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Wohin geht die Reise für die Karwendelbahn?

Turbulente Aktionärsversammlung 

Karwendelbahn „zwischen Tragödie und Komödie“

Es ist – wie nicht anders zu erwarten – eine denkwürdige Veranstaltung: Bei der außerordentlichen Hauptversammlung der Karwendelbahn AG treffen die Kontrahenten aus Mittenwald und Heidenheim aufeinander. Nach einem siebeneinhalbstündigen Schlagabtausch stehen nur zwei Beschlüsse zu Buche – die wohl anfechtbar sind.

München/Mittenwald Die außerordentliche Hauptversammlung der Karwendelbahn AG im Haus der Wirtschaft in München ist noch keine zehn Minuten alt, da geht es schon los mit der Streiterei. Kai König, Rechtsbeistand der Marktgemeinde Mittenwald, beginnt damit, den 90 Punkte umfassenden Fragenkatalog vorzulesen. Doch Aufsichtsratsvorsitzender und Versammlungsleiter Wolfgang W. Reich klagt: „Wir können so nicht mitschreiben.“ König möge langsamer vortragen. Das geht noch ein paar Minuten so weiter, bis Aktionärin Caterina Steeg der Kragen platzt. Sie fordert, die Versammlung abzubrechen und für einen anderen Tag neu einzuberufen. „Es ist offensichtlich verabsäumt worden, für einen geregelten Ablauf zu sorgen.“

„Vollversagen“

Ein Vorwurf, der sich an Reich richtet. Und Steeg, die auch andere Anteilseigner vertritt, legt noch einen drauf: „Ich stelle an dieser Stelle ein Vollversagen fest.“ Die Würzburgerin besucht nach eigenen Angaben 30 bis 40 Aktionärsversammlungen im Jahr. Aber so etwas sei ihr bisher nicht untergekommen. Dass König ihm die Fragen nicht übergeben will, hält Reich für „rechtsmissbräuchlich“. Steeg betont hingegen: „Es gilt das Prinzip der Mündlichkeit.“ Reich hätte also einen Stenografen engagieren müssen. Danach geraten Reich und Gerhard Schöner, Aufsichtsrat und Zweiter Bürgermeister von Mittenwald, aneinander. Der Lokalpolitiker sagt, er sei nicht zur Versammlung eingeladen worden. Für Reich eine „falsche Unterstellung“. Eine Reihe von Satzungsänderungen soll an diesem Tag im Raum Nürnberg beschlossen werden. Eine davon betrifft den künftigen Ort der Hauptversammlung. Die Hauptaktionäre der Karwendelbahn von der Konsortium AG, die sich seit Jahren ein erbittertes Duell mit der Marktgemeinde Mittenwald liefert, schlagen vor, dass die Treffen fortan am Sitz der Gesellschaft (Heidenheim) oder einer Wertpapierbörse stattfinden sollten. 

Reich erntet Gelächter

Das wirft erwartungsgemäß die Frage auf, warum es Kleinaktionären erschwert werden soll, die Versammlungen zu besuchen. Reich sagt, man wolle „flexibel“ sein. Und er verspricht sich einen touristischen Effekt. „Es schadet nicht, die Hauptversammlung in Frankfurt oder Stuttgart zu machen, um auf die Karwendelbahn aufmerksam zu machen.“ Bei den rund 15 anwesenden Aktionären löst diese Begründung Gelächter aus.

Klar ist: Von einer Karwendelbahn-Zusammenkunft in Berlin dürfte so gut wie niemand Notiz nehmen – mit Ausnahme der Aktionäre. „In Mittenwald haben Sie die Berg- und Talstation zur Verfügung“, ruft Steeg in Richtung Reich und Vorstand Patrick Kenntner. Die Würzburgerin fühlt sich an irgendetwas „zwischen Tragödie und Komödie“ erinnert.

Widerspruch gegen Beschlüsse

Reich driftet zwischendurch etwas ab. Das gipfelt in seiner Mutmaßung, die Wahrscheinlichkeit, dass Bayern in den nächsten zehn Jahren aus der Bundesrepublik austritt, liege bei 10 bis 15 Prozent. Die Abstimmung über den künftigen Ort der Hauptversammlung geht am Ende jedenfalls nicht im Sinne der Kleinaktionäre aus. Rund 58 Prozent votieren pro Satzungsänderung. Ob diese Bestand hat, wird man sehen. Denn sowohl die Marktgemeinde Mittenwald, als auch Steeg erklären Widerspruch zu sämtlichen Beschlüssen dieses Tages.

Bei weiteren Punkten mit Sprengkraft kommt es nicht zum Votum. Auf Betreiben der Heidenheimer sollte die Bestellung des Sonderprüfers Christian Müller revidiert werden. 2016 war er dazu berufen worden. Doch über diese Frage wird nicht abgestimmt. Über die von der Konsortium AG angestrebte Kapitalerhöhung um bis zu 96 000 Euro zwar schon, doch Reich erklärt das Votum anschließend für ungültig.

Keine Antwort auf 73 Fragen

Es ist eine denkwürdige Versammlung, bei der darüber hinaus die Frage nach fehlenden Jahresabschlüssen aufkommt. Glaubt man Reich, sollen diese „in den nächsten sechs Monaten“ vorliegen. Vieles, was der Markt Mittenwald wissen will, bleibt offen. Am Ende sind 73 Fragen der Kommune nicht beantwortet.

Vorstand Kenntner wirkt bei dem Ganzen eher wie ein Statist: Schon relativ bald nach dem Auftakt erklärt er, dass er sich Reichs Aussagen zu Eigen mache – auch solche, die dieser im weiteren Verlauf tätigt. Interessant dabei: Nach Angaben von Mittenwalds Rechtsbeistand König entschied das Landgericht München II dieser Tage in erster Instanz, dass die Wahl der drei Aufsichtsräte Wolfgang W. Reich, Wolfgang E. Reich und Gerhard Proksch nichtig sei. Erfahrungsgemäß dürfte hier das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.

Juristisch anfechtbar

Um 18.30 Uhr geht die Versammlung nach siebeneinhalb Stunden relativ abrupt zu Ende. König und Steeg wollen noch Anträge stellen, was Reich aber nicht zulässt. Beobachter sind der Meinung, dass es juristisch anfechtbar ist, wenn eine Versammlung abgebrochen wird, ohne dass alle Tagesordnungspunkte behandelt wurden. Mittenwalds Bürgermeister Adolf Hornsteiner (CSU), der von Kämmerer Heinz Stieglmeier begleitet wurde, spricht hinterher von einer „bizarren Hauptversammlung“. Als „Erfolg“ für die Gemeinde wertet er es, dass es nur bei zwei von elf Tagesordnungspunkten zu Beschlüssen kam.

Roland Lory

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