem Zeitpunkt steht der Rohbau der Talstation, die Materialbahn läuft, die Fundamente der Stützen sind fertig, jene an der Bergstation nur halb. Doch es geht nicht weiter, das Geld fehlt. „Auf die Minute musst’ ma gehen“, sagt Bader. „Ein Schock.“ Den die Männer bei einem Bier in der Wirtschaft verarbeiteten. Lange saßen sie an dem Abend beieinander. Sie waren sicher: Sie machen nur eine Pause, bald bauen sie ihre Bahn fertig. Aus bald wurden einige Jahre.

Regelmäßig marschiert Bader mit seinem Spezl Toni Hibler in dieser Zeit auf den Berg. Nach einem Sturm schauen sie nach dem Rechten, erneuern Dächer ihrer Schlafbaracken. Die zwei und ihre sieben Mittenwalder Kameraden melden sich als Erste bei der Firma Holzmann, als 1965 feststeht: Es geht weiter. „Wir konnten es gar nicht erwarten.“

Mitarbeiterflucht - eines des größten Probleme

Hans Wehrberger erinnert sich gut an Bader. „So ein begeisterter Mann.“ Mehr davon hätte er gebraucht. Als der Münchner mit 26 Jahren die Bauleitung übernimmt, rechnet er mit technischen und logistischen Herausforderungen – nicht aber mit Mitarbeiterflucht. „Das war eines der größten Probleme“, sagt der 78-Jährige. Arbeiter, die nach einer Woche am Berg nicht wiederkamen. Die Kälte und die Höhe verkrafteten sie nicht. Das Essen auch nicht.

Anfangs schickte eine Gaststätte warme Mahlzeiten über die Materialbahn auf den Berg. Nur: Die Gerichte blieben nicht warm. Und schmeckten nicht allen. Einmal gab’s Saure Lüngerl. „Nicht jedermanns Sache.“ Schon gar nicht kalt.

„Schlimm, die ganze Streiterei“

Bader hat das alles kaum interessiert. Er wollte einfach die Bahn bauen. „Sie ist etwas Besonderes“, schwärmt er noch heute. „Sie ist einmalig.“ Umso trauriger stimmen ihn die aktuellen Debatten. „Schlimm, die ganze Streiterei.“

Am Rande verfolgt auch Wehrberger in Heimstetten im Osten Münchens die Diskussion – und liest mit Bedauern schlechte Nachrichten. „Schade, wenn es der Bahn nicht gut geht. Ich hänge an ihr.“ Bereits vor 17 Jahren setzte er sich zur Ruhe, leitete als Diplom-Ingenieur Großprojekte wie den S-Bahn-Bau am Marienplatz. Die Karwendelbahn aber bezeichnet er als Höhepunkt. Allein wegen der Umgebung. Mit dem Gebirge könne die Stadt nicht mithalten. Eine besondere Stellung nimmt das Projekt auch ein, weil damit seine Karriere begann. Und es mit Herausforderungen verbunden war. „So eine Baustelle läuft nicht wie ein Uhrwerk.“ Ganz und gar nicht. Die Arbeiten standen 1966 kurz vor dem Abschluss, nur noch eine Sprengung fehlte, damit das Tragseil bei Sturm nicht gegen einen Felsen schlug. Die Bundeswehr übernahm diese Aufgabe – und vergeigte sie. Sämtliche Seile wurden beschädigt. Wehrberger sagt: „Damit hatten wir nichts zu tun. Wir waren fein raus.“ Sein Team bearbeitete den Felsen mit dem Presslufthammer, während das neue Tragseil geliefert wurde.

Am 7. Juni 1967, vor 50 Jahren, feierte der Markt schließlich die Bahn, auf die er so lange gewartet hatte. Wehrberger erlebte den Tag gelassen. „Ich war sicher, dass alles funktioniert.“ Und Bader? Der dachte vor allem an die Mordsgaudi.

Die Geschichte der Karwendelbahn

Vorgeschichte: Schon vor 100 Jahren zieht das Karwendel Besucher an – Wanderer, Kletterer Skifahrer. Ab den 1930er Jahren kommen sie per Sonderzug aus München nach Mittenwald. Unvergessen – der legendäre „Dammkarwurm“. Tausende stapfen mit geschulterten Holzlatten und Leinenrucksack von Mittenwald hinauf, um Ski-Geschichte zu schreiben. Denn dieser Riesentorlauf sucht seinesgleichen. Am Ziel erwartet die Teilnehmer eine Eisbar. Angesichts des Ansturms liegt die Idee nahe, eine Bahn zu bauen. 

Baubeginn und Baustopp: 1954 gründet der Großmetzgereibesitzer Hans Hofmann aus München die Karwendelbahn GmbH. Als Baukosten veranschlagt man 2,5 Millionen Mark, ab 1957 soll die Bahn fahren. Doch mitten in den Arbeiten wird das Budget wegen des schwierigen Geländes gesprengt, der Staat hält seine Bürgschaftszusage nicht. Im Frühjahr 1958 wird der Bau gestoppt, das Projekt steht vor dem Aus. 

Fortsetzung der Arbeiten: Mittenwalds Bürgermeister Josef Brandner (1960 bis 1987) und Kämmerer Hans Wackerl kämpfen für den Weiterbau. Banken, Baufirmen, Bürger und die Marktgemeinde schultern schließlich die Gesamtkosten von 5,2 Millionen Mark. Am 7. Juni 1967 wird sie eröffnet. 

Weitere Bauprojekte: Nach und nach entstehen Wanderwege, etwa der ehemalige Schafsteig zur Brunnsteinhütte. 1973 erklimmen die ersten Kletterer den Mittenwalder Höhenweg. Für den gefährlichen Übergang von der Bergstation ins Dammkar wird Mitte der 1970er Jahre der Fußgängertunnel errichtet – ein Mammutprojekt. 2008 erfolgt ein Schulterschluss aus Bergbahn und Naturschutz: Ministerpräsident Günter Beckstein (CSU) eröffnet Deutschlands höchstes Natur-Informationszentrum, das Fernrohr der „Bergwelt Karwendel“. Die Bahn wird 1992 modernisiert, 2011 bekommt sie neue Gondeln. Mit Inbetriebnahme der Bahn gehörte der Dammkarwurm als Riesentorlauf der Vergangenheit an und wird mittlerweile als Skitourenrennen ausgetragen. Die sieben Kilometer lange Abfahrt ist die längste Skiroute Deutschlands. Ein Eldorado für Freerider. 

Die Jubiläumsfeier

der Karwendelbahn startet am Mittwoch, 7. Juni, um 10.30 Uhr mit einer Technikführung. Um 12 Uhr beginnt am Berg mit Pfarrer Wolfgang Scheel und Pfarrvikar Dr. Gerald Njoku ein ökumenischer Gottesdienst. Weiter gefeiert wird am Jubiläumswochenende am 10. und 11. Juni. Angeboten werden jeweils eine Technikführung in der Talstation (10.30 Uhr) und eine Rundblickführung am Karwendel (15 Uhr). Für musikalische Unterhaltung ab 13 Uhr ist gesorgt. Die Bergwacht Mittenwald bietet geführte Klettersteigkurse. Auch ein Flying-Fox ist aufgebaut.

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